Sonntag, 05.09.2010

Bochum-Keeper Philipp Heerwagen im Interview

Heerwagen: "Spezialisiert auf Waffenrecht"

Sein Vater: Ex-Elite-Polizist. Seine Schwester: Schauspiel-Star Bernadette Heerwagen. Er selbst: Bochums Nummer eins, ehemaliger Lehrling von Oliver Kahn und passionierter Backpack-Tourist. Das Interview mit dem interessantesten Profi Deutschlands: Philipp Heerwagen (27) über den Abstieg, die Kreation eines eigenen Torwartstils, die Freundschaft mit Daniel Brühl und seine Zukunft in der Bodyguard-Branche.

Gespenstisch: Letztes Jahr ging Heerwagen in eine Druckkammer, um einen Kieferbruch zu kurieren
© Imago
Gespenstisch: Letztes Jahr ging Heerwagen in eine Druckkammer, um einen Kieferbruch zu kurieren

SPOX: Letzte Saison versuchte sich Novize Heiko Herrlich erfolglos in Bochum, nun setzt der VfL mit Friedhelm Funkel auf den Urtypus des Trainer-Veterans. Wie macht sich das bemerkbar?

Philipp Heerwagen: Ich würde es nicht am Alter festmachen. Ein moderner Trainer zeichnet sich dadurch aus, dass er sich ständig weiterbildet. Und verfügt er darüber hinaus noch über viel Erfahrung, dann ist das ideal für eine Mannschaft. Von daher sind wir mit Friedhelm Funkel sehr gut aufgestellt.

Soll Bochum zum Wieder-Aufstieg führen: Friedhelm Funkel
Soll Bochum zum Wieder-Aufstieg führen: Friedhelm Funkel
© Getty

SPOX: Vergangenes Jahr wurde immer wieder über Misstöne in der Kabine berichtet, was die Spieler jedoch dementierten. Wie viel Anteil am Abstieg hatte das Betriebsklima?

Heerwagen: Natürlich hat die Stimmung in der Kabine einen Einfluss auf die sportliche Leistung. Aber ich bleibe nach wie vor dabei: Die Stimmung innerhalb der Mannschaft war nie durchgängig so schlecht, wie es in den Medien beschrieben wurde, auch wenn die Niederlagen natürlich auf das Gemüt geschlagen haben.

SPOX: Mit dem Abstieg in die 2. Liga setzt sich Ihre wechselvolle Karriere fort. Sie begannen als großes Torwart-Talent in der 3. Liga, stiegen mit Unterhaching auf und wechselten nach Bochum - wo sie zeitweise jedoch nur die Nummer vier waren, bevor sie sich als Stammkeeper in der Bundesliga etabliert haben. Wie sehr haben Sie sich in den letzten Jahren verändert?

Heerwagen: Als ich es mit 19 in die erste Mannschaft von Unterhaching geschafft hatte, musste ich anfangs eine Balance finden. Vor mir hat in der Abwehr ein deutscher Meister wie Alexander Strehmel oder Dennis Grassow gespielt, der bei den Bayern unter Vertrag stand. Das ist besonders für einen jungen Torwart eine Gratwanderung. Man muss Anweisungen geben, aber ältere Spieler lassen sich nun mal wenig sagen.

SPOX: Waren Sie anfangs zu weich?

Heerwagen: Als Privatmensch bin ich nach wie vor ziemlich kompromissbereit, gerade im familiären Umfeld. Als Torhüter musste ich jedoch verinnerlichen, dass es im Fußball keine Kompromisse gibt. Da heißt es eben nur: friss oder stirb. Wenn ich mittlerweile auf dem Platz stehe, sehe ich elf Gegner, die mir etwas wegnehmen wollen - und gegen sie verteidige ich mich mit allen Mitteln.

"Mit einem Torhüter, der eine große Show abzieht und emotional auf die Tube drückt, hätte ich mich nicht so gut identifizieren können."

Philipp Heerwagen

SPOX: Wie sehr wurden Sie von Oliver Kahn geprägt?

Heerwagen: Als Teenager war ich genau zu der Zeit bei den Bayern, als Kahn noch als Titan regiert hatte. Manchmal durfte ich sogar mit ihm trainieren - aber bei den Einheiten habe ich mich vor lauter Angst und Respekt gar nicht getraut, ihn überhaupt anzusehen. Da haben dir die Knie geschlottert, so eine perfektionistische Aura hat er ausgestrahlt. Wenn irgendwas falsch lief, ist er fast unter die Decke gegangen. An dieser mentalen Stärke habe ich mich damals orientiert.

SPOX: Ist Kahn auch Ihr Vorbild?

Heerwagen: Nicht unbedingt. Wenn ich mir Fußball im Fernsehen anschaue, beobachte ich sehr genau das Torwartspiel und versuche die speziellen Stärken herauszuziehen. Kahn war ein sehr sicherer Keeper, Fabien Barthez hatte eine überragende Strafraumbeherrschung, Edwin van der Sar spielt wahnsinnig gut mit, Iker Casillas verfügt über eine tolle Ausstrahlung und Hugo Lloris verkörpert eine wahnsinnige Power. Aus all diesen Dingen versucht man sich einen eigenen Stil zu kreieren.

SPOX: Wie sehen Sie generell die Entwicklung des Torwartspiels?

Heerwagen: Das große Thema heißt Mitspielen. Der Trend ist mittlerweile so ausgeprägt, dass Torhüter fast schon dazu getrieben werden, andauernd aus dem Kasten zu gehen und am Spiel teilzunehmen. An sich finde ich es gut, wenn sich ein Keeper hinter einer Viererkette, die hoch steht, eng dahinter postiert und versucht, Bälle in die Tiefe abzulaufen, so dass sich die Verteidiger auf andere Aufgaben konzentrieren können. Aber es ist eben so eine Sache, wenn ein Torwart fast 40 Meter Raum nach vorne abdecken muss. Dann passiert so etwas wie Rene Adler im Testspiel des DFB-Teams gegen Argentinien im Frühjahr.

SPOX: Sie haben sich vor der WM für Adler als deutsche Nummer eins ausgesprochen, bevor er sich verletzt hatte. Warum?

Heerwagen: Er ist ein moderner Keeper, der sehr schnell gelernt hat und bei der WM auch als Mensch sehr gut die deutschen Torhüter vertreten hätte. Er ist in seinem Spiel, aber auch in seiner Persönlichkeit schon sehr reif. Mit einem Torhüter, der hingegen eine große Show abzieht und emotional auf die Tube drückt, hätte ich mich nicht so gut identifizieren können.

SPOX: Wie zufrieden waren Sie mit Manuel Neuer?

Heerwagen: Sehr. Mich hat besonders beeindruckt, wie er die Probleme mit dem neuen Spielball gelöst hat. Er hat offensichtlich das Vertrauen von Jogi Löw gespürt und dadurch enorm an Sicherheit, auch in der Außendarstellung, hinzugewonnen. Das Luxusproblem, entscheiden zu müssen, wer die neue Nummer eins ist, liegt zum Glück nicht in meiner Hand.

SPOX: Sie sprechen das Thema Konkurrenzkampf an. In Bochum rief Funkel in der Vorbereitung einen offenen Wettstreit zwischen Ihnen und Andreas Luthe aus, den sie nach dem Bandscheibenvorfall des Rivalen vorläufig für sich entschieden haben. Wie ist das Verhältnis?

Heerwagen: Jeder hat seine Ambitionen und ich habe im Sommer so hart gearbeitet, um weiter die Nummer eins zu sein. Ungeachtet dessen ist das Verhältnis gut. Jeder Torwart braucht einen Konkurrenten, der einen antreibt und so immer wieder motiviert. Das ist ein Faktor, der für meine Karriere sehr wichtig ist.

SPOX: Sie sind 27 und damit in der Blüte des Fußballer-Lebens - anders als viele Ihrer Kollegen haben Sie jedoch konkrete Pläne für die Zeit nach der Karriere: Sie wollen in die Bodyguard-Branche einsteigen. Wie kommt es dazu?

Heerwagen: Mein Vater hat vor einigen Jahren eine Schule für Sicherheit gegründet. Sprich: Dort wird Personal für Objekt- und Personenschutz ausgebildet. Mit der Zeit haben wir das Portfolio erweitert und decken beispielsweise auch Observations- und Detektivaufgaben ab, unter anderem im Industriebereich. Dieses Thema hat mich bereits in meiner Jugend interessiert und ich bin schrittweise reingewachsen, seit zwei Jahren bin ich sogar Juniorpartner der Firma. Mein Vater würde sich freuen, wenn ich die Firma eher heute als morgen übernehmen würde, so dass er sein Lebenswerk in Familienhand übergeben kann.

SPOX: Sie besitzen auch einen Waffenschein. Mögen Sie Pistolen?

Bernadette Heerwagen (l.) und Daniel Brühl
Bernadette Heerwagen (l.) und Daniel Brühl

Heerwagen: Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich auf Waffenrecht und Waffensachkunde spezialisiert, daher gehört der Waffenschein zu meinem Metier. In diesem Bereich möchte ich irgendwann auch als Referent arbeiten und irgendwann die Firma leiten. Für mich ist es wichtig, dass ich nach meiner Profi-Karriere eine Lebensaufgabe habe, wenn ich mit Fußball vielleicht nichts mehr zu tun haben möchte.

SPOX: Eine Einstellung, die sich mit ihrem interessanten Background erklären lässt? Ihre Familie scheint sich für alle möglichen Fachrichtungen zu interessieren. Sie sind Fußball-Profi, Ihre Schwester gehört zu den talentiertesten Schauspielerinnen Deutschlands...

Heerwagen: ... mein Vater war früher bei der Elite-Antiterroreinheit GSG 9 und meine Mutter hat als Deutschlehrerin gearbeitet. Ich weiß auch nicht genau, wie es dazu gekommen ist, aber es hat sich einfach so ergeben. Unsere Eltern haben uns nie zu etwas gedrängt, so dass sich die Kinder frei entfalten konnten. Meine Schwester hat sich mit Sprachen befasst und ihre Vorliebe für Kunst entdeckt, bei mir lief es ähnlich.

SPOX: Nämlich?

Heerwagen: Ich bin in der Jugend zu Bayern München gekommen und habe anfangs gedacht: 'Cool, ich spiele bei den Bayern bis zur A-Jugend und danach kann ich ja anfangen zu studieren.' Ich wollte immer Architekt werden und ich habe mir nie erträumen lassen, dass ich mal einen Profivertrag unterschreibe. Meine Eltern waren dementsprechend nie auf Erfolge fixiert. Sie wollten einfach, dass ich irgendeinen Sport treibe, damit ich mich bewege und abends todmüde ins Bett falle. (lacht)

SPOX: Sie haben eine enge Beziehung zu Ihrer Schwester, der zweimaligen Grimme-Preisträgerin Bernadette Heerwagen. Sind Sie selbst ein Film-Experte?

Heerwagen: Seitdem meine Schwester den Beruf ergriffen hat, schaue ich Filme schon anders. Ich achte mittlerweile auf Dinge wie Kamera, Licht und Ton. Zum Beispiel hat mir der Thriller "Heat" mit Al Pacino und Robert DeNiro an sich nur ganz gut gefallen, aber die Schnitte waren so überragend, dass ich am Ende den Film doch sehr interessant fand. Manchmal rufe ich Bernadette nach einem DVD-Abend einfach an und wir diskutieren.

SPOX: Im Herbst kommt der Film "Die kommenden Tage" ins Kino, in dem Ihre Schwester mit Daniel Brühl die Hauptrolle spielt. Sind Sie mit den deutschen Schauspiel-Stars bekannt?

Heerwagen: Wenn ich Bernadette in Berlin besuche, kommt es vor, dass wir Kollegen von ihr sehen und etwas trinken gehen. Es sind ganz normale Freundschaften - wie eben mit Daniel Brühl. Ein total lockerer und netter Typ. Nur das erste Treffen war seltsam. Wir haben uns angesehen und wussten, dass wir uns jeweils nur aus dem Fernsehen kannten. Und dann haben wir uns gegenseitig, fast schon wie kleine Kinder, Fragen über den Beruf des anderen gestellt.

SPOX: Was Sie ebenfalls von anderen Fußball-Profis unterscheidet: Sie bereisen in der Sommerpause als Backpacker die Welt. Stimmt das?

Heerwagen: Auf jeden Fall. Ich habe letztes Jahr in Thailand eine Dschungeltour unternommen und außerdem Japan und China bereist. Die verschiedenen Kulturen und Sprachen faszinieren mich und als Backpacker kann man all das richtig aufsaugen und genießen. Ich habe bestimmt 50 neue Freundschaften geschlossen und meinen Horizont unglaublich erweitert. Diesen Sommer war ich erneut in Asien und außerdem in Mittelamerika. Die Erzählung von den Erlebnissen und Eindrücken, die ich dort gesammelt habe, würde dieses Interview aber sprengen, daher lasse ich das jetzt. (lacht)

Ein Bayer in Bochum: Philpp Heerwagen im Steckbrief

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