Leonardo Bittencourt im Interview

Bittencourt: "Mein Bruder ist ein fauler Sack"

Von Interview: Jochen Tittmar
Mittwoch, 08.02.2012 | 13:30 Uhr
Leonardo Bittencourt hat in 15 Zweitligapartien zwei Tore für Energie Cottbus geschossen
© Imago
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Leonardo Bittencourt hat erst 15 Spiele in der 2. Liga absolviert. Der 18-Jährige von Energie Cottbus hat dabei aber nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht. Zur kommenden Saison wechselt er zu Borussia Dortmund. Bittencourt spricht im Interview über seine fußballverrückte Familie, die Gespräche mit dem BVB und erklärt, warum er sich für Dortmund entschieden hat.

SPOX: Kurz vor Ihrem fünften Geburtstag ist Ihr Vater zu Energie Cottbus gewechselt. Ab wann haben Sie denn bewusst mitgekriegt, dass Ihr Vater Bundesligaspieler ist?

Leonardo Bittencourt: Wirklich bewusst habe ich das erst mitbekommen, als es bei ihm quasi schon vorbei war. Damals war ich einfach noch zu jung, auch wenn ich ständig im Stadion war und ihm zugeschaut habe. Als ich ein bisschen älter war, hat er mir Videokassetten von seinen Spielen gezeigt. Ab dann war die Geschichte für mich rund.

SPOX: Können Sie sich an ein Spiel von Ihrem Vater besonders gut erinnern?

Bittencourt: Da fallen mir zwei Spiele ein. Der 1:0-Sieg gegen die Bayern war das Highlight. Da gibt es ja dieses Bild, auf dem mich mein Vater auf seinen Schultern durch das Stadion trägt. Besonders war auch die Partie gegen Hamburg am Geburtstag meines Bruders. Mein Vater hat ein Tor geschossen und per T-Shirt-Aufdruck unter seinem Trikot alles Gute gewünscht.

SPOX: Welche Rolle spielt denn der Fußball in der Familie Bittencourt?

Bittencourt: Fußball ist bei uns Thema Nummer eins und nimmt daher eine recht große Rolle ein. Meine Eltern kennen sich ja auch schon sehr lange. Als mein Vater Profi war, lief das nicht anders. Meine Mutter guckt gerne Fußball und redet auch mit. Sie weiß Bescheid. (lacht)

SPOX: Ist Ihr Bruder eigentlich das einzige Familienmitglied, das mit Fußball nichts am Hut hat?

Bittencourt: Er hat auch gekickt, hatte aber irgendwann keinen Bock mehr auf Fußball und verkauft nun Versicherungen. Er war einfach ein fauler Sack. (lacht) Er ist aber natürlich großer Fußball-Fan geblieben.

SPOX: Wie sind Sie persönlich zum Fußball gekommen?

Bittencourt: Fußball spielen war für mich seit jeher das Größte. Keine Ahnung, ob das unbewusst durch meinen Vater entstanden ist. Ich habe mir früher zu jedem Geburtstag einen Ball gewünscht und oft mit meinem Vater im Garten gekickt. Im Verein ging es dann ganz klassisch in der F-Jugend von Energie Cottbus los. Ich habe auch Tennis gespielt, aber das war nur ein Hobby.

SPOX: Ab wann war Ihnen klar, dass Sie es bis nach ganz oben schaffen können?

Bittencourt: Ich habe in der Jugend oft in einem älteren Jahrgang spielen dürfen. Da hat sich das schon dezent abgezeichnet. Ich konnte mich auch körperlich überall durchsetzen. Anfangs bei den Profis war ich natürlich erstmal nicht sicher, ob ich mithalten kann und hatte gehörigen Respekt vor diesem Schritt. Aber auch da hat es ganz gut geklappt. So kann es weitergehen.

SPOX: Ihre Familie wird im Sommer mit nach Dortmund ziehen. Bleibt noch jemand in Cottbus?

Bittencourt: Mein Bruder wird noch ein Jahr bleiben, um seine Ausbildung zu beenden. Er kommt dann nach. Meine Eltern kommen sofort mit. Das war auch von vornherein klar, egal wo es mich letztlich hinverschlagen hätte.

SPOX: Das heißt, dass Ihr Vater seinen Job als Nachwuchstrainer bei Energie aufgeben wird?

Bittencourt: Zwangsläufig, ja.

SPOX: Wie hat denn der BVB erstmals Kontakt zu Ihnen hergestellt?

Bittencourt: Anfangs wurde das noch ein wenig von mir fern gehalten. Ich habe es dann von meinem Vater erfahren, der es schon zuvor durch meinen Berater mitbekommen hatte.

SPOX: Wie lange hat es gedauert, bis man dann persönlich an einem Tisch zusammen saß?

Bittencourt: Zwei oder drei Monate. Ich bin nach Dortmund gefahren und habe mich mit Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und Jürgen Klopp unterhalten. Bis dann alles spruchreif war, dauerte es weitere zwei Monate.

SPOX: Das erste Treffen fand auf der Geschäftsstelle des BVB statt: Mussten Sie da nicht gehörig aufpassen, nicht von Journalisten gesehen zu werden?

Bittencourt: Es wurde schon bewusst ein etwas ruhigerer Tag ausgesucht, an dem nicht so viel los ist. Ich musste jedenfalls nicht mit einer verdunkelten Limousine vorfahren. (lacht)

SPOX: Wie lange haben Sie letztlich überlegt, ob ein Wechsel bereits zur kommenden Saison das Richtige für Sie ist?

Bittencourt: Die Gespräche haben mich einfach sehr überzeugt, so dass schnell klar war, den Schritt jetzt schon zu gehen. Ich denke, dass die Philosophie des BVB einfach zu mir passt.

SPOX: Es hieß, dass Sie Angebote von mehreren Vereinen hatten. Aus wie vielen Offerten konnten Sie denn wählen?

Bittencourt: Vier oder fünf. Das ist zumindest das, wovon ich weiß. Mir wurde ja auch nicht immer alles gesagt. (lacht) Mein Berater hat auch mit anderen Vereinen gesprochen, ich persönlich war aber nur in Dortmund. Der BVB war für mich der Verein, zu dem ich mir sofort einen Wechsel vorstellen konnte. Ich habe dann die Entscheidung aus freien Stücken getroffen.

SPOX: Vor zwei Jahren hätten Sie angeblich zu den Nachwuchs-Teams des VfB Stuttgart und 1899 Hoffenheim wechseln können, weil man Sie in Cottbus als zu klein befand.

Bittencourt: Das ist richtig. Ich war auch schon kurz davor, zu wechseln. Der Verein stand aber noch nicht fest. Ich habe mich damals dann doch noch einmal mit Claus-Dieter Wollitz und Präsident Ulrich Lepsch zusammengesetzt und meinen Vertrag letztlich unter der Bedingung verlängert, dass mir bei einem Angebot eines Top-Vereins keine Steine in den Weg gelegt werden.

SPOX: Wie lange dauerte denn das erste Treffen mit den BVB-Verantwortlichen?

Bittencourt: Das ging ungefähr zwei Stunden. Es herrschte eine richtig angenehme Atmosphäre. Es ging nicht nur ums Vertragswerk, sondern auch um die menschliche Seite, ums gegenseitige Kennenlernen. Das ist ja auch Sinn der Sache. Jürgen Klopp ist einfach ein genialer Typ, sehr locker und direkt, aber auch ehrgeizig. Als Schluss war, habe ich mir noch das Trainingsgelände angeschaut.

SPOX: 'Wir haben vor, aus ihm den Spieler zu machen, der er sein kann', hat Klopp über Sie gesagt. Welcher Spieler können Sie denn sein?

Bittencourt: Keine Ahnung. Ich denke, dass ich in Dortmund die derzeit besten Voraussetzungen in Deutschland vorfinde, um mich stetig weiter zu entwickeln. Darauf freue ich mich sehr, zumal Jürgen Klopp ja mehrfach bewiesen hat, dass er junge Spieler enorm nach vorne bringen kann. Wohin das dann führt, wird man sehen.

SPOX: Das BVB-Spiel ist sehr laufintensiv und machte einigen Neuzugängen zuletzt immer wieder Probleme. Denken Sie, dass das die härteste Nuss ist, die Sie zu Beginn zu knacken haben?

Bittencourt: Das glaube ich nicht. Ich laufe ja auch sehr gerne und viel. (lacht) Am Läuferischen wird es nicht scheitern. Ich werde mich aber sicherlich erst an das taktische Grundprinzip gewöhnen müssen. Angst habe ich in dieser Hinsicht aber keine.

SPOX: Sie sind flexibel im Mittelfeld einsetzbar und sagen selbst, dass es für Sie die absolute Wunschposition nicht gibt. Woher kommt diese Flexibilität?

Bittencourt: In den Cottbuser Jugendteams habe ich meist im linken Mittelfeld gespielt. Hat dann jemand auf der Zehn oder der Sechs gefehlt, wurde ich dort eben reingeworfen. Auch aufgrund meiner Beidfüssigkeit. So eignet man sich die unterschiedlichen Positionen mit der Zeit an und gewöhnt sich auch daran. Beim letzten EM-Qualifikationsspiel der U-19-Nationalmannschaft habe ich die erste Viertelstunde im rechten Mittelfeld gespielt, wurde dann auf die Zehn geschickt und war im zweiten Durchgang der Sechser. Ich finde das nicht problematisch. Wichtig ist, dass ich überhaupt spiele.

SPOX: Dortmund hat für die kommende Spielzeit neben Ihnen auch Marco Reus verpflichtet. Waren Sie von der Bekanntgabe des Transfers auch so überrascht wie viele andere?

Bittencourt: Absolut, ich hätte nicht gedacht, dass er nach Dortmund geht. Das ist natürlich eine sensationelle Geschichte und für mich auch eine Riesensache, bald mit ihm und den anderen Jungs zusammen zu kicken. Die Mannschaft strahlt einfach eine richtige Freude am Fußball aus, das imponiert mir sehr.

SPOX: Letzte Frage: Wer wird deutscher Meister?

Bittencourt: Ich drücke dem BVB bei jedem Spiel die Daumen, daher tippe ich auch auf Dortmund.

Leonardo Bittencourt im Steckbrief

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