Simpel und doch nie einfach

Von Adrian Franke
Sonntag, 24.05.2015 | 12:46 Uhr
Ewald Lienen trainierte 13 verschiedene Klubs in Europa. Nun kämpft er mit Pauli gegen den Abstieg
© getty
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Ewald Lienen hat in seiner Karriere selten den einfachen Weg gewählt. Lienen ist ein Trainer-Wandervogel, 13 verschiedene Klubs in Deutschland, Spanien, Griechenland und Rumänien hat er bereits als Cheftrainer betreut. Beim FC St. Pauli steht der Trainerfuchs kurz davor, einmal mehr das vermeintliche Fußball-Wunder zu schaffen (15.30 Uhr im LIVE-TICKER) - und bemüht sich dabei um klare Ansagen.

Es waren einfache Worte, die Ewald Lienen einige Tage nach seinem Amtsantritt an die Öffentlichkeit richtete. "Wir wollen unsere Abwehr stärken, und die fängt vorne an. Es ist eine Binsenweisheit: Angriff ist die beste Verteidigung", gehörte genauso dazu wie: "Wir wollen Ballbesitz haben, mehr Dominanz ausstrahlen. Dafür müssen wir natürlich viel im taktischen Bereich arbeiten."

Etwas über einen Monat hatte er nach dem rasanten Einstieg gegen Ingolstadt und Ahlen Zeit, um sein neues Team über die Winterpause auf die Aufholjagd vorzubereiten. Es geht, wieder einmal, um den Abstiegskampf, um Existenzen und um die Gefahr, über Jahre in der fußballerischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Und doch - Lienen fällt es dank einer bewegten Karriere nicht schwer, die Perspektive zu wahren.

"Wissen Sie, ich habe schon bei Vereinen trainiert, bei denen das Geld so knapp war, dass sich die Spieler kein Essen kaufen konnten oder wo Fans über Wochen die Geschäftsstelle besetzt haben. Ich habe also schon einiges erlebt, was im Fußball über das Alltägliche hinaus geht", stellte Lienen im Gespräch mit SPOX klar, wenngleich er zugab: "Die aktuelle Situation ist sicherlich schon eine große Herausforderung."

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Reise in eine andere Welt

Allzu lange muss Lienen nicht zurückschauen, um sich an eine ganz andere Welt zu erinnern. Von Oktober 2012 bis April 2013 trainierte der heute 61-Jährige den AEK Athen im finanziell gebeutelten Griechenland. Der Schuldenberg des Klubs wuchs derart an, dass fast alle Spieler den Klub über den Sommer verlassen mussten. Trotz sportlicher Qualifikation wurde AEK aus finanziellen Gründen nicht zur Europa League zugelassen.

"Dass die Situation in Griechenland schwierig ist, das habe ich gewusst und das hat sich bestätigt. Auch dass sich AEK in der tiefsten Krise der Vereinsgeschichte befindet, war mir klar. Ich wollte nach einem Jahr Pause wieder arbeiten und den Klub wieder an die Spitze bringen. Doch das ganze Ausmaß der Situation war mir nicht bewusst. Wir arbeiten hier unter Bedingungen, die man sich woanders gar nicht vorstellen kann", blickte er damals in der Frankfurter Rundschau zurück.

Für Lienen war es eine prägende Zeit. Eine Zeit ausstehender Gehälter, der Existenzängste von jungen Spielern und Profis, die sich kein Essen leisten konnten: "Zu Beginn meiner Tätigkeit hier musste ich ein gemeinsames Frühstück einführen, weil einige Spieler mit knurrendem Magen zum Training kamen. Zum Glück gibt es Restaurants, in denen die Spieler kostenfrei essen können und Anhänger, die uns immer wieder einladen." Zwei Spieltage vor Saisonende wurde Lienen unter dubiosen Umständen entlassen.

Vom Chaos zur Premiere

Doch der Trainer-Wandervogel, der als einen seiner Lehrmeister noch immer Jupp Heynckes bezeichnet, dem er Mitte der 90er Jahre beim CD Teneriffa assistiert hatte, ließ sich noch nie von kuriosen Umständen oder Abenteuern abschrecken. Und so durfte es eigentlich kaum überraschen, dass seine nächste Station Otelul Galati war. Als erster deutscher Trainer in Rumäniens Topliga. Lienen bewahrte Galati vom Abstieg und stellte seine Qualitäten als Entertainer unter Beweis.

Nach dem entscheidenden Sieg trat er mit Baseball-Mütze und Sonnenbrille vor die Journalisten, anschließend erklärte der einstige Pädagogik-Student der Bild: "Nachdem alles klar war, haben mir die Spieler diese Mütze und diese Brille aufgesetzt und mich gebeten, so auch auf die Pressekonferenz zu gehen. War kein Problem für mich." Doch erneut war nach nur einer Saison Schluss. Der Geldgeber des Klubs hatte sein Interesse verloren.

Lienens Zettelwirtschaft

Und einmal mehr schreckte Lienen danach nicht vor einer schwierigen Aufgabe zurück: Exakt ein halbes Jahr nach seinem Abschied aus Rumänien übernahm er den akut abstiegsgefährdeten FC St. Pauli, wieder sollte es der Klassenerhalt werden. St. Pauli hatte es Lienen, der in den 80er Jahren einst für den Landtag in Nordrhein-Westfalen kandidiert hatte, sofort angetan: Ein Verein, der soziale Verantwortung übernimmt und auch öffentlich klar für seine Werte einsteht - Lienen muss sich selbst in vielen Punkten wiedergefunden haben.

Zudem hat der 61-Jährige, genau wie St. Pauli, längst Kultstatus, und das auch dank seiner Zettel. Schon seit Jahrzehnten ist es bei Spielen von Lienens Teams ein vertrautes Bild, der Fußballlehrer hat stets seine Zettel dabei und schreibt während dem Spiel mit.

Gegenüber der Zeit verriet er einst, was dort zu lesen ist: "Ganz wenig. Große Chancen für uns, große Chancen der Gegner. Immer mit den Minutenangaben dabei. Das war's. In der ersten Halbzeit schreibe ich bedeutend mehr auf als in der zweiten, damit ich in der Pause coachen kann." Die Erklärung ist simpel: "Ich bin ein sehr visueller Typ. Schon in der Schule habe ich immer mitgeschrieben, was der Lehrer erzählt hat. Von jeder Schulstunde hatte ich meine Notizen."

Ein Sturm kommt nach Pauli

Und so nahm Lienen seine Zettel und seine Leidenschaft für das Spiel mit auf den Kiez, auch wenn er bisweilen ein wenig zu stürmisch vorging. Für die Zuschauer sichtbar wurde das spätestens im Ligaspiel gegen Heidenheim Ende April. Lienen wollte einen Ball möglichst schnell wieder ins Spiel bringen, stürzte aus seiner Coaching-Zone und fiel dabei so unglücklich, dass er sich die Hand brach.

Doch nicht nur das: Lienen wurde wegen unsportlicher Äußerungen gegen Gladbachs Ibrahima Traore in einem Testspiel Ende März auf die Tribüne geschickt und musste eine Strafe in Höhe von 4.000 Euro bezahlen. Bereits im zweiten Spiel nach der Winterpause gegen Fürth warf er dem Schiedsrichter-Gespann angeblich vor, das Spiel "verpfiffen zu haben". Die Folge: Eine Strafe über 3.000 Euro sowie Lienens öffentliche Standpauke, in der er betonte, dass er "entsetzt von dem Schiedsrichter und dem Kontrollausschuss" sei.

Das System greift

Doch mit Leidenschaft und seiner langjährigen Erfahrung im Abstiegskampf erreichte Lienen das Team und setzte seine Forderungen aus dem Winter in die Tat um. Pauli gewann nicht nur sechs der letzten zehn Spiele, das Team kassierte auch nur 14 Gegentore in den 16 Spielen seit Lienens Amtsantritt. 36 waren es zuvor in 17 Spielen.

"Eine gute und kompakte Defensive ist die Basis für erfolgreichen Fußball. Wir haben uns in den letzten Monaten, abgesehen vom Spiel in Karlsruhe, als Mannschaft sehr kompakt präsentiert und konnten dann zudem immer wieder Nadelstiche in der Offensive setzen und vielfach positive Ergebnisse erzielen", erklärte er gegenüber SPOX und wird nicht müde zu betonen, was das Team erreichen kann, "wenn alle zu 100 Prozent ihre Aufgabe erfüllen und mit völliger Leidenschaft und totalem Engagement alles aus sich herausholen".

So hat St. Pauli sein Schicksal am letzten Spieltag selbst in der Hand. Schlagen die Hamburger Darmstadt, ist der Klassenerhalt perfekt. Der Vorsprung auf 1860 und Frankfurt beträgt einen Punkt, auf Aue auf dem ersten direkten Abstiegsplatz sind es zwei Zähler. Und so beschäftige sich der Klub zwar mit dem "GAU", doch Lienen wählte einmal mehr einfache Worte: "Ich bin zu 100 Prozent auf meine Mannschaft fokussiert, denn nur die kann ich beeinflussen. Warum sollte ich mich also um Dinge kümmern, die ich nicht beeinflussen kann."

Ewald Lienen im Steckbrief

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