Fussball

"One-Hit-Wonder haben keine Chance"

Von Interview: Haruka Gruber
Mr. FSV Frankfurt: Manager Bernd Reisig arbeitete auch schon als Schatzmeister und Präsident
© Getty

Das Leben als Tausendsassa: Bernd Reisig arbeitete mit 20 Jahren als Manager von Nena, später verhalf er dem Comedy-Duo Badesalz zum Durchbruch. 1993 wagte er den Sprung in den Fußball zu FSV Frankfurt und sorgte sogar in der Politik für Furore.

Im Interview spricht der FSV-Manager (45) über One-Hit-Wonder, Josef Ackermann und ein ominöses Treffen mit Kurt Beck.

SPOX: Ist es schwieriger einen Popstar wie Nena oder einen Zweitliga-Klub zu managen?

Bernd Reisig: Da gibt es keinen großen Unterschied. Fußball ist mittlerweile ein Teil des Entertainments und dementsprechend gibt es ähnliche Mechanismen. Vertragswerk, Rechtevergabe, eine sehr starke Öffentlichkeit - all diese Dinge sind sehr identisch.

SPOX: Musik oder Fußball: Was ist reizvoller?

Reisig: Beides ist sehr verführerisch und deshalb zugleich auch gefährlich. Man darf nie die Bodenhaftung verlieren. Als Musikmanager bin ich um die halbe Welt geflogen und habe es genossen, dass ich in einer Zeit gearbeitet habe, als es dieser Branche noch wirtschaftlich gut ging. Fußball war aber immer meine zweite Leidenschaft, so dass ich das Privileg genieße, in meinem Leben gleich zwei Hobbys als Beruf ausüben zu dürfen.

SPOX: Wie kommt man zu einer solch interessanten Vita?

Reisig: Ich habe Maschinenschlosser bei der Bundesbahn gelernt, aber schon während der Ausbildung angefangen, Konzerte zu organisieren. Ich ging zunächst in viele Musik-Clubs und habe Bands angesprochen: 'Sucht ihr einen Manager? Ich besorge euch Auftritte.' Und dann habe ich Demokassetten aufgenommen, Werbeflyer bedruckt, Plakate aufgehängt. Das eine hat dann das andere ergeben und irgendwann kam der Erfolg, die Firma wurde größer und größer und zuletzt waren 36 Leute bei mir angestellt.

SPOX: Und dann?

Reisig: Anfang der 90er Jahre spürte ich, dass es nach zwölf Jahren reicht. Ich suchte eine neue Herausforderung und habe einen klaren Schnitt gemacht, mein Musikleben hinter mit gelassen und bin beim FSV eingestiegen - auch wenn der Verein damals in der Oberliga ein tristes Dasein fristete.

SPOX: Erleichtert Ihre finanzielle Unabhängigkeit die Arbeit als Fußball-Manager?

Reisig: Absolut. Kürzlich gab es einen Fall bei einem anderen Verein, bei dem der Manager massiv vom Präsidium und Aufsichtsrat in der Öffentlichkeit angegriffen wurde. Ich habe mit dem Kollegen, dessen Namen ich nicht verraten will, telefoniert und ihm gesagt: 'Ganz ehrlich, meine Schmerzgrenze wäre erreicht, ich packe meine Koffer.' Der Kollege entgegnete aber: 'Du kannst gut reden. Ich habe ein Haus abzuzahlen und eine Familie.' Es ist mein größter Luxus, dass ich jederzeit aufhören kann. Dadurch fälle ich meine Entscheidungen unabhängig und wirklich aus der Überzeugung heraus, das Richtige zu tun.

SPOX: War das Musikbusiness die richtige Vorbereitung auf das Haifischbecken Fußball?

Reisig: Ich würde eher sagen: Mein ganzes Leben hat mich darauf vorbereitet. Ich komme aus schlichten Verhältnissen und habe als jüngster von vier Söhnen schnell gelernt, mich durchsetzen. Zumal ich - man glaubt es kaum - bis zu meinem 22. Lebensjahr nicht nur dünn, sondern richtiggehend dürr war. Und als schmächtiges Kerlchen muss man sich in einer Großstadt-Clique ein gewisses Mundwerk antrainieren, um nicht unterzugehen. Mit den Muskeln hat das ja leider nicht so funktioniert.

SPOX: Gibt es dennoch etwas, dass sie aus der einen in die andere Branche übertragen konnten?

Reisig: Das sich Nachhaltigkeit rentiert. Bei Badesalz sieht man heute nur die großen, vollen Hallen. Aber bevor es soweit war, haben die beiden Jahre lang vor 50 Leuten gespielt und sich erst schrittweise nach oben entwickelt. Aber genau diese Kontinuität ist nötig, um lange oben zu bleiben. One-Hit-Wonder haben keine Chance, weder in der Musikbranche noch im Fußball.

SPOX: Haben Sie deshalb an Teamchef Tomas Oral festgehalten, obwohl der FSV lange Letzter war?

Reisig: Ich warne vor Aktionismus. Mit Ruhe im Management kann man sehr, sehr viel erreichen. Deswegen stand es auch nie zur Disposition, etwas zu ändern. Sie müssen sich mal anschauen, welche Vereine unten reingerutscht sind. Rostock hat den dritten Trainer, aber was hat das gebracht? In der Bundesliga schreiben die Spieler in Gladbach sogar Briefe an das Präsidium, weil sie es angeblich nicht unter ihrem neuen Trainer aushalten.

SPOX: Dennoch verwundert der Höhenflug des FSV mit fünf Spielen ohne Niederlage.

Reisig: Ehrlich gesagt: uns nicht. Wir haben schon im Herbst gesagt, dass es so kommen wird. Unsere Mannschaft hat fußballerisch eine gute Qualität. Es gibt ein paar Umstände, die uns eine nicht erfolgreiche Vorrunde beschert haben. Wir wussten, dass wir in der Wintervorbereitung diese Mängel beseitigen können und haben zielstrebig daran gearbeitet.

SPOX: Warum stand Ihr Team die Hinrunde über im Tabellenkeller?

Reisig: Weil uns die gemeinsame Vorbereitung im Sommer gefehlt hat. Durch den unverhofften Aufstieg wussten wir erst spät, in welcher Liga wir spielen und hatten keine Planungssicherheit. Dementsprechend haben sich die Transfers verzögert und die Neuzugänge waren dann aufgrund der fehlenden Vorbereitung im Sommer während der Vorrunde teilweise in einem schlechten körperlichen Zustand. Zudem konnten wir erst in der Winterpause mit Gennadi Bliznyuk unseren lang gesuchten Wunschstürmer verpflichten.

SPOX: Bliznyuk spielte mit Borisov zuletzt noch in der Champions League. Zudem kam Perus Nationalstürmer Junior Ross. Warum ist der FSV plötzlich so populär?

Reisig: Es spricht sich herum, dass wir ein seriös geführter Verein sind und uns im Rahmen unserer Möglichkeiten gut entwickeln. Ein zweiter Faktor: Wir sind ein familiär geführter Verein mit einem harmonischen Umfeld. Das spüren die Spieler. Wir erhalten uns - bei aller Härte, die das Fußballgeschäft mit sich bringt - ein Stück Heimat.

SPOX: Haben Sie deswegen auch die Aktion "Ein-Euro-Ticket für Ein-Euro-Jobber" eingeführt?

Reisig: Mich hat die Geschichte eines Ein-Euro-Jobbers berührt, der bei uns mithilft, unser Stadion zu pflegen. Er hat mir erzählt, dass er nicht einmal den regulären Ticket-Preis von sieben Euro übrig hätte. Das hat mich beschäftigt. Es ist absurd, dass jemand für die Allgemeinheit arbeitet, dafür aber von einem der höchsten Kulturgüter Deutschlands, dem Fußball, ausgeschlossen wird. So kam die Idee.

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SPOX: War Ihre soziale Verantwortung auch der Grund dafür, warum der ehemalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck Sie ins Wahlkampfteam für die Bundestagswahl 2005 einbinden wollte?

Reisig: Es fing damit an, dass ich den Frankfurter Bürgermeister Achim Vandreike, einen Sozialdemokraten mit dem ich seit über 25 Jahren sehr gut befreundet bin, bei seinem Wahlkampf für das Amt des Oberbürgermeisters geholfen habe. Es lief so erfolgreich, dass wir nur mit 500 Stimmen verloren haben. Als wir angefangen hatten, stand er bei den Umfragen bei 23 Prozent, als wir aufgehört haben bei 49 Prozent. Das war gigantisch, und meine Arbeit hat sich in der Parteienlandschaft herumgesprochen. Als ich dann ein vertrauliches Gespräch mit Kurt Beck in der Staatskanzlei hatte, wurde die Geschichte mit der Bundestagswahl konstruiert - obwohl nichts dran war.

SPOX: Es stimmt aber, dass Sie gerne mal mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann essen wollen?

Reisig: Mir gefällt seine Philosophie nicht. Ich finde, dass jemand in einer gesellschaftlich exponierten Stellung sozial in der Pflicht steht. Aber wenn jemand wie Ackermann in Zeiten von Hartz IV Milliardengewinne verkündet und gleichzeitig massiv Stellen abbaut, sind das Signale, die eine Gesellschaft auseinandertreiben. Das würde ich ihm gerne bei einem Abendessen sagen. Aber wissen sie was?

SPOX: Was?

Reisig: Das interessiert ihn wahrscheinlich überhaupt nicht, was ich ihm sage. Aber mich bewegt das Thema, und deswegen engagiert sich der FSV auch in diesem Bereich. Als Musikmanager habe ich drei Jahre in New York gelebt und gesehen, wie Strech-Limousinen an Obdachlosen vorbeifahren, die fast verhungern. Genau so etwas darf in Deutschland nicht passieren.

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