Samstag, 13.03.2010

St. Pauli in der Krise

Die Bierlaune ist verflogen

Nach einer überragenden Hinrunde träumten sie auf St. Pauli schon von den Bayern und der Bundesliga. Doch nach vier sieglosen Spielen in Folge geht auf dem Kiez die Angst um, etwas zu verspielen, das man noch gar nicht hatte.

Beim FC St. Pauli macht sich nach vier sieglosen Spielen Ratlosigkeit breit
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Beim FC St. Pauli macht sich nach vier sieglosen Spielen Ratlosigkeit breit

Es ist Freitag, der 5. Februar. Der FC St. Pauli siegt auf der heimischen Baustelle nach einer mäßigen zweiten Halbzeit mit 2:1 gegen den Karlsruher SC. Die Verfolger aus Augsburg und Bielefeld sind an diesem Abend meilenweit von den Hamburgern entfernt. Die Aufstieg ist greifbar.

Große Teile der Fans drängen nach dem Spiel mit heiteren Diskussionen über zukünftige Gegner wie Bayern München und dem Hamburger SV in die Bars unweit des Stadions. Das Bier fließt in Strömen, es gibt Kurze aufs Haus - es folgt ja die Rückkehr ins Oberhaus. 45 Zähler in 21 Spielen - wahrlich, es geht kaum besser.

Doch an diesem Abend begann ein Stimmungsumschwung. Wenn auch kaum erkennbar. Aber da tat sich etwas. Plötzlich waren da unzufriedene Fans. Geschätzte 150 Kehlen regten sich gegen Spielende über den lethargischen Kick gegen den KSC auf. So sehr, dass Trainer Holger Stanislawski sich irgendwann breitarmig vor ihnen aufbaute und "Was wollt ihr denn?" fragte.

Vier Wochen später steckt der FC St. Pauli in einer Krise. Sie gewinnen nicht mehr. Sie treffen das Tor nicht mehr. Alles weg.

Augsburg profitiert von Patzern

Nach Karlsruhe folgte ein torloses Remis gegen abstiegsbedrohte Frankfurter, eine schmerzhafte Niederlage beim Spitzenreiter Kaiserslautern sowie punktlose Vorstellungen gegen Bielefeld und 1860 München. Augsburg sagte Danke.

Vom überragenden Kurzpassspiel ist nichts mehr zu sehen. Zu matt und ideenlos, manchmal naiv, bisweilen lässig präsentierten sich die Spieler. Die Folge: Die heitere Bierlaune verwandelte sich in kollektive Katerstimmung.

Holger Stanislawski: St. Paulis Urgestein
Ein echtes Urgestein: Holger Stanislawski posiert mit seinen Mannschaftskollegen Heinz Weber (l.) und Andre Trulsen
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Ein echtes Urgestein: Holger Stanislawski posiert mit seinen Mannschaftskollegen Heinz Weber (l.) und Andre Trulsen
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Insgesamt absolvierte Stani von 1993 bis 2004 289 Spiele für den FC. St Pauli
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Insgesamt absolvierte Stani von 1993 bis 2004 289 Spiele für den FC. St Pauli
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Auf viele Tore brachte es der Abwehrspieler dabei nicht, 18 Mal netzte er ein
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Auf viele Tore brachte es der Abwehrspieler dabei nicht, 18 Mal netzte er ein
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Auf dem Platz ging er nicht gerade zimperlich mit seinem Kollegen um
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Auf dem Platz ging er nicht gerade zimperlich mit seinem Kollegen um
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Abseits des Platzes war er aber für fast jeden Spaß zu haben
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Abseits des Platzes war er aber für fast jeden Spaß zu haben
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2006 tauschte er das Trikot dann gegen den Anzug und wurde Trainer bei seinem Klub
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2006 tauschte er das Trikot dann gegen den Anzug und wurde Trainer bei seinem Klub
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Zusammen mit Andre Trulsen führte er St. Pauli 2007 zurück in die 2. Liga
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Zusammen mit Andre Trulsen führte er St. Pauli 2007 zurück in die 2. Liga
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Da durfte dann auch die obligatorische Bierdusche nicht fehlen. Auch wenn sie etwas klein ausfiel
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Da durfte dann auch die obligatorische Bierdusche nicht fehlen. Auch wenn sie etwas klein ausfiel
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In dieser Woche wurde reagiert. Stanislawski ließ den angestauten Dampf erst intern, später gegenüber den Journalisten ab. Montag war Tachelestag. 45 Minuten dauerte die Verbalexplosion des Trainers. Hintereinander kritisierte der Trainer seine Spieler. Im Schnitt so drei Minuten.

Stanislawski später: "Positiv sind nur Marius Ebbers und Markus Thorandt weggekommen. Und es ging nicht um die letzen vier erfolglosen Spiele. Ich verfolge die Entwicklung schon die gesamte Rückrunde."

"Ab jetzt wird die Reset-Taste gedrückt"

Es ist die erste Krise für den 40-Jährigen. Und die versucht er mit seiner ihm eigenen Vehemenz zu meistern.

Maßnahme eins: Stanislawski plant einen zweiten Saisonstart. "Ab jetzt wird die Reset-Taste gedrückt. Wir fangen alle wieder bei null an. Wir haben 0:0 Tore und null Punkte. Wir starten nun eine Neun-Spiele-Saison. Unser Ziel sind 27 Punkte."

Maßnahme zwei: Die Mannschaft kehrte am Mittwoch auf das eigentliche Trainingsgelände zurück. Dass dort zentimeterhoch Schnee liegt und ordentliches Fußballspielen unmöglich ist -  erstmal egal. Die Devise heißt: Zeichen setzen.

Denn in den Monaten zuvor trainierte die Mannschaft drei Monate lang im Stadion. Dort sind die Kabinen geräumiger, die Platzverhältnisse angemessen. Aber: "Die Freude im Stadion zu spielen, ist dadurch verloren gegangen." Alles in allem: Das Führungspersonal des FC St. Pauli hat auf die Negativresultate reagiert.

Schulte: "Es fehlen die Prozente, um zu gewinnen"

Nur das vielleicht schwierigste Problem sprechen sie in Hamburg nicht so gerne an. Die Selbstzufriedenheit. Denn die hat sich in einigen Köpfen breitgemacht. Dabei hat der Trainer schon zu Saisonbeginn genau davor immer wieder gewarnt. "Stillstand ist Rückschritt", heißt ein Lieblingsspruch von Stanislawski.

Immerhin, Sportchef Helmut Schulte gestand gegenüber SPOX ein: "Vielleicht hat der eine oder andere von uns gedacht, dass wir schon was erreicht haben - was menschlich wäre. Aber das hat natürlich auch zur Folge, dass man weniger macht. In der Summe fehlen dann die Prozente, um Spiele zu gewinnen."

FC St. Pauli - Der Kultklub vom Kiez in Bildern
Kultkeeper beim Kultklub: Volker Ippig
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Aufstieg in die Bundesliga 1995: Mittendrin der jetztige Trainer Holger Stanislawski und Bernd Hollerbach (der mit dem Bier)
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Echte St. Pauli-Fans mit dem obligatorischen Totenkopf
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Echte St. Pauli-Fans mit dem obligatorischen Totenkopf
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Die Raupe - oft verwendetes Ritual nach Siegen von St. Pauli
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Die Raupe - oft verwendetes Ritual nach Siegen von St. Pauli
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Erlebte mit St. Pauli alle Höhen und Tiefen: der heutige Trainer Holger Stanislawski
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Hielt für St. Pauli meistens erstklassig und war Publikumsliebling: Klaus Thomforde
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Wenn AC/DC auf dem Kiez zu hören ist, dann weiß jeder bescheid: das Millerntor ist geöffnet
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Kaum ein Profiverein in Deutschland hat eine so geschlossene Fan-Base wie die Kiez-Kicker
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Thomas Meggle (r.) war einer der Torschützen beim Sieg über den Weltpokalsieger FC Bayern München im Jahr 2002
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Eine Ikone beim FC St. Pauli: Abwehrspieler und Eisenfuß Andre Trulsen
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Eine Ikone beim FC St. Pauli: Abwehrspieler und Eisenfuß Andre Trulsen
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In einer Loge der Sütribüne des umgebauten Millerntor befindet sich die St. Pauli-Kapelle
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In einer Loge der Sütribüne des umgebauten Millerntor befindet sich die St. Pauli-Kapelle
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Machte sich mit dem Siegtreffer gegen den FC Bayern unsterblich: Nico Patschinski (2.v.r.)
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Charles Takyi im Formtief

Gemeint dürfte beispielsweise Charles Takyi sein. Als Garant für Spielwitz und Torgefahr in der Hinrunde umjubelt, befindet sich der 25-Jährige in einem Formtief. Drei Tore plus fünf Vorlagen - so zog Takyi in die Winterpause. Seine Bilanz sieht heute noch genauso aus.

Andere Krisenkicker sind Deniz Naki und der in der Winterpause verpflichtete Bastian Oczipka. Beide sind weit von den Erwartungen und den eigenen Ansprüchen entfernt. Dennoch dürfen sie weiterspielen - was zwangsläufig zu Verwunderung bei den Reservespielern führt.

Gleiches passiert inzwischen auch in den Fanforen. Dort laufen die Diskussionen ob der jüngsten Aufstellungen und Einwechslungen immer heftiger ab.

Rätseln nach den Gründen

Dabei schien bis vor kurzem nichts gegen einen Aufstieg zu sprechen. 48 Tore erzielte St. Pauli in 21 Partien - die Rostocker, die Frankfurter und die Koblenzer hätten sich für diese Trefferzahl schon verbünden müssen. Und auch eine Liga höher brachte es nach 21 Spielen kein Team auf mehr Tore.

Nun rätseln sie nach den Gründen für die Krise. Für Keeper Mathias Hain gibt es zwei entscheidende Fakoren: "Erstens: Es ist die Zufriedenheit. Zu denken, es läuft schon. Aber genau das ist nicht der Fall. Und zweitens: Natürlich spielen die Gegner jetzt anders gegen uns als in der Hinrunde."

Stanislawski ergänzt: "Die Jungs hatten Angst, etwas zu verlieren, was sie noch gar nicht hatten."

Karlsruher SC: Die Chronologie eines Absturzes

Benny Semmler

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