Meijer: "Dem Verein beim Sterben zusehen"

Von Interview: Jochen Tittmar
Mittwoch, 09.11.2011 | 17:00 Uhr
Aachen steht am Abgrund: Alemannias Sportdirektor Erik Meijer schlägt Alarm
© Getty
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Bei Alemannia Aachen geht die Existenzangst um: Geht es so weiter, wird Aachen bald eine Stadt ohne Profifußball sein. Sportdirektor Erik Meijer (42) schlägt Alarm - und klärt auf. Außerdem spricht er über die Umstellung auf den neuen Trainer Friedhelm Funkel und warum es bei einigen Spielern hakt.

SPOX: Herr Meijer, wie viel Spaß macht es in diesen Tagen, Sportdirektor bei Alemannia Aachen zu sein?

Erik Meijer: Es macht auch jetzt Spaß, wenn auch der Stress in einer solchen Zeit deutlich größer ist. Wenn du Kekse produzierst, kannst du halt an deiner Maschine schrauben, damit mehr oder weniger Schokolade herauskommt. Im Sport geht das nicht, da geht die Kugel rein oder nicht. Diese Details bestimmen die alltägliche Arbeit.

Die Tabelle der 2. Liga: Aachen auf Platz 17

SPOX: Immerhin steigerte sich die Mannschaft zuletzt. Tut es der Mannschaft gut, mit Friedhelm Funkel nun einen Trainer zu haben, der den Fokus auf eine stabile Defensive legt?

Meijer: Peter Hyballa hatte eben eine etwas offensivere Sichtweise. Das heißt aber nicht, dass die Defensive keine Rolle spielte. Friedhelm Funkel hat mit solch kritischen Situationen aber mehr Erfahrung und weiß, was jetzt gefragt ist. Da ist es normal, dass die Defensive einen höheren Stellenwert bekommt. Auch wenn ich zugeben muss, dass die Zusammenstellung des Kaders schon recht offensiv ausgerichtet ist.

SPOX: Wie schwer ist es für die Spieler, sich während der Saison und dann noch in einer solch kritischen Phase vom einen auf den anderen Trainer umzustellen?

Meijer: Aus eigener Erfahrung als Spieler kann ich sagen, dass man immer auf den Platz geht und versucht, die Aufträge des Trainers zu erfüllen. Bei dem einen muss man eben etwas mehr nach links, beim anderen etwas mehr nach rechts laufen. Das braucht natürlich immer etwas Zeit, um es zu verinnerlichen. Die Entscheidungen treffen aber die Spieler auf dem Feld.

SPOX: Können Sie die Kritiker verstehen, die sagen, dass Funkel das komplette Kontrastprogramm zu Hyballa ist?

Meijer: Das ist natürlich etwas überzogen. In unserer Situation geht und ging es letztlich ums nackte Überleben. Wenn ich daher einen Trainer beurlaube und es dann auch einen auf dem Markt gibt, der weiß, wie es in einer solchen Phase zugeht und die Situation mit Ruhe angeht, dann muss ich ihn nehmen. Das ist meine feste Überzeugung.

SPOX: Funkel hat den Ruf inne, defensiven und wenig attraktiven Fußball zu spielen. Hat Sie das nicht abgeschreckt, wenn Sie schon sagen, dass der Kader offensiv ausgerichtet ist?

Meijer: Man hat in dieser Branche schnell einen Ruf weg. Bei manchen ändert der sich auch immer wieder. Schauen Sie sich Thomas Tuchel an. Da hieß es immer, er wäre erfrischend frech und hat eine tolle Ausstrahlung. Nun soll er plötzlich arrogant rüberkommen und ein schlechter Verlierer sein. Mit solchen Einschätzungen kann ich nichts anfangen.

SPOX: Bis Ende November läuft nun die sogenannte "Inventarisierung" des Kaders, wie Sie sagten.

Meijer: (unterbricht und lacht) Schöner Ausdruck, oder?

SPOX: Was ist damit genau gemeint? Wie gehen Sie dabei vor und welche Maßstäbe werden angelegt?

Meijer: Es hört sich komplizierter an als es ist. Es geht um die Spieler, die unter Hyballa oder jetzt unter Funkel sehr weit von der Mannschaft entfernt sind. Da müssen wir schauen, ob wir sie nicht woanders unterbringen können. Die betroffenen Spieler und wir als Verein kommen so nicht voran - also müssen wir Entscheidungen treffen. Zumal Funkel gerne mit einem kleineren Kader arbeiten möchte.

SPOX: Warum sind bundesligaerprobte Spieler wie Fabian Bäcker oder Lennart Hartmann nicht die gewünschten Verstärkungen geworden?

Meijer: Wenn ich das wüsste... Beide gehören zu den größten Talenten im deutschen Fußball, kicken bei uns aber vornehmlich in der NRW-Liga für die zweite Mannschaft.

SPOX: Eben.

Meijer: Talent allein reicht im Profibereich nicht mehr aus. Dort geht es nicht mehr so weiter wie zuvor in den Jugendmannschaften. Sie müssen lernen, zu beißen und auch bestehen, wenn es mal Gegenwind gibt.

SPOX: Den gibt es für die Alemannia derzeit auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Aufsichtsratschef Meino Heyen bestätigte bereits, dass ein Lizenzentzug langsam aber sicher näher kommen würde, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht ändern.

Meijer: Ich bin derzeit noch ziemlich cool, was das angeht. Ich kenne das Problem ja schon, seit wir im August 2009 das neue Stadion eröffnet haben. Wir wussten, dass wir mit der finanziellen Last auf der Schulter durch den Bau dieses Stadions in der Bundesliga spielen oder unter die besten vier Teams der 2. Liga kommen müssen und zudem einen Schnitt von über 20.000 Zuschauern haben sollten.

SPOX: Hat der neue Tivoli dem Publikum die Begeisterung für den Fußball genommen?

Meijer: Nein, die Begeisterung ist noch immer da. Der aktuelle Schnitt ist für einen Zweitligisten auch absolut in Ordnung. Man ist damals eben von einem utopischen Wert ausgegangen. Wir sind ja nur Alemannia Aachen. Wenn wir es langfristig schaffen, unter den besten 25 Vereinen Deutschlands zu bleiben, haben wir schon Großes erreicht.

SPOX: Es hört sich auf den ersten Blick dennoch so an, als ob man kaum etwas Positives über den Stadionbau sagen kann.

Meijer: Wir haben uns dadurch wirtschaftlich schon verbessert. Es kommt eigentlich Geld rein. Sei es durch Sponsoring, Catering oder den Dauerkartenverkauf. Die Last unserer Verbindlichkeiten ist aber zu groß. Wenn wir das nicht in den Griff kriegen, wird es dem Patienten Alemannia Aachen weiterhin sehr schlecht gehen.

SPOX: Eine Umschuldung ist daher dringend notwendig. Dazu muss aber die Stadt Aachen mitmachen und Sicherheiten für neue Kredite übernehmen, damit die Alemannia an frisches Geld kommt.

Meijer: Fakt ist, dass wir kein Geld direkt von der Stadt haben wollen. Wir wollen kein Geld, dass die Menschen an Steuern gezahlt haben. Wir wollen niemandem etwas wegnehmen. Das kommt in den Medien zu negativ rüber.

SPOX: Stellen Sie es klar!

Meijer: Kurz gesagt tilgen wir zu viel und zu schnell. Die Finanzierung des Stadions läuft nur über 18 Jahre, das gibt die Landesbürgschaft so vor. Wir würden die Rückzahlung gerne auf mindestens 25 Jahre strecken und teilweise umfinanzieren, um günstigere Konditionen zu bekommen.

SPOX: Welche Signale sendet denn die Stadt?

Meijer: Ich glaube, dass mittlerweile jeder in Aachen verstanden hat, dass zu den aktuellen Rahmenbedingungen kein Profifußball in der Stadt möglich ist. Jetzt ist es eine Frage des politischen Willens, auch eine Lösung zu realisieren. Man hat die Wahl, einen vernünftigen Weg zu finden oder dem Verein beim Sterben zuzusehen. Was würden Sie machen?

SPOX: Es kommt wohl auch auf die Identifikation mit Alemannia Aachen an.

Meijer: Die Leute sind fußballinteressiert und regelmäßig im Stadion. Natürlich geht es am Ende auch um nackte Zahlen - aber dann dürfte in Deutschland kein einziges Stadion mehr gebaut werden.

SPOX: Glauben Sie, dass zugelassen wird, dass mit der Alemannia ein Aushängeschild der Stadt so einfach verschwinden wird?

Meijer: Das weiß ich nicht. Ich verweise in dieser Hinsicht auf unsere große soziale Funktion in der Region. Zehntausende Leute treffen sich jedes zweite Wochenende bei uns, um zu schimpfen, zu lachen, zu weinen, ein Bier zu trinken, eine Bratwurst zu essen und vielleicht auch etwas Frust abzulassen, was in der Firma oder zuhause nicht geht. Alemannia ist seit 111 Jahren ein wichtiger Teil dieser Stadt.

SPOX: Bald ist schon wieder Weihnachten. Was wünscht man sich in einer solchen Situation zum Fest, Herr Meijer?

Meijer: Robben, Pizarro und van Buyten (lacht).

Erik Meijer im Steckbrief

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