Andreas Bergmann im Interview

Bergmann: "Ich brauche den Glamour nicht"

Von Interview: Jochen Tittmar
Freitag, 02.03.2012 | 11:38 Uhr
Andreas Bergmann ist seit dem 15. September 2011 Cheftrainer beim VfL Bochum
© Getty
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Bochums Chefcoach Andreas Bergmann hat die Tragödie um Robert Enke als Trainer von Hannover 96 hautnah miterlebt. Im Interview spricht der 52-Jährige über die gewaltigen Ausmaße von Enkes Tod, seinen Start ins Trainerleben und den Bochumer Ansatz, sich künftig verstärkt als Ausbildungsverein zu etablieren.

SPOX: Herr Bergmann, Sie haben als Spieler in der höchsten deutschen Amateurklasse gekickt und nebenbei Sport studiert. Haben Sie damals schon den Gedanken an eine Trainerlaufbahn gehabt?

Andreas Bergmann: Ich bin in einer sportbegeisterten Familie aufgewachsen und hatte schon recht früh den Wunsch, an der Sporthochschule Köln Sport zu studieren. Zeitgleich zum Studienbeginn hat sich Kölns Co-Trainer Horst Köppel bei mir gemeldet und mir ein Probetraining angeboten. Dort muss ich einen guten Eindruck hinterlassen haben, Köppel wollte mich dann wenig später mit zu Arminia Bielefeld nehmen. Ich habe aber abgesagt.

SPOX: Warum?

Bergmann: Das war mir zu unsicher, ich wollte lieber Diplom-Sportlehrer werden. Erich Rutemöller, der damals Dozent und Trainer der Kölner Amateure war, hat mich dann als Spieler zum FC geholt. So konnte ich das Studium und Leistungsfußball unter einen Hut bringen.

SPOX: Und dann kam der Fußballlehrer hinzu?

Bergmann: Nach meinem guten Abschluss an der Sport-Uni konnte ich direkt im Anschluss den Fußballlehrer angehen. Anschließend hat mich mein Heimatverein SV Falke Steinfeld engagiert. Dort habe ich als Spielertrainer die erste Mannschaft gecoacht, mich um den gesamten Nachwuchs gekümmert und parallel mit einem Freund ein Gesundheitsstudio aufgebaut.

SPOX: Hatten Sie damals schon höhere Ambitionen?

Bergmann: Mein Ziel war es schon, im Leistungsbereich als Trainer zu arbeiten. Steinfeld war als erste Station aber eine sehr gute Basis. Für den Anfang war es hilfreich, die Bedürfnisse und Problematiken eines kleineren Vereins kennen zu lernen und vor verschiedenen Gruppen zu bestehen. Der nächste Schritt war dann der Weg zum niedersächsischen Fußballverband. Dort stand die Ausbildung von Trainern und Spielern im Vordergrund. Und dann kam der Anruf von Winnie Schäfer.

SPOX: Erzählen Sie.

Bergmann: Ich bin von einem Lehrgang nach Hause gekommen und hatte eine Nachricht von Winnie auf dem Anrufbeantworter. Er hatte direkt nach einem Spiel aus dem Bus heraus angerufen und mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, nach Karlsruhe zu kommen. Ich dachte anfangs, ich werde gerade von einem Kollegen veräppelt (lacht).

SPOX: War aber nicht.

Bergmann: Nein. Wenig später haben wir dann noch mal telefoniert. Er wollte die Nachwuchsabteilung des KSC neu aufstellen. Ich habe mir das im Detail angehört, ein sportliches Konzept vorgelegt und brauchte letztlich nicht lange, um mich für einen Umzug nach Süddeutschland zu entscheiden.

SPOX: Ihre offizielle Jobbezeichnung war Jugendkoordinator. Worin besteht denn genau der Unterschied zwischen der Arbeit als Jugendkoordinator und dem Leiten eines Nachwuchsleistungszentrums?

Bergmann: Letztlich sind es nur unterschiedliche Begrifflichkeiten für die gleiche Jobbeschreibung. In einem Nachwuchsleistungszentrum gibt es in der Regel einen administrativen und einen sportlichen Leiter. Zu meiner Zeit in Karlsruhe gab es die Nachwuchsleistungszentren mit den Auflagen noch gar nicht. Ich hatte damals beide Funktionen inne, hatte aber mit Werner Schön einen ehrenamtlichen Jugendleiter an meiner Seite, der mir viele administrative Dinge wie die Organisation des Spielbetriebs abgenommen hat.

SPOX: Dem ersten Cheftrainerposten beim FC St. Pauli folgte Ihre bislang einzige Station in der Bundesliga bei Hannover 96. Dort sind Sie vom sportlichen Leiter des Nachwuchsleistungszentrums zum Nachfolger von Dieter Hecking aufgestiegen. Musste man Sie damals lange dazu überreden?

Bergmann: Nein, eigentlich nicht. Zumal ich zu Beginn auch erst als Interimslösung vorgesehen war. Ich brauche zwar den Glamour und die ganze Aufmerksamkeit nicht, aber die sportliche Situation war herausfordernd und nach ein paar Spielen hat man mir das Vertrauen als Cheftrainer geschenkt. Anfangs waren wir auf einem sportlich guten Weg - bis diese unfassbare Situation entstanden ist.

SPOX: Robert Enkes Tod.

Bergmann: Es ist eigentlich unmöglich, diese Geschichte in wenigen Sätzen wiederzugeben. Wir als Verantwortliche bekamen einen anderen Bezug zu den Spielern und mussten mit der Problematik arbeiten, dass egal was passiert ist, alles mit Roberts Tod in Verbindung gebracht wurde. Sich davon zu lösen, war für uns alle unglaublich schwer. Die Auswirkungen dieser Tragödie waren tiefgreifender und komplexer als zunächst angenommen. Der Spagat zwischen der nötigen Professionalität und der Trauer war sehr groß.

SPOX: Ist dieser Spagat in einer solchen Ausnahmesituation grundsätzlich überhaupt möglich?

Bergmann: Das war sicherlich nicht einfach. Robert war eine zentrale Figur innerhalb der Mannschaft. Hinzu kamen die besonderen Umstände seines Todes. Das hat uns alle enorm beschäftigt. Man hat sich unweigerlich viele Fragen gestellt: Warum hat er nichts gesagt? Warum hat man es nicht bemerkt? Wichtig war, den Spielern klar zu machen, dass es in der individuellen Trauer kein Maß und kein richtig oder falsch gibt.

SPOX: Was haben Sie aus dieser Zeit für Ihr persönliches Leben mitgenommen?

Bergmann: Es hat mich in meiner Lebenseinstellung bestärkt, sich selbst nicht mit Erwartungen zu überfrachten, eine gewisse Gelassenheit in sich zu tragen und das Hier und Jetzt zu genießen. Gerade im schnelllebigen Geschäft des Fußballs darf man zudem gewisse Dinge nicht zu persönlich nehmen. Nicht zu vergessen: Schwächen und Ängste gehören zum Profifußball dazu. Erst wenn man sie offen anspricht und sich ihnen stellt, kann man gestärkt daraus hervorgehen.

SPOX: Enkes Tod ist nun fast zweieinhalb Jahre her. Wie schnell oder langsam ist diese Zeit für Sie vergangen?

Bergmann: Die Zeit war damals sehr intensiv und wird mir immer präsent sein. Zumal Robert ein ganz außergewöhnlicher Mensch war, an den ich mich gerne erinnere. Ich habe aber für mich ganz persönlich einen Weg gefunden, dieses tragische Ereignis gesund abzuschließen und einzuordnen.

SPOX: Nun sind Sie wieder Cheftrainer und arbeiten beim VfL Bochum. Inwiefern ist Nachwuchsarbeit entspannter als die Arbeit im Profibereich?

Bergmann: Wenn der Nachwuchsbereich vom Verein so aufgestellt ist, dass man ohne Hektik sowie kontinuierlich arbeiten kann und nicht so stark vom Tagesgeschäft der Profimannschaft abhängig ist, dann ist die Arbeit dort natürlich entspannter. Man kann als Trainer einzelne Spieler und Mannschaften in Ruhe entwickeln und hat mehr Zeit dafür, da die Arbeit nicht so stark ergebnisorientiert ist.

SPOX: Wo hat denn der VfL im Jugendbereich noch Nachholbedarf? Ein beheizbarer Kunstrasenplatz fehlt ja beispielsweise noch.

Bergmann: Die Strategien, die im Nachwuchsleistungszentrum verwirklicht werden, sind bereits sehr gut. Die Konstellation mit Sportvorstand Jens Todt, der ja auch aus dem Nachwuchsbereich kommt, und mir ist dabei ideal. Wir sind eng verzahnt, sind für die Sorgen sowie Nöte der Abteilung sensibilisiert, bringen unsere Ideen ein und tauschen uns regelmäßig mit Alexander Richter (Leiter der Nachwuchsabteilung, Anm. d. Red.), U-23-Coach Iraklis Metaxas und U-19-Trainer Dariusz Wosz aus. Sobald es wirtschaftlich möglich ist, muss dieser Kunstrasenplatz angegangen werden, keine Frage. Stillstand darf es nicht geben, wir wollen uns ständig strukturell verbessern.

SPOX: Die Finanzlage des Vereins ist nicht besonders rosig. Durch die zwei Jahre in der 2. Liga werden die Verbindlichkeiten auf sechs Millionen Euro steigen. Der Klub will sich daher künftig noch stärker als Ausbildungsverein etablieren.

Bergmann: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden schwieriger, ohne Wenn und Aber. Jedoch ist das doch eine Herausforderung, die wir gerne annehmen. Unsere Ausgangslage bringt es nun einmal mit sich, dass wir schneller und besser als unsere Konkurrenten sein müssen. Meine Aufgabe ist es in erster Linie, eine hungrige und lauffreudige Mannschaft zu entwickeln. Ich bevorzuge den Offensivfußball und den Ansatz, Spiele selbst entscheiden zu wollen. Insgesamt wollen wir unser Profil als Ausbildungsverein weiter schärfen. Wir sind bereits zu einer interessanten Adresse für junge Talente geworden. Diesen Weg werden wir konsequent weitergehen, ohne das mittelfristige Ziel "Bundesliga" aus den Augen zu verlieren.

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