Sturmlauf mit Demut

Von Micha Schneider
Freitag, 23.10.2015 | 11:59 Uhr
Ralf Rangnick und seine Bullen haben wieder Tuchfühlung zur Spitze
© getty
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RB Leipzig startete als Top-Favorit in die neue Spielzeit. Der Saisonstart verlief holprig, die Mängel scheinen aber behoben. Rangnicks Philosophie beginnt zu greifen und Leipzig pirscht sich an die Spitze. Doch vor dem Spiel gegen Düsseldorf (18.30 Uhr im LIVETICKER) bleibt eine zukunftsweisende Frage weiter ungeklärt.

Wäre die Saison schon zu Ende - Werder Bremen hieße der Relegationsgegner für RB Leipzig, seines Zeichens Drittplatzerter der 2. Liga. Jenes Werder also, dem man vor der Saison Sturm-Talent Davie Selke abgeluchst hatte. Aber auch jenes Werder, gegen das die roten Bullen vor zwei Wochen noch in einem Testspiel mit 0:3 unter die Räder kamen.

Zugegeben, die Aussagekraft von solchen Spielen ist nicht die größte, dennoch war die Partie für Leipzig Warnung genug: Direkt steigen eben nur die ersten beiden Teams auf - und das wären momentan der SC Freiburg und der VfL Bochum.

Im Vergleich zum fünften Platz im Vorjahr wäre der dritte Rang für RB zwar eine Steigerung. Klar ist aber auch: Leipzig will mehr, auch wenn die Verantwortlichen sich darum bemühen, nicht in die Favoritenrolle geredet zu werden.

"Ein Unterschied besteht schon in der internen Wahrnehmung zur externen Darstellung. Es ist keineswegs so, dass der Aufstieg Pflicht ist und alles andere eine große Enttäuschung wäre. Wir wissen ganz genau, wie stark diese Liga ist", baute Rangnick im kicker wohl auch schon ein Stück weit vor, falls der Sprung ins Oberhaus auch im zweiten Anlauf nicht gelingen sollte.

Holpriger Saisonstart

Nette Phrasen - denn wer Rangnick letzte Saison in der Phase beobachtet hat, als es zwischen ihm und Alexander Zorniger zum Bruch kam, weil der den Aufstieg nicht offen als Ziel ausgeben wollte und als "zu früh" einstufte, der weiß, dass alles andere als ein direkter Aufstieg für den ehrgeizigen Backnanger ein äußerst undankbares Szenario wäre, schließlich haben die Bullen vor der Saison auf dem Transfermarkt noch einmal ordentlich Geld in die Hand genommen.

15,6 Millionen wurden in Spieler wie Davie Selke, Atinc Nukan oder Willi Orban investiert - dennoch: Ein Überflieger-Team ist der teure Kader noch nicht. Das Wort "Ergebniskrise" machte die Runde, am vierten Spieltag setzte es die erste Pleite - und Rangnick schlug Alarm: "Wir können jetzt nicht so tun, als wäre alles paletti gewesen. Hoch und weit aus der Abwehr steht nicht auf unserer To-Do-Liste", sagte Rangnick. Ein eindeutiges Signal an die bisweilen wacklige Defensive.

Leipzig reagierte, holte für drei Millionen Marcel Halstenberg vom Liga-Konkurrenten St.Pauli, der auf Anhieb zu einer Verstärkung avancierte und der Abwehr im Verbund mit Willi Orban und dem in seinem zweiten RB-Jahr stark aufspielenden Lukas Klostermann mehr Stabilität verlieh. Auch der von vielen schon abgeschriebene Routinier Marvin Compper fand zuletzt wieder zu alter Stärke zurück.

Offensiv zu harmlos

Aber auch in der Offensive war Leipzig in der letzten Saison viel zu harmlos. Gerade 39 Mal traf Leipzig ins gegnerische Tor - für einen Aufstiegsanwärter zu wenig. Davie Selke, Emil Forsberg und Marcel Sabitzer machen ihre Sache dieses Jahr zwar gut, ein Stürmer, der aus keiner Chance ein Tor erzielt, wird bisweilen aber manchmal vermisst. Yussuf Poulsen befindet sich seit geraumer Zeit in einem Formtief und hatte nach der Systemumstellung von 4-4-2 auf 4-2-3-1 seinen Stammplatz an Davie Selke verloren.

Einen solchen Vollblutstürmer wollen die Bullen nun im eigenen Stall ausbilden. Renat Dadachov hat als 16-Jähriger für die U19 in dieser Saison bereits sieben Tore in sechs Spielen geschossen. Er gilt als Versprechen für die Zukunft, braucht aber freilich noch Zeit. Vorerst müssen es die anderen richten. Ein wichtiges Signal war die Vertragsverlängerung von Kapitän und Identifikationsfigur Dominik Kaiser, der bis 2018 unterschrieben hat. Er ist einer der Führungsspieler im jungen Leipziger Team -die eingesetzten Spieler waren im Schnitt 23,8 Jahre jung.

Das Leipziger System ist derweil weiterhin auf schnelles Umschaltspiel und Gegenpressing ausgerichtet. Leipzig läuft mehr als fast alle Gegner und schießt öfter als fast alle Teams der Liga aufs Tor. "Zur Ball-Jagd gibt es für uns keine Alternative", sagte Ralf Rangnick zuletzt. Das unter Zorniger etablierte System wurde ein wenig verfeinert. RB presst nicht mehr ohne Rücksicht auf Verluste und die Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen ist besser geworden.

Still und heimlich an die Spitze

Leipzig arbeitet sich still und heimlich in höhere Tabellenregionen, ist seit sieben Spielen ungeschlagen und gewann am vergangenen Sonntag das Spitzenspiel gegen den VfL Bochum. "Die Tabelle ist extrem eng. Das war ein Ausrufezeichen", freute sich Ralf Rangnick über den Auswärtsdreier.

In der Fremde drückte letztes Jahr noch zu oft der Schuh. Gerade einmal drei Siege konnte Leipzig in 17 Spielen verbuchen. Dieses Jahr läuft es zwar auf des Gegners Platz, zu Hause muss Leipzig allerdings zulegen, will man Teams wie dem SC Freiburg Paroli bieten und in die Bundesliga aufsteigen. Acht Punkte aus fünf Spielen sind zu wenig.

23 Partien hat RB nun noch Zeit, den Aufstieg wahr werden zu lassen. Und 23 Spiele hat Ralf Rangnick Zeit, nach dem SSV Ulm 1846 und 1899 Hoffenheim mit dem dritten Klub den Sprung ins Oberhaus zu schaffen. Dennoch sieht er seine Zukunft nicht als Trainer: "Es ist hundertprozentig sicher, dass ich zur neuen Saison wieder in meinen alten Job als Sportdirektor zurückkehre", gab Rangnick zu Protokoll. Der "Macher" will bei Red Bull wieder den Gesamtüberblick behalten, auch was das Coaching der Jugendtrainer angeht. Dafür bleibt derzeit zu wenig Zeit.

Kommt jetzt Favre?

Als möglicher Nachfolgekandidat wurde deswegen zuletzt reflexartig Lucien Favre gehandelt, der in Gladbach allerdings ein gänzlich anderes Spielsystem als Alexander Zorniger oder Rangnick spielen ließ - was selbstverständlich kein Ausschlusskriterium darstellen würde.

Favre hätte bei Leipzig zudem erstmals in seiner Karriere die Möglichkeit, auch einmal richtig Geld in die Hand zu nehmen. Ein Dementi in dieser Personalie vermied Rangnick jedenfalls: "Lucien Favre hat fünf Jahre überragende Arbeit in Gladbach geleistet. Jetzt hat er erstmal sein Amt niedergelegt und ich gehe davon aus, dass er jetzt erst einmal eine Pause machen wird."

Pausen kommen für Rangnick derzeit nicht in Frage. Für den Trainer und Sportdirektor in Personalunion geht es bereits am Freitag gegen Düsseldorf (18.30 Uhr im LIVETICKER) darum, sich oben festzubeißen. Die Trainerfrage wird vorerst hinten angestellt: "Es macht momentan keinen Sinn, über einen einzelnen Trainer zu sprechen. Wir werden in Ruhe schauen, dass wir vom Timing einen Trainer finden, der zu uns passt."

Das perfekte Timing wäre dann wohl der 25. Mai 2016. Dann ist die Saison - mitsamt den Relegationsspielen - vorbei und Leipzig womöglich in die Bundesliga aufgestiegen.

Red Bull Leipzig in der Übesicht

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