Fussball

"Lasse Sobiech ist ein Highlight der 2. Liga"

Von Interview: Walandi Tsantiridis
Michel Mazingu-Dinzey fungiert als Botschafter des FC St. Pauli und unterstützt Charity-Projekte
© Getty

Michel Mazingu-Dinzey gehört zu den großen Legenden des FC St. Pauli und wurde im vergangenen Jahr in die Jahrhundertelf des Klubs gewählt. Inzwischen reist er als Botschafter des Kiezklubs rund um den Globus und engagiert sich für Charity-Projekte. Im Interview spricht der 38-Jährige über die Eindrücke seiner Reisen, St. Paulis Höhenflug und einen Spieler, den man im Auge behalten sollte.

SPOX: Herr Dinzey, Sie sind weltweit mit verschiedenen Charity-Projekten unterwegs - sei es mit "Global United", "Kicken mit Herz" oder dem Laureus-Projekt in Haiti. Dabei fungieren Sie als Botschafter des FC St. Pauli. Welche Eindrücke nehmen Sie von diesen Reisen mit?

Michel Mazingu-Dinzey: Ich kenne viele dieser Eindrücke aus meiner aktiven Zeit, als ich acht Jahre für die Demokratische Republik Kongo gespielt habe. Die glücklichen Gesichtsausdrücke der Kinder, wenn man ihnen Trikots und Spielsachen schenkt, bleiben einfach haften.

SPOX: Was ist der besondere Reiz Ihrer "Mission"?

Dinzey: Ob Haiti, Pakistan, Namibia, Venezuela oder wo auch immer wir noch hinfahren werden: Es macht mir unheimlich viel Spaß, mit den Kindern Fußball zu spielen und sich mit ihnen auszutauschen. Ich bin unheimlich stolz darauf, auf diese Weise auf die Klimaprobleme in diesen Regionen aufmerksam zu machen. Mit "Upsolut" habe ich zudem einen sehr engagierten Partner an meiner Seite.

SPOX: Und was hat letztlich der FC St. Pauli mit den Gebieten, die Sie bereisen, zu tun?

Dinzey: In Haiti bestand eine sehr große Verbindung, da Sepp Piontek Trainer bei St. Pauli und Nationaltrainer in Haiti war. Auch bei St. Pauli spielte schon ein Akteur aus Haiti. Wenn mir der Verbandspräsident erzählt, dass ich mit den Geschenken für die Kinder den Menschen in diesem Land trotz ihrer schweren Umstände eine Freude bereiten kann, dann macht mich das sehr stolz.

SPOX: Für "Global United" läuft eine illustre Riege an Ex-Stars auf - Carsten Ramelow, Sunday Oliseh, Lutz Pfannenstiel und etliche andere. Schmieden Sie gemeinsam Zukunftspläne für Ihr Projekt?

Dinzey: Da steht auf jeden Fall bald etwas ganz Großes an. Lutz Pfannenstiel und ich müssen dazu noch Details klären. Es ist ja bekannt, dass wir mit "Global United" einiges für die Zukunft planen, um mit diesen Spielen auf die schwerwiegenden Klimaveränderungen in den Regionen aufmerksam zu machen. So viel sei verraten: Es werden Orte sein, von denen man sich nicht unbedingt vorstellen kann, dort Fußball zu spielen.

SPOX: Der FC St. Pauli genießt den vielzitierten Kult-Status. Allerdings gleicht sich der Klub mit den Veränderungen im Umfeld - zum Beispiel dem Stadionbau - immer mehr der Norm an. Eine Gefahr für den Mythos St. Pauli?

Dinzey: Nein, warum auch? Die Mannschaften, die zu uns kommen, werden weiter Respekt vor unserem Spiel haben, weil sie wissen, dass es nicht einfach ist, bei uns zu spielen.

SPOX: Wie ordnen Sie den Bierbecherwurf gegen Schalkeaus der vergangenen Saison ein?

Dinzey: Das ist natürlich ein schwarzer Fleck auf unserer Weste, den man nicht so leicht weg bekommt. Das wird jedoch an der Art und Weise, wie die Mannschaft mit den Fans im Rücken spielt, nicht ändern. Es gibt leider immer wieder einzelne Situationen, die nichts mit Fan-Sein zu tun haben. Ich erinnere mich da an eine Situation vor Jahren im Spiel zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid, als ein Schweinekopf auf den Rasen geworfen wurde (Anm. d. Redaktion: Luis Figo wurde vor der Ausführung eines Eckballs von Barcelona-Zuschauern mit Plastikflaschen, Obst und einem Schweinekopf beworfen). Solche Dinge gehören einfach nicht ins Stadion.

SPOX: Welche Lehren ziehen Sie aus derartigen Zwischenfällen?

Dinzey: Man fragt sich, wie weit es gehen muss, bis ein Mensch schwer verletzt wird. Es werden ja auch Strafen ausgesprochen. Dass diese allerdings so drastisch voneinander abweichen, darf nicht sein. Frankfurt spielt vor 19.000 Zuschauern nach einer Strafe, und wir bekamen nach dem Bierbecherwurf eine Platzsperre ausgesprochen.

SPOX: Trotz Platzsperre ist der FC St. Pauli äußerst erfolgreich in die Zweitligasaison gestartet. Was ist in dieser Spielzeit drin?

Dinzey: Zum jetzigen Zeitpunkt kann man noch keine großartigen Aussagen über den Saisonverlauf treffen. Doch gerade der Sieg gegen Ingolstadt in Lübeck war aufgrund der Platzsperre sehr wichtig. Unter solchen Umständen in die neue Saison zu starten, war sicherlich nicht einfach, auch wenn das Stadion in Lübeck komplett in unserer Hand war.

SPOX: Trauen Sie dem Team den direkten Wiederaufstieg zu?

Dinzey: Wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Nach so wenigen Spieltagen sollte man nicht vom Aufstieg sprechen, auch wenn das einige vielleicht machen. Dafür müsste ich ich eigentlich fünf Euro zahlen, aber Fakt ist: Es wird Woche für Woche hart gearbeitet. Was dann am Ende unterm Strich herauskommt, das wissen wir heute nicht. Meiner Meinung nach werden wir im oberen Drittel mitspielen und dann werden wir sehen, was sich in den letzten Spieltagen entwickeln kann.

SPOX: Wodurch zeichnet sich der neue Trainer Andre Schubert aus?

Dinzey: Er ist ein sehr junger Trainer, der die Denkweise der jungen Spieler sehr gut versteht. Er bereitet sich sehr intensiv auf die einzelnen Trainingseinheiten vor und gestaltet diese mit dem Ziel, aus den Spielern die optimale Leistung zu erreichen. Das beobachte ich aus der Ferne und werde in persönlichen Gesprächen von den Spielern bestätigt. Die Stimmen waren seit der Vorbereitung durchweg positiv.

SPOX: Mit Gerald Asamoah und Matthias Lehmann haben zwei erfahrene Spieler die Mannschaft verlassen. Wer kann diese Rollen jetzt ausfüllen?

Dinzey: Es kristallisiert sich eines bereits heraus: Die neuen Spieler sind Volltreffer. Ich sehe keine Lücken innerhalb der Mannschaft. Ganz im Gegenteil: Die Mannschaft hat sich in dieser Saison verstärkt. Man darf nicht die Rückrunde der letzten Saison außer Acht lassen. Die Mannschaft hatte nicht gerade viel Selbstvertrauen nach der Niederlagenserie. Bei der Saisoneröffnung gegen Ingolstadt konnte man das noch anfangs bei einigen Spielern spüren. Daher war der Erfolg am ersten Spieltag sehr wichtig, weil diese negative Erfahrung der Vorsaison noch im Hinterkopf war.

SPOX: Welche Spieler sollten wir genau im Blickfeld behalten?

Dinzey: Lasse Sobiech ist ein Highlight der 2. Liga. Er begeht kaum Fouls und hat dennoch ein sehr gutes Zweikampfverhalten. Er ist bereits ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft. Wenn der Junge von Verletzungen verschont bleibt, dann wird er eine ordentliche Karriere hinlegen. Bereits letzte Saison zählte für mich Fin Bartels zu den wichtigen Spielern - vor allem wegen seiner Schnelligkeit. Sebastian Schachten auf der Flügelposition ist ein sehr mannschaftsdienlicher Spieler. Dazu zählt auch Fabian Boll, der bereits mit dem Bundesligaaufstieg und -abstieg viel im Verein miterlebt hat.

SPOX: Erzählen Sie zum Abschluss von Ihrer Rückkehr ans Leder: Seit Beginn des Jahres sind Sie Football-Spieler bei den St. Pauli Buccaneers.

Dinzey: Ich habe ein Spiel gemacht, aber jeden Spieltag kann ich wegen meiner Wohltätigkeits-Projekte nicht mitmachen. Ich bin nun einmal viel auf der Welt unterwegs.

Michel Mazingu-Dinzey: Seine Karriere als Spieler im Steckbrief

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