"Warum nicht bei den Kindern anfangen?"

Von Interview: Sebastian Schramm
Freitag, 03.02.2012 | 15:00 Uhr
Stefan Beinlich ist seit 2010 Manager des FC Hansa Rostock
© Getty
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Stefan Beinlich hat als Manager des FC Hansa Rostock viele Probleme zu bewältigen: Der Abstieg droht, die Finanzen machen Sorgen und eine Minderheit an Zuschauern treibt dem Verein den Schweiß auf die Stirn. Der Ex-Profi spricht im Interview über ein innovatives Schulfach und die unterschiedliche Berichterstattung zwischen Ost und West.

SPOX: Herr Beinlich, im Dezember wurde für viele überraschend Aufstiegscoach Peter Vollmann entlassen. Welche Gründe haben Sie dazu bewogen?

Stefan Beinlich: Es lag leider auf der Hand. Wir haben in der Hinrunde lediglich elf Punkte sammeln können, das ist für unsere gesteckten Ziele zu wenig. Trotzdem möchte ich unterstreichen, dass es eine sehr harte Entscheidung war. Menschlich gesehen war Vollmann einwandfrei. Der Verein verdankt ihm den so wichtigen Aufstieg in die 2. Liga. Doch wir waren dazu gezwungen, neue Impulse zu setzen.

SPOX: Mit Wolfgang Wolf haben Sie einen erfahrenen Trainer verpflichtet. Welche konkreten Änderungen hat er vorgenommen?

Beinlich: Letztlich hat jeder Trainer seine ganz eigene Philosophie. Gut ist natürlich, dass Wolf die Rückrundenvorbereitung nutzen konnte, um sein Konzept in der Mannschaft zu integrieren. Das Wichtigste ist letztlich, dass wir wieder Punkte sammeln und Erfolgserlebnisse feiern. So wird man selbstbewusster und dann werden die Automatismen wieder besser greifen.

SPOX: Trotzdem ist der Abstieg ein denkbares Szenario.

Beinlich: Es fällt mir zum jetzigen Zeitpunkt schwer, über das Wort 'Abstieg' zu reden. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Klasse halten können. Vor der Saison haben wir ein klares Ziel definiert, dem ordnen wir alles unter. Klar ist aber auch, dass wir in unserer sportlichen sowie finanziellen Lage für die 3. Liga planen müssen.

SPOX: Aufgrund der Finanzen war der Verein auch schon zu Bundesliga-Zeiten dazu gezwungen, verstärkt auf den Nachwuchs zu setzen. Inwiefern schmerzt es, wenn Talente wie Tom Trybull den Verein verlassen?

Beinlich: Wir bezeichnen uns als Ausbildungsverein, deshalb muss man die Mechanismen des Geschäfts akzeptieren. Trybull ist ein großes Talent. Er kam bereits in der letzten Saison auf seine Einsätze. Ich bin davon überzeugt, dass er auch in der 2. Liga zum Zug gekommen wäre. Er hat sich für den nächsten Schritt in seiner Karriere entschieden.

SPOX: Spannt man den Gesamtbogen zum momentanen Erscheinungsbild des FC Hansa - mit welchen Argumenten locken Sie dann Talente nach Rostock?

Beinlich: Wir zeigen auf, wofür der Verein steht: Nämlich für gute Nachwuchsarbeit. Und das ist nicht erst seit Toni Kroos der Fall, sondern war auch schon in der DDR so. Primäres Ziel unserer Ausbildung ist, dass unsere Lizenzmannschaft davon profitiert. Dafür ist der Verein in Deutschland bekannt. Unsere Trainingsbedingungen sind auf höchstem Niveau, wir haben ein tolles Stadion. Und wenn wir ehrlich sind: An der Küste zu leben, ist nicht gerade schlimm.

SPOX: Schlimm ist jedoch eine kleine Minderheit, die den Verein durch Gewaltausbrüche in große Schwierigkeiten bringt.

Beinlich: Es tut einfach weh mit anschauen zu müssen, wie eine kleine Gruppe dem FC Hansa schadet. 99 Prozent unserer Anhänger sind friedlich. Manchmal hat man das Gefühl, Rostock ist in der medialen Berichterstattung völlig außen vor - passiert etwas, wird der komplette Klub mit Gewalt in Verbindung gebracht. Das ist schwer zu akzeptieren.

SPOX: Glauben Sie, dass die Berichterstattung im Vergleich zu Vereinen in Westdeutschland oftmals negativer ist? Andere Vereine haben ähnliche Probleme, nur scheinen die weniger präsent zu sein.

Beinlich: Man kann diesen Gedanken definitiv haben, ja.

SPOX: Ist das Fan-Problem auch ein Ergebnis von Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit und Strukturschwäche der Region?

Beinlich: Probleme solcher Art werden immer ein Abbild der Gesellschaft sein. Vereine scheinen für solche Leute ein Ventil darzustellen. Sie scheinen sich die Frage zu stellen, wo man am effektivsten Aufmerksamkeit bekommen kann. Leider ist ihre Antwort meistens das Fußballstadion.

SPOX: Könnte eine englische Variante ohne Alkohol im Stadion, ohne Stehplätze und mit teureren Tickets Abhilfe schaffen?

Beinlich: Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Diese Fankultur - wenn sie friedlich ist - gehört einfach nach Deutschland. Natürlich darf man dabei nicht die Sicherheit außer Acht lassen. Spiele ohne Stehplätze und richtige Fangesänge sind für mich keine Fußballspiele.

SPOX: Wie könnte man Herr der Lage werden?

Beinlich: Es ist unabdingbar, sich mit allen Beteiligten an einen Tisch zu setzen und nach Lösungen zu suchen. Man darf nicht den Fehler machen, alles zu ignorieren, sonst ist das Tischtuch irgendwann zerschnitten. Die Vereine werden diese Probleme nicht alleine lösen.

SPOX: Angesichts der eigenen Fan-Problematik hat der Verein einen innovativen Weg eingeschlagen. An der Rostocker "Hundertwasser-Schule" gibt es das Wahlpflichtfach "Hansa Rostock und ich". Was hat es damit auf sich?

Beinlich: Wir finden es unheimlich wichtig, den Verein zu unterstützen, für den wir Tag und Nacht leben. Warum also nicht bei den Kindern anfangen? Den Kindern werden in diesem Fach Werte vermittelt, für die es sich lohnt, einzustehen. Werte wie Fairplay sind und sollten nicht nur Thema auf dem Fußballplatz oder im Stadion sein. Sie sind genauso dienlich im alltäglichen Leben. Wir versuchen, die Schüler an die Hand zu nehmen. Wir laden sie beispielsweise zu Heimspielen ein, wo sie dann Verantwortliche des Vereins treffen und sehen, wie viel es einem Menschen geben kann, seine Mannschaft zu unterstützen.

SPOX: Angenommen diese Kinder stehen dann in zehn Jahren trotzdem alkoholisiert in der Fan-Kurve und es kommt zu Tumulten. Wird man sich dann an die vermittelten Werte noch erinnern?

Beinlich: Eine schwierige Frage. Präventive Arbeit kann letztlich immer scheitern. Doch es ist unsere Pflicht, den Jugendlichen Dinge mit an die Hand zu geben, an denen sie sich auch in ihrem sozialen Umfeld orientieren können. Sei es mit unserem Konzept, sei es im Elternhaus. Und wenn man sieht, wie das Gros der Fans den FC Hansa auch in schwierigen Zeiten unterstützt, gibt es tolle Ansätze.

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