Leipzigs Stürmer Terrence Boyd im Interview

"Im Internet hat jeder dicke Eier"

Mittwoch, 23.07.2014 | 16:52 Uhr
Terrence Boyd (l.) traf kürzlich beim 4:2-Testspielsieg Leipzigs gegen Zlatan Ibrahimovic' PSG
© getty
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Terrence Boyd wechselt nach zwei Jahren bei Rapid Wien zurück nach Deutschland zu RB Leipzig. Im SPOX-Interview spricht er über seine Zeit in Österreich, Carsten Janckers Einfluss, Parallelen zu Shaquille O'Neal und die verpasste WM.

SPOX: Herr Boyd, Sie sind im Sommer 2012 von Borussia Dortmunds zweiter Mannschaft zu Rapid Wien gewechselt. Ihre Torquote beim BVB (32 Spiele, 20 Tore) war mehr als ordentlich. Wieso haben Sie keine Chance aufs Profiteam gesehen?

Terrence Boyd: Zunächst einmal muss ich sagen, dass das Jahr in Dortmund sehr wichtig für mich war. Ich habe dort viel gelernt, gerade den intensiven Pressing-Stil. Es wäre aber schwer gewesen, bei den Profis richtig Fuß zu fassen. Man hat Julian Schieber verpflichtet und Robert Lewandowski war gesetzt. Als sich dann die Option auftat, nach Österreich zu gehen und dort Erstliga- sowie Europa-League-Erfahrung zu sammeln, habe ich mir gesagt: Das machst du jetzt einfach mal. Und ich bereue diesen Schritt keinesfalls.

SPOX: Wie schwer ist es denn als junger Spieler, geduldig zu bleiben?

Boyd: Geduld ist das A und O. Das ist das Wichtigste, wenn man kurz davor steht, Profi zu werden. Man muss jedoch seine eigene Situation realistisch einschätzen können. Es gibt zahlreiche Spieler, die aus der Jugend kommen und dann bei den Profis trainieren dürfen. Viele machen das dann eine Weile und spielen in der Zeit fünf Mal in der Bundesliga - aber auch wieder 45 Mal in der Regionalliga bei den Amateuren. In solch einem Fall bringt dich das nicht weiter.

SPOX: Der Wechsel nach Wien rechnete sich sofort, Sie trafen auf Anhieb und haben insgesamt 37 Tore in 80 Spielen geschossen. Hatten Sie diesen Durchbruch erwartet oder hat es Sie überrascht, wie gut es lief?

Boyd: Ich denke eher so: Es wäre noch besser gegangen. Ich habe in der letzten Saison ein paar gute Chancen auch liegen gelassen. Es war aber natürlich wichtig, dass ich konstant treffe, auch in der Europa League. Rapid war für mich schon ein Abenteuer, aber man darf einfach keine Angst haben und muss 100 Prozent dahinter stehen. Wenn man sich den Arsch aufreißt, wird es über kurz oder lang auch honoriert.

SPOX: Jetzt haben Sie das eben angesprochene Mehr an Erfahrung. Wie hat es auf Sie gewirkt?

Boyd: Ich finde, dass ich durch die vielen Einsatzzeiten fußballerisch einen großen Sprung nach vorne gemacht habe, gerade im technischen Bereich. Ich danke dafür Carsten Jancker, er ist Co-Trainer bei Rapid. Als ehemaliger, sehr erfolgreicher Mittelstürmer hat er mir viel auf den Weg mitgegeben können. Durch ihn weiß ich jetzt, wie ich meine Rolle als Stürmer zu interpretieren habe. Das war sehr wichtig, weil ich bis dahin mein Spiel noch nicht so richtig gefunden hatte.

SPOX: Wie sah der Austausch mit ihm konkret aus?

Boyd: Carsten war sehr hart zu mir (lacht). Wir haben nach den Trainingseinheiten sehr viele Extraschichten eingelegt. Er hat mir immer eingeimpft: Spiele wie ein Center im Basketball. Shaquille O'Neal beispielsweise hat auch nie gedribbelt, er hat aber seinen Job gemacht. Ich muss als Mittelstürmer die Bälle festmachen, halten, verteilen und dann schnell wieder in den Sechzehner sprinten. Sobald ich im Strafraum bin, bin ich gefährlich.

SPOX: Mit Rapid hätten Sie nächste Saison wieder in der Europa League spielen können, stattdessen wechseln Sie in die 2. Bundesliga. Wo hat die österreichische Liga den dringendsten Optimierungsbedarf?

Boyd: Das Problem ist: Sobald sich ein Spieler in der Liga einen Namen gemacht hat, wechselt er schnell ins Ausland. Red Bull Salzburg ist dort die einzige Mannschaft, die ihre Stars halten kann. Die anderen Vereine haben einfach nicht die Mittel, um sich gegen namhafte Konkurrenz durch zu setzen. Das war ja auch bei mir so. Wenn die Klubs es schaffen könnten, ihre Besten davon zu überzeugen, in Österreich zu bleiben, dann würde die Liga zwangsläufig besser werden.

SPOX: Inwiefern spielt da auch das große Leistungsgefälle innerhalb der Liga mit hinein?

Boyd: Das gehört auf jeden Fall bei diesem Thema dazu. Für Rapid gab es in der Saison eigentlich nur das Derby gegen die Austria und die Spiele gegen Salzburg. Dann kam erst einmal lange nichts. Man hat ein paar Topspiele und in den anderen Partien geht es darum, sich nicht zu blamieren. Wenn man unter der Woche in der Europa League spielt und ein paar Tage später in die Provinz muss, dann bleibt die Motivation öfter auf der Strecke.

SPOX: War für Sie unabhängig vom Angebot aus Leipzig klar, dass es nach zwei Jahren in Wien eine Veränderung geben muss?

Boyd: Ja. Der Schritt zu RB Leipzig zwingt mich, mich weiter zu verbessern. Ich muss hier noch mehr aus mir rausholen. In Österreich wurde der Widerstand nicht größer. Ich habe das ehrlich gesagt bei Rapid auch im Training gemerkt: Irgendwann fiel es mir immer leichter, zu treffen. Ich habe dieselbe Leistung mit weniger Aufwand erreicht - und das kann es ja nicht sein.

SPOX: Als der Wechsel nach Leipzig bekannt wurde, beschimpfte man Sie in den sozialen Netzwerken teilweise erheblich. Wie sind Sie damit umgegangen?

Boyd: Ich wurde auf der einen Seite beschimpft, habe aber auch viele Rückmeldungen bekommen, wo es hieß: Höre nicht auf das Geschwätz, danke für alles. Ich bin zu allen immer offen und ehrlich gewesen und stehe natürlich auch zu der Entscheidung, die ich getroffen habe. Ich kenne ja auch die Rapid-Fans und ich werde für immer ein Grün-Weißer bleiben. Rapid ist kein 0815-Verein, das ist dort schon etwas Besonderes. Die Fanbasis ist wirklich ausschlaggebend für den ganzen Klub. Aber es gibt überall Idioten, gerade im Internet. Ich bin mir sicher: Sollte ich einen Rapid-Fan auf der Straße treffen, würde er sich nicht trauen, mich so zu beschimpfen. Aber im Internet hat jeder dicke Eier. Dort ist man schön anonym und kann nicht wirklich belangt werden.

Seite 1: Boyd über Carsten Jancker, Shaquille O'Neal und Anfeindungen im Internet

Seite 2: Boyd über Rapid-Fans, Wiener Polizisten und die verpasste WM

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