Alemannia-Manager Erik Meijer im Interview

"Mainz ist unser großer Bruder"

Von Interview: Thomas Jahn
Donnerstag, 02.12.2010 | 10:11 Uhr
Seit dem 1. Januar 2010 ist Erik Meijer als Geschäftsführer Sport bei Alemannia tätig
© Imago
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Vom "Schlafmützenfußball" zum florierenden Ausbildungsbetrieb: Erik Meijer hat Alemannia Aachen gehörig umgekrempelt. Im Interview spricht der 41-Jährige über die neue Klub-Philosophie, die Schattenseiten des neuen Tivoli und verrät, was Aachen sich bei Mainz und den Niederlanden abschaut.

SPOX: Erik Meijer, nach Alemannias Pokaltriumph über Mainz 05 haben sie angekündigt, die Mehreinnahmen in die Struktur des Klubs zu stecken, um "ihre Ideen" zu verwirklichen. Welche Ideen sind das?

Erik Meijer: Wir wollen den Weg fortsetzen, den wir eingeschlagen haben. Wir wollen junge Talente ausbilden oder eben von anderen Klubs zu uns holen. Das sind in der Regel Spieler, die für das höchste Niveau noch nicht gut genug sind und einen Zwischenschritt brauchen, um nach ganz oben durchzustarten.

SPOX: Was wird jungen Talenten bei der Alemannia geboten?

Meijer: Es ist eben nicht nur Talent gefragt, sondern auch die richtige Einstellung, der richtige Umgang mit der Presse und die Fähigkeit, dem Konkurrenzdruck standzuhalten. Man muss sich auf dem Platz durchsetzen, man muss ein Mann sein. Die Spieler haben noch viel zu lernen - und das können sie bei der Alemannia tun. Man sieht ja, dass jetzt viele junge Leute ihre Chance bei uns bekommen. Große Vereine erkennen das auch und sagen sich: 'Hey, wenn wir mal einen Spieler nach vorne bringen wollen, dann können wir das am besten bei Alemannia, weil sie die Spieler tatsächlich besser machen'.

SPOX: Wird der Klub so nicht zu einem reinen Ausbildungsbetrieb?

Meijer: Wenn die richtige Summe geboten wird und ein Stieber, Höger oder Kratz das Haus verlässt, dann müssen meine Jugendscouts und ich dafür sorgen, dass neue Stiebers und Högers bereitstehen. Das ist die einzige Möglichkeit, wie Alemannia Aachen überleben kann. Wenn ein Spieler zu gut für uns wird, geht er eben zu einem Erstligaverein und wir sind stolz, dass er bei uns gewesen ist. Und bevor die Frage kommt: Bislang habe ich zu keinem dieser Spieler ein Angebot auf dem Schreibtisch liegen.

SPOX: Wie setzen sie diese neue Aachener Philosophie konkret um?

Meijer: Wir versuchen, viele Talente aus der Region an Aachen zu binden, um sie nicht an Köln, Leverkusen und Gladbach zu verlieren. Wir wollen erreichen, dass diese Spieler alle 14 Tage im neuen Tivoli zu sehen sind, so dass das Klub-Gefühl wieder stärker wird. Junge Spieler müssen erkennen, dass der kürzeste Weg in den Profifußball über die Alemannia führt. Dazu brauchen wir aber eine Infrastruktur - und die ist durch den Stadionbau etwas verloren gegangen.

SPOX: Klingt so, als ob der neue Tivoli eine große Belastung für den Klub darstellt.

Meijer: Das neue Stadion ist für uns Fluch und Segen zugleich. Es steht einerseits für die Zukunft des Klubs, andererseits liegt die jährliche Belastung bei sechs Millionen Euro. Wenn man das mit unseren Ligakonkurrenten vergleicht, die zum Teil nur 750.000 Stadionmiete zahlen, dann weiß man, dass da ein Schiefstand ist. Wir werden versuchen, dieses Paket kleiner zu schnüren, um sportlich konkurrenzfähig zu sein. Wenn wir das nicht hinbekommen, dann wird es auf lange Sicht schwierig, den Kopf über Wasser zu halten.

SPOX: Hilft ihr neues Marketingkonzept "Auf Gedeih und Verderb" dabei, diesen Schiefstand zu kompensieren?

Meijer: Wir haben in den letzten Jahren ein paar Dinge aus den Augen verloren. Mit dem Stadion wurde alles moderner und schöner. Es wurden Spieler geholt, die meiner Meinung nach nicht die Leistung gebracht haben, für die sie bezahlt wurden. Da wurde schicker gespielt, statt die Tugenden zu zeigen, die Alemannia ausmachen. Man muss eben für seine Kohle arbeiten und da darf auch schonmal die Hose schmutzig werden und ein blauer Fleck im Gesicht entstehen. Das akzeptieren die Leute. Aber wenn du arrogant auftrittst, dann akzeptieren sie es nicht.

SPOX: In welchem Zustand haben sie den Klub bei ihrem Amstantritt Anfang des Jahres vorgefunden?

Meijer: Ich sage nichts Verkehrtes, wenn ich behaupte, dass ich eine andere Denkweise habe als mein Vorgänger Andreas Bornemann. Ich habe zehn Profiverträge nicht verlängert, habe zudem das Trainerteam ausgetauscht. Es haben sich innerhalb kürzester Zeit viele Änderungen vollzogen. Das zeigt eben, dass ich einen bestimmten Weg gehe. Mit Thomas Zdebel wurde beispielsweise nur ein erfahrener Mann geholt.

SPOX: Dazu kam mit Peter Hyballa ein relativ unbeschriebenes Trainerblatt.

Meijer: Ich habe jemanden gesucht, der zu Alemannia passt und keinen Trainer, der sich zufällig mal irgendwo einen Namen gemacht hat. Ich wollte einen Coach, der offensiv spielen lässt und auf dem Platz das umsetzt, was ich hinter den Kulissen konzipiere. Jemand, der zu unseren Fans und zu unserer neuen Fußballkultur in Aachen passt.

SPOX: Hand aufs Herz: War Hyballa ihre erste Wahl?

Meijer: Ich muss ehrlich zugeben, dass ich zuerst Peter Hermann von Bayer Leverkusen gefragt habe, da er auch gewohnt ist, mit jungen Spielern zu arbeiten. Leverkusen hat ihn nicht freigestellt und so habe ich weiter geschaut. Dabei habe ich mich eben an Trainern orientiert, die anders sind als die breite Masse.

SPOX: Hyballa scheint ihre Vorgaben bislang gut umsetzen zu können.

Meijer: (lacht) Zum einen fand er natürlich das richtige Personal vor. Oft werden Trainer geholt, die dann bestimmen dürfen. Das ist natürlich absoluter Quatsch! Du musst als Verein versuchen, die Kontrolle zu behalten und die Spieler selbst zur Verfügung zu stellen - dafür musst du eben die richtigen Trainer finden.

SPOX: Und zum anderen?

Meijer: Er macht einen sehr ruhigen Eindruck, sitzt viele Stunden in seinem Büro und überdenkt die Dinge. Auch wenn er noch sehr jung ist, hat er bereits viel Trainererfahrung gesammelt. Er ist eben keiner dieser Ex-Fußballer, die zufällig in den Job hereingerutscht sind - er ist Vollblut-Trainer. Zudem unterstützen seine Assistenten ihn dann bei Dingen, die er selbst noch nicht erlebt hat, da er nicht auf höchstem Niveau gespielt hat.

SPOX: Sie haben im Hinblick auf die letzte Saison von "Schlafmützenfußball" gesprochen. Was hat sich in der täglichen Arbeit konkret verändert?

Meijer: Alles wird mit dem Ball gemacht, es gibt keine Lauftrainingslager mehr. Wir bewegen uns in die Richtung der holländischen Idee von Fußball. Das passt zu uns. Wir sind eben auch der Klub, der am nächsten an der holländischen Grenze liegt, können uns also ab und an etwas von unseren Nachbarn abgucken, ohne dabei die deutschen Tugenden zu vergessen. Diese Mischung ist meiner Meinung nach die beste, die es gibt.

SPOX: Nahe liegt angesichts ihrer Spielweise und dem jungen, emotionalen Trainer auch der Vergleich mit Mainz 05.

Meijer: Fakt ist, dass Mainz für uns eine Art großer Bruder ist. Wir haben über Jahre gemeinsam in der 2. Liga gespielt und jetzt ist uns 05 vorausgegangen. Von Leuten, die etwas vorgemacht haben, kann man etwas lernen. Die Struktur der Klubs und die Art der Fangemeinde passt sehr gut zu uns. In Mainz gibt es - wie bei uns - eben positiv verrückte Leute, die gern ins Stadion kommen. Der Karneval ist bei uns ebenfalls sehr wichtig. (lacht) Es war natürlich sehr schön, dass der kleine Bruder den großen im Pokal schlagen konnte. Am liebsten möchte ich aber nicht nur im Pokal, sondern auch in der Liga wieder gegen Mainz spielen.

SPOX: Aachens langfristiges Ziel lautet also Aufstieg?

Meijer: Im letzten Jahr sind wir 13. geworden, was eine Schande für Alemannia ist. Wenn wir uns dieses Jahr auf einen einstelligen Platz verbessern, kann man Schritt für Schritt versuchen, höher zu kommen. Und dann kommt zwangsläufig mal die Saison, in der wir so stark sind, dass wir sagen: 'Ja, wir können mit dem Druck umgehen und wollen ganz oben mitspielen'. Das kann in zwei, drei Jahren der Fall sein.

Alemannia Aachen: Der Kader im Überblick

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