Donnerstag, 18.02.2010

Bielefelds Co-Trainer Jörg Böhme im Interview

"Es geht darum, Zeichen zu setzen"

Die Kämpfernatur Jörg Böhme hat die Trainerlaufbahn eingeschlagen. Im Januar wurde der ehemalige Nationalspieler als Co-Trainer bei Arminia Bielefeld vorgestellt. Im Interview mit SPOX spricht der 36-Jährige über seine aktive Zeit, Ambitionen im Trainergeschäft und Hilflosigkeit an der Seitenlinie. Zudem verrät er, was er von Psycho-Tricks hält.

Jörg Böhme war vor seinem Engagement bei den Profis als Co-Trainer bei der U23 tätig
© Getty
Jörg Böhme war vor seinem Engagement bei den Profis als Co-Trainer bei der U23 tätig

SPOX: Herr Böhme, Sie wurden im Januar überraschend zum Co-Trainer bei den Profis von Arminia Bielefeld befördert. Vorher haben Sie die U23 trainiert. Warum jetzt der Wechsel?

Jörg Böhme: Thomas Gerstner und ich haben uns in der Winterpause zusammengesetzt und er hat mir seine Vorstellung von Fußball erläutert. Wie ich meine Rolle als Co-Trainer bei der U23 interpretiert habe, hat ihm wohl ganz gut gefallen. Und dann war ich mit dabei.

SPOX: Sie sind neben Frank Eulberg der zweite Co-Trainer bei den Profis. Worin unterscheiden sich Ihre Aufgaben?

Böhme: Frank Eulberg ist derjenige, der mehr im koordinativen Bereich arbeitet, während ich für die Technik zuständig bin. Außerdem trainiere ich mit den Jungs auch Standardsituationen. Mit mehr Leuten im Trainerteam können wir gezielter in Gruppen arbeiten.

"Aus heutiger Sicht, wenn man selbst Trainer ist, sieht man Dinge anders und gesteht sich ein: Vielleicht hat ja der Alte damals doch Recht gehabt"

Jörg Böhme

SPOX: Apropos Standardsituationen: Kribbelt es noch manchmal in den Füßen, wenn der Arminia 20 Meter vor dem Tor ein Freistoß zugesprochen wird? Wollen Sie sich manchmal selbst einwechseln, um den Ball in den Winkel zu hämmern?

Böhme: Ich bin noch nicht allzu lange raus, aber das Gefühl verspüre ich weniger. Ich versuche den Jungs im Training anschaulich zu verdeutlichen, wie man Standardsituationen ausführt. Im Prinzip weiß das jeder selbst, wir sind schließlich im Profi-Fußball, aber es kommt auf Kleinigkeiten an. Unterschnitt, Innenschnitt, Vollspann oder als Chipball - das wird dann schon mal ausführlich erklärt.

SPOX: Kommen junge Spieler auf Sie zu, um sich in einem persönlichen Gespräch Rat zu holen?

Böhme: Ich nehme mir den ein oder anderen Spieler auch mal selbst zur Brust. Ich habe schließlich mit einem Großteil der Mannschaft selbst noch zusammengespielt und so ist es für mich auch einfacher, sich in die Sicht des Spielers hineinzuversetzen. Der sieht manche Dinge ganz anders als wir im Trainerteam. Ich denke schon, dass mein Wort den Jungs wichtig ist. Das sollte auch die Funktion des Co-Trainers sein, so interpretiere ich meine Rolle. Klar, Respekt und Autorität müssen sein. Aber wenn es mal Probleme gibt, dann haben die Jungs auch einen, dem Sie sich anvertrauen können. Das geht dann besser als über den Cheftrainer.

SPOX: Also sind Sie mehr der Trainer-Typ Kumpel als der Schleifer?

Böhme: Was bedeutet Kumpel, was Schleifer? Wenn wir in Gruppen arbeiten, verlange ich absolute Professionalität, ansonsten funktioniert es nicht. Natürlich kann man aber auch mal die ein oder andere Sache lockerer angehen, wenn die Jungs im Training gut gearbeitet haben.

SPOX: Sie haben mehrere Stationen als Spieler hinter sich und viele Trainer erlebt. Von welchem konnten Sie am meisten lernen?

Böhme: Schwierig zu sagen. Von jedem Trainer nimmt man Gutes und Schlechtes mit. Zu meiner aktiven Zeit hatte ich auch mit dem ein oder anderen Trainer Probleme, welcher Art auch immer. In 17 Jahren Profi-Fußball kommt einiges zusammen. Aus heutiger Sicht, wenn man selbst Trainer ist, sieht man dann Dinge anders und gesteht sich ein: 'Vielleicht hat ja der Alte damals doch Recht gehabt'

SPOX: Was zeichnet Cheftrainer Thomas Gerstner aus?

Böhme: Ich denke, dass er konsequent seine Linie durchzieht. Er hat den Aufstieg als klares Saisonziel ausgegeben. Das sagt auch eine Menge über ihn aus. Ich kenne Trainer, die verkünden, dass sie zwischen Platz eins und fünf oben mitspielen wollen. Bei Thomas Gerstner ist das anders. Klare Ansage: Alle wissen Bescheid, alle wissen, worum es geht. Das lebt er der Mannschaft vor und der Erfolg gibt ihm Recht.

SPOX: Sind gerade im Aufstiegskampf auch außergewöhnliche Methoden und Psycho-Tricks gefragt? In der Vorbereitung ließ Gerstner die Spieler über Glasscherben laufen.

Böhme: Es entscheidet auch immer der Kopf, besonders wenn die Spiele immer weniger werden. Egal ob nun im Abstiegs- oder Aufstiegskampf.

SPOX: Sie galten während Ihrer Spielerkarriere immer als Heißsporn, als positiv Verrückter. Kann man so etwas seinen Spielern beibringen?

Böhme: Nein, es gibt auch Spieler, die introvertiert sind. Aber ich habe das gebraucht, das war meine Art Fußball zu spielen und mich auf dem Platz auszuleben. Es geht dabei auch darum, Zeichen zu setzen. Wir liegen zwar zurück, aber da ist noch einer, der glaubt an die Wende, krempelt die Ärmel hoch und zieht die Mannschaft mit. Gerade wenn es wie am vergangenen Spieltag gegen Ahlen in den ersten fünf Minuten nicht läuft. Da braucht es einen Führungsspieler, der mal ein Zeichen setzt, worauf alle denken: 'Bevor der mich hier abbügelt, beweg' ich selbst meinen Hintern und folge ihm'. Das kommt mir noch zu wenig. Viele Trainer heutzutage wünschen sich genau solche Charaktere. Zu meiner Zeit war das anders. Da hat man den Spieler-Typ bevorzugt, der den Mund hält und geradeaus den vorgegebenen Weg verfolgt.

SPOX: Als Spieler haben Sie sich auf dem Platz zerrissen, nun stehen Sie an der Seitenlinie und müssen manchmal hilflos mit zusehen.

Böhme: Sicherlich gab es da zu Beginn Probleme. Die hat aber jeder Ex-Profi, der auf die Trainerbank wechselt. Ich habe das ganz gut hinbekommen, weil ich neben der U23 auch schon die U11- und die U12-Mannschaften in Bielefeld trainiert habe und somit stark eingebunden war. Später wächst man dann immer mehr in diese Rolle hinein und gewinnt auch die Distanz, sodass man dann schon bald voll und ganz in seiner neuen Aufgabe als Trainer aufgeht.

SPOX: Im September 2009 haben Sie den A-Lizenz-Lehrgang absolviert. Wann kamen Sie auf die Idee, die Trainerlaufbahn einzuschlagen? Das hatte man nicht unbedingt von Ihnen erwartet.

Böhme: Als ich in meiner letzten Rückrundensaison 07/08 mit Knieproblemen zu kämpfen hatte, haben wir das erste Mal bei Arminia Gespräche geführt, wie die Zukunft aussehen könnte. Ich habe mich mehrmals mit Detlev Dammeier ausgetauscht, der damals vor einer ähnlichen Situation stand. Dann habe ich das Angebot bekommen, hier in Bielefeld in drei Jahren in aller Ruhe meine Trainerscheine zu machen und dazuzulernen - erstmal im Nachwuchsbereich ohne direkt im Fokus zu stehen.

SPOX: In den letzten Wochen wurden Details über wirtschaftliche Probleme bei Arminia bekannt. Wird so etwas auch innerhalb der Mannschaft diskutiert? Ist das in der Kabine ein Thema?

Böhme: Da müssen Sie die Mannschaft fragen. Ich sitze in der Trainerkabine.

SPOX: Aber sie haben als Ex-Profi einen engen Draht zu den Spielern.

Böhme: Ja, sicher. Da sind wir wieder beim Thema Charakter. Jeder Spieler verarbeitet das anders. Den einen nimmt das mit, der andere kann das zu 100 Prozent ausblenden. Im Trainerteam haben wir uns zusammengesetzt und das an einem Tag abgearbeitet. Wir müssen nicht jeden Tag darüber philosophieren. Wir sind uns der prekären Lage bewusst. Wir wollen aufsteigen. Das macht es dann für alle Beteiligten leichter, aus dieser Misere wieder herauszukommen.

Bielefeld macht Jörg Böhme zum Co-Trainer

Interview: Pascal Jochem

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