Ingolstadt-Trainer Tomas Oral im Interview

Oral: "Kohle rauszupfeffern bringt nichts"

Von Interview: Jochen Tittmar
Mittwoch, 11.04.2012 | 10:00 Uhr
Trainer Tomas Oral steht mit dem FC Ingolstadt derzeit auf Tabellenplatz 14 in der 2. Liga
© Imago
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Unter Trainer Tomas Oral hat sich der FC Ingolstadt von den Abstiegsplätzen der 2. Liga entfernt und ist seit mittlerweile zwölf Partien ohne Niederlage. Im Interview spricht der 38-Jährige über seinen Sensationsstart als Coach des FSV Frankfurt, die kurze Zeit bei RB Leipzig und erklärt, warum große Investitionen von FCI-Sponsor "Audi" noch keinen Sinn machen.

SPOX: Herr Oral, Ihre Trainerkarriere begann beim FSV Frankfurt mit sechs Aufstiegen in sechs Jahren äußerst erfolgreich. Das Reserveteam führten Sie dabei von der Kreisliga A bis in die Verbandsliga. Dabei waren Sie nebenher noch Spieler.

Tomas Oral: Mein Start ins Trainergeschäft war recht kurios. Ich habe die ersten fünf Jahre noch in der ersten Mannschaft gespielt und zeitgleich die U 23 trainiert. Ich habe als Spieler nie mit dem Gedanken gespielt, Trainer zu werden, sondern bin da immer weiter hinein gerutscht. Ich habe frei Schnauze trainiert und versucht, genügend Spaß und gewisse Inhalte zu vermitteln, die ich in meiner Laufbahn mitgenommen habe. Das war learning by doing.

SPOX: Diese unglaubliche Erfolgsserie war bestimmt auch nicht ganz unschuldig daran.

Oral: Natürlich. Wir haben Woche für Woche gewonnen. In den ersten fünf Jahren als Coach habe ich gerade mal fünf Spiele verloren. So hat es natürlich angefangen, richtig Spaß zu machen. In dieser Zeit haben sich auch viele Prozesse wiederholt, so dass ich als Trainer ideal aus meinen eigenen Fehlern lernen konnte.

SPOX: Als Sie Trainer der Profis wurden, gehörten Niederlagen dann "plötzlich" wieder ganz normal dazu.

Oral: Das war erstmal ziemlich ungewohnt für mich. In der 2. Liga wurde es ja immer schwieriger, Spiele zu gewinnen. Da musste ich wieder lernen, mit Niederlagen richtig umzugehen.

SPOX: Vor Ihrem Rücktritt Ende 2009 gab es acht sieglose Spiele. Nach der Partie gegen Kaiserslautern haben Sie auf der Pressekonferenz hingeschmissen. Da dies damals auch für Manager Bernd Reisig recht überraschend kam: Wieso hatten Sie sich so entschieden?

Oral: Wir hatten in Frankfurt immer relativ geringe finanzielle Mittel und beinahe jede Saison einen runderneuerten Kader. Auch in der angesprochenen Spielzeit gab es einen Umbruch im Team. Ich habe im Sommer den Lehrgang zum Fußballlehrer absolviert und hatte keinen Urlaub. Zeitgleich war das Transferfenster geöffnet und wir hatten noch sehr viele offene Plätze im Kader. Das war damals sehr intensiv und schwierig, unter einen Hut zu bringen.

SPOX: Rücktritt aus Selbstschutz also?

Oral: In gewisser Weise schon. Wir hatten auch ein höllisch schweres Auftaktprogramm und viele Spieler erst recht spät verpflichtet. Es lief nicht wie gewünscht, ich hatte jedoch aufgrund meiner Verdienste um den Verein mehr Rückendeckung erwartet - gerade in der Zeit, in der die ersten fünf, sechs Spiele nicht so erfolgreich waren. Da meine Antennen ganz gut funktionieren, haben wir einige Gespräche geführt. Ich kam dann zu dem Entschluss, dass ich egal wie das Spiel gegen den FCK ausgehen würde, zurücktrete. So überrascht, wie Bernd getan hat, kann er also nicht gewesen sein (lacht).

SPOX: Zur Saison 2010/2011 haben Sie dann bei Red Bull Leipzig angeheuert...

Oral: (unterbricht) Rasenballsport!

SPOX: Vollkommen richtig. Dennoch ein Verein, an dem sich die Geister scheiden. Können Sie dieser Dauerdebatte um die fehlende Tradition noch etwas abgewinnen?

Oral: Mir wird diese ganze Diskussion einfach viel zu hoch gehängt. Dietrich Mateschitz kommt aus dem Ausland und leistet im Osten unheimlich viel Aufbauarbeit - und das nicht nur im Fußball. Man sollte es zu schätzen wissen, wenn es solche Leute gibt, die sich in dieser Sache voll und ganz dem Fußball verschreiben. Das ist ein sehr interessantes Projekt.

SPOX: Man stößt sich bei RB Leipzig meist auch daran, dass es sich um einen Verein aus der Retorte handelt. Wäre dies Ihrer Meinung nach bei einem Traditionsklub wie beispielsweise Rot-Weiss Essen anders?

Oral: Nehmen wir einfach mal das Beispiel Rot-Weiß Essen. Ganz grundsätzlich: Wenn es irgendwo einen potentiellen Geldgeber gibt, dann will der natürlich auch das absolute Mitspracherecht auf sich vereinen. Vorher muss im Verein ja etwas schief gelaufen und Fehler begangen worden sein. Sonst wäre ein Verein wie RWE nicht dort, wo er jetzt ist. Viele nehmen das fremde Geld dann einfach an, wollen sich aber nicht hineinreden lassen. Dietrich Mateschitz oder auch Dietmar Hopp wissen aber genau, was sie wollen und vertrauen dann eben keinen Leuten, die einen Verein zuvor an die Wand gefahren haben. Das ist für mich der Grund, warum sich viele dieser Traditionsvereine einem solchen Modell auch nicht öffnen.

SPOX: Was müsste denn passieren, damit Klubs wie RB Leipzig oder auch 1899 Hoffenheim eine höhere Akzeptanz in der Öffentlichkeit erreichen?

Oral: Man erreicht die Akzeptanz am ehesten durch ansehnlichen und erfolgreichen Fußball. Als die Hoffenheimer ihren Raketenstart in der Bundesliga hingelegt haben, war die Akzeptanz mit am größten. Auch in Leipzig hat sich seit dem Einstieg von "Red Bull" viel getan. 7000 Zuschauer bei einem Regionalligaspiel sind jedenfalls keineswegs selbstverständlich. Diejenigen, die meckern, sind oft jene Leute, die diese finanziellen Möglichkeiten in ihren Vereinen nicht haben.

SPOX: Was war denn für Sie als Trainer in Ihrer Arbeit in Leipzig anders als zuvor in Frankfurt?

Oral: Wir haben uns im Vorfeld sehr lange besprochen. In Leipzig steht ein bundesligataugliches Stadion und sonst überhaupt nichts. Daher war für uns klar, dass wir dort absolute Aufbauarbeit leisten müssen. In der Öffentlichkeit war die Wahrnehmung aufgrund des Finanzaspektes jedoch so, dass alles außer einem Durchmarsch nicht akzeptiert worden wäre. Für uns war auch klar, den Aufstieg anzustreben - aber nicht mit aller Macht.

SPOX: Der Aufstieg klappte nicht, Sie mussten gehen. Das hört sich so an, als ob es zuvor so abgesprochen war.

Oral: Fakt ist: Ich hatte einen Einjahresvertrag plus Option. Für mich stand fest, dass wenn ich in die 4. Liga gehe, natürlich auch so schnell wie möglich wieder dorthin zurückkehren möchte, wo ich bereits war. Sollte der Aufstieg nicht auf Anhieb klappen, die Entwicklung des Vereins aber in die beabsichtigte Richtung gehen, dann geht es weiter. Doch durch die Entlassung von Dietmar Beiersdorfer und später den Rücktritt von Thomas Linke hat sich innerhalb der Saison eine völlig veränderte Situation ergeben. Man hat wieder alles auf Null gesetzt. Ich habe mich dann mit dem Pokalsieg verabschiedet.

SPOX: Apropos: Vor drei Jahren sagten Sie einmal, dass Sie als Trainer "irgendwann mal ganz weit oben" sein möchten. Wo sehen Sie sich derzeit angekommen?

Oral: Ich bin jetzt in Ingolstadt (lacht). Wir haben das Ziel, unbedingt die Klasse zu halten und uns dann zu einem grundsoliden Zweitligisten zu entwickeln. Klappt das, sind auch meine Ziele erreicht. Ich wollte schon als Spieler bei meinen Vereinen immer so weit oben wie möglich mitspielen, das gilt nun auch als Trainer.

SPOX: Dr. Martin Wagener, der stellvertretende Aufsichtsratschef der "Audi AG" sprach davon, den FCI noch mehr "audi-like" zu gestalten. Was meint er damit?

Oral: Was er ganz genau mit diesem Begriff meinte, kann ich Ihnen nicht beantworten. Dazu müssen Sie ihn selbst fragen. Er äußerte auch seinen Wunsch, dass der FCI zum zehnjährigen Jubiläum der Partnerschaft mit "Audi" in der Bundesliga spielt. Er weiß aber natürlich, dass wir als Verein geduldig sein müssen, um solche Ziele anzugehen.

SPOX: Kurzfristiges Ziel von "Audi" ist es, den Verein in der 2. Liga zu etablieren. Seit dem Aufstieg hat der Klub aber ausschließlich gegen den Abstieg gekämpft. Wieso also nimmt "Audi" nicht einfach mehr Geld in die Hand, um in die Qualität der Mannschaft zu investieren?

Oral: Geld allein macht nicht glücklich. Wir müssen kleine Schritte gehen und die nötige Geduld aufbringen, um eine Identifikation wachsen zu lassen. Plötzlich die Kohle rauszupfeffern bringt da nichts. Wir haben einen guten Kader. Halten wir die Klasse, können wir auf diesem Team aufbauen und den nächsten Schritt gehen: So frühzeitig wie möglich nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben.

SPOX: Kann man das Sponsoring von "Audi" in Ingolstadt eigentlich mit dem von "Red Bull" in Leipzig vergleichen?

Oral: Erstmal muss man festhalten, dass es den FCI nun seit 2004 gibt. RB Leipzig existiert dagegen erst seit drei Jahren, zudem spielen sie in der Regionalliga. Deshalb glaube ich, dass "Red Bull" in allen Bereichen, die sie unterstützen, viel aggressiver an die Sache herangeht. "Audi" geht bei seinem Engagement geduldiger und strukturierter vor.

SPOX: Sportlich gesehen scheint sich das in diesem Jahr auszuzahlen: Der FCI ist seit zwölf Spielen ungeschlagen. Bei den Partien geht es oft hochemotional zu, Co-Trainer Ali Kayhan Cakici, Ralf Keidel und Sie wurden bereits auf die Tribüne verwiesen...

Oral: Der Verein hat eine schlechte Vorrunde erwischt. Wir haben nun eine ordentliche Serie hingelegt. Dennoch sind die Emotionen in einer solchen Phase natürlich immer mit dabei, der Klassenerhalt ist ja längst noch nicht gesichert. Meine Hinausstellung erfolgte beispielsweise in der 92. Minute nach einem nicht gegebenen Elfmeter. Ralf Keidel hat einen Ball zurück gespielt, aber nicht dorthin, wo er hergekommen ist. Das gehört dazu, auch wenn man es nicht übertreiben sollte. Ein No-Go waren diese Dinge aber nicht.

Tomas Oral im Steckbrief

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