Fussball

"Jol hat nicht an mich geglaubt"

Von Interview: Andreas Lehner
Stolz wie Oskar: Macauley Chrisantus mit silbernem Ball und goldenem Schuh bei der U-17-WM 2007
© Imago

Macauley Chrisantus gilt als eines der größten Sturmtalente weltweit. Bei der U-17-WM 2007 holte er mit Nigeria den Titel, wurde Torschützenkönig und hinter Toni Kroos zum zweitbesten Spieler gewählt. Sein kometenhafter Aufstieg fand beim Hamburger SV aber ein jähes Ende.

Im November 2007 meldete der HSV die Verpflichtung eines Supertalents namens Macauley Chrisantus. Anderthalb Jahre später wurde der junge Bursche, ohne auch nur einmal in der Bundesliga zum Einsatz gekommen zu sein, an den Karlsruher SC weitergereicht.

Im Interview spricht der 19-Jährige über seine Entscheidung gegen Chelsea und Real Madrid, die schwere Zeit in Hamburg, die Tätlichkeit vom letzten Wochenende und seinen Kollegen Toni Kroos.

SPOX: Herr Chrisantus, haben Sie schon mal gedacht: "Verdammt, wäre ich doch in Hamburg geblieben"?

Chrisantus: Nein, überhaupt nicht. Ich fühle mich sehr wohl in Karlsruhe. Und ich bin mir sicher, dass ich hier erfolgreich sein werde.

SPOX: Aber beim HSV gibt es mit Marcus Berg nur noch einen fitten Stürmer, da wären Ihre Chancen auf Einsätze in der Bundesliga sehr hoch.

Chrisantus: Es ist müßig zu spekulieren, was sein könnte. Ich habe zwar mitbekommen, dass sich Petric und Guerrero verletzt haben, aber ich habe im Sommer eine Entscheidung getroffen und zu der stehe ich auch. Und ich bin weiterhin davon überzeugt, dass es der richtige Weg ist. Und wer weiß, ob ich jetzt gespielt hätte.

SPOX: Mit Karlsruhe liegen Sie momentan nur auf Platz 13. Warum hinkt das Team den Ansprüchen hinterher?

Chrisantus: Wir hatten zu Beginn einige Probleme und einen Trainerwechsel. Das gibt der Mannschaft natürlich keine Sicherheit. Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg.

SPOX: In den nächsten Wochen werden Sie ihrer Mannschaft nicht helfen können. Wegen einer Tätlichkeit gegen Marinko Miletic wurden Sie nachträglich für vier Spiele gesperrt.

Chrisantus: Eigentlich lief es gut für mich, ich habe unser Tor vorbereitet und hatte selbst gute Chancen, muss eigentlich auch ein Tor machen. Die Sache mit Miletic war ein Fehler, der mir nicht passieren darf und der nicht mehr vorkommen wird.

SPOX: Sie sind bisher immer eingewechselt worden. Warum durften sie noch nicht von Beginn an ran?

Chrisantus: Ich kam aus Hamburg, hatte überhaupt keine Spielpraxis und war zwischendurch auch noch verletzt. Aber ich hoffe, dass ich in den nächsten Wochen nach meiner Sperre meine Chance von Beginn an bekomme.

SPOX: In eineinhalb Jahren beim HSV kamen Sie auf keine einzige Bundesliga-Minute. Warum?

Chrisantus: Ich kam 2007 nach Hamburg und habe zu Beginn in der zweiten Mannschaft gespielt, wo es auch ganz gut lief. Nach der Saison hat der Verein den Trainer gewechselt und der neue Coach (Martin Jol, Anm. d. Red) hat nicht wirklich an mich geglaubt.

SPOX: Und in der zweiten Mannschaft durften Sie als Nicht-EU-Ausländer über 18 Jahren nicht mehr eingesetzt werden.

Chrisantus: Das war sehr, sehr hart für mich. Und das werde ich auch nie vergessen. Dadurch war es ein absolut verlorenes Jahr in Hamburg. Deshalb wollte ich den Verein verlassen. Ich wollte spielen. Der Trainer sagte mir, dass es sehr hart werden würde für mich. Also sollte ich mir einen Verein suchen, wo ich zum Einsatz komme. Und hoffentlich kann ich mich beim KSC jetzt durchsetzen und auf mehr Einsatzzeit kommen.

SPOX: Ihr Leihvertrag gilt für ein Jahr. Ist es sicher, dass es auch dabei bleibt? Oder können Sie sich einen längeren Verbleib in Karlsruhe vorstellen?

Chrisantus: Das hängt von meiner Leistung und von den Vorstellungen des HSV ab. Bisher gab es noch keine Gespräche in diese Richtung.

SPOX: Als sie zum HSV gewechselt sind, hatten Sie auch viele Angebote von Top-Vereinen wie Chelsea, Arsenal, Liverpool und Real Madrid. Warum fiel die Wahl auf Hamburg?

Chrisantus: Der HSV hat sich sehr intensiv um mich gekümmert. Ich hatte ein sehr gutes Gespräch mit dem damaligen Coach Huub Stevens. Er sagte mir, dass er von meiner Qualität überzeugt ist und dass er mich weiterbringen kann. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, mit meiner Familie und meinen Beratern gesprochen und wir kamen zu dem Entschluss, dass es besser ist, nicht gleich zu Chelsea oder Real zu gehen, sondern erstmal nach Hamburg.

SPOX: Sind Ihre Erwartungen in Hamburg enttäuscht worden?

Chrisantus: Natürlich war ich nicht zufrieden mit dem bisherigen Verlauf, besonders mit dem letzten Jahr. Ich bin nach Deutschland gekommen, um mich zu entwickeln und mein Spiel auf ein neues Niveau zu bringen. Der Schritt zum KSC war sehr wichtig für mich. Ich hoffe, dass ich hier wieder auf die Beine komme und endlich zeigen kann, was ich drauf habe.

SPOX: Wie schwer war es, sich an die Lebensumstände in Deutschland zu gewöhnen?

Chrisantus: Natürlich ist es schwer, wenn man seine Heimat in so jungen Jahren verlässt und in ein komplett fremdes Land kommt. Das Wetter ist schon sehr gewöhnungsbedürftig, wenn man aus Afrika kommt. Außerdem fehlte mir meine Familie. Besonders meine Mutter vermisse ich doch sehr. Sie hat mich schon ein paar Mal besucht, um mich zu unterstützen. Das hat mir sehr geholfen. Mittlerweile hat das Heimweh auch nachgelassen. Ich fühle mich sehr wohl in Deutschland.

SPOX: Haben Ihnen auch andere nigerianische Spieler in Deutschland bei der Eingewöhnung geholfen?

Chrisantus: Mit Chinedu Obasi telefoniere ich ab und zu. Aber wir haben uns das letzte Mal gesehen, als Hamburg in Hoffenheim gespielt hat.

SPOX: In Ihrer Heimat sind Sie eines der größten Talente überhaupt. 2008 wurden Sie mit Nigeria U-17-Weltmeister, Torschützenkönig des Turniers und zum zweitbesten Spieler gewählt.

Chrisantus: Die ganze WM war ein großartiges Erlebnis für mich. Der goldene Schuh und der silberne Ball waren zwei wunderbare Auszeichnungen und eine schöne Belohnung für meine Leistungen. Aber ich hoffe, dass dies nicht die letzten Titel in meiner Karriere waren.

SPOX: Bester Spieler des Turniers war damals Toni Kross. Verfolgen Sie seinen Werdegang?

Chrisantus: Natürlich hätte ich ihm gerne den goldenen Ball weggeschnappt (lacht). Aber er ist ein großartiger Spieler, der es sich verdient hatte und auch jetzt bei Bayer Leverkusen einen sehr guten Job macht.

SPOX: Die U-20-WM haben Sie wegen einer Verletzung verpasst. Ist Nigeria deswegen an Deutschland gescheitert?

Chrisantus: Wer weiß? Nein, Spaß beiseite. Deutschland war an diesem Tag einfach das bessere Team. Natürlich wäre ich gerne dabei gewesen, aber da muss man durch. Das Team hatte sich bei der WM einiges ausgerechnet und ich wollte dabei helfen. Leider hat es nicht geklappt.

SPOX: Nigeria galt als großer Turnierfavorit, während Deutschland mit einer Art C-Elf antrat.

Chrisantus: Ja, die Erwartungen in der Heimat waren sehr groß. Wir haben eine Reihe sehr guter Spieler, aber als Team nicht gut funktioniert und konnten so nicht unsere Top-Leistung abrufen.

SPOX: Nächstes Jahr steht die erste WM in Afrika auf dem Programm. Wie stehen Ihre Chancen auf eine Nominierung?

Chrisantus: Dafür muss ich erstmal meine Hausaufgaben beim KSC erledigen. Wenn ich regelmäßig zum Einsatz komme und Tore erziele, habe ich durchaus Chancen nominiert zu werden.

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