Fussball

WM-Tagebuch, Teil 1 - Verloren in Moskau: Svetlana rettet SPOX-Redakteur

Freitag, 15.06.2018 | 12:50 Uhr
SPOX-Reporter Stefan Petri berichtet von seinen Erfahrungen von der WM in Russland.
© getty

SPOX-Redakteur Stefan Petri ist bei der WM 2018 in Russland vor Ort und begleitet die DFB-Elf. Im ersten Teil seines WM-Tagebuchs berichtet er von seinen Erlebnissen in Moskau und verrät, wie man mit Russen (nicht) kommuniziert, warum die Fahrt zum Hotel zur Odyssee geriet - und warum er Svetlanas Telefonnummer lieber behält.

Russland ist ein schönes Land,

als ich mein Hotel dann fand, ho ho ho ho ho - hey!

Aller Anfang ist schwer. Damit war durchaus zu rechnen in dieser Zwölf-Millionen-Stadt, die mit anderen europäischen Metropolen nicht wirklich zu vergleichen ist - sieht man mal von den internationalen Fast-Food-Ketten ab, denen sich auch der Russe mittlerweile zugetan fühlt (siehe unten).

Komplizierter wird es dadurch, dass man einen schweren Koffer hinter sich her schleift - und von den semi-freundlichen Teens am FIFA-Helpdesk im Flughafen Domodedowo direkt hinters Licht geführt wird: Neeeein, kostenlos können Sie die öffentlichen Verkehrsmittel nicht nutzen, auch wenn es im FIFA Media Guide steht. Rufen Sie Ihren Coordinator an, bis dahin bitteschön bezahlen. Wie Sie zum Luschniki kommen? Ab in den Aeroexpress, danach Metro, und so weiter.

Im Kleingedruckten des Media Guides entdecke ich irgendwann später, dass es für akkreditierte Journalisten einen Shuttle zum Stadion geben soll. Gut, hätte ich die 240 Seiten vorher doch besser auswendig gelernt. Mein Fehler. Muss man am Flughafen selbst ja nicht wissen. Julia Scharf saß übrigens mit mir im Flieger und wurde nach der Passkontrolle von einer Dame mit ARD-Schild erwartet. Nur so als Vorschlag fürs nächste Mal, liebe Chefs.

Also rein in den Zug und festgestellt, dass es für das Stadion mittlerweile viel zu spät ist. Wie komme ich zu meinem Hotel? Ja, also, kritzelt mir ein weiterer Volunteer auf einen Metro-Plan: Hier umsteigen, dann hier, dann hier, dann den Bus SK bis zum Hotel. Ich schaffe es zur letzten Metro-Station Slavjanskij Bul'var. Was kann jetzt noch schiefgehen?

Russland ist ein schönes Land,

Englisch nur halt unbekannt, ho ho ho ho ho - hey!

Irgendwo habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich russischen Mamuschkas in den Vierzigern und Fünfzigern vorwerfe, dass sie kein Englisch sprechen. Hat sich bei ihnen historisch bedingt ja nicht unbedingt aufgedrängt. Und ich, das Kind zweier Russlanddeutscher, das aber trotzdem kein Russisch kann, sollte sowieso still sein.

Andererseits überwiegt an diesem Abend der Frust, als ich von Ticketschalter zu Ticketschalter gehe, nur um herauszufinden, wo die Busse denn abfahren. Pro-Tipp: Wenn eine dieser Ticketdamen mit über die Jahre tief eingegrabenem, mürrisch-unwirschem Gesichtsausdruck auf die Frage "Do you speak English?" entweder unsicher mit der flachen Hand wackelt oder mit Daumen und Zeigefinger einen mikroskopisch kleinen Abstand andeutet - vergesst es.

Folgender Dialog ereignete sich:

- "Where is the Bus?"

- [Schweigen] "Ticket?"

- "I have a ticket. Bus?" [Ich schaue fragend in beide Richtungen]

- [Längeres Schweigen] "Ticket??? One? Two? Tree?"

- [Ich hole mein Ticket aus der Tasche und wedle damit vor der Glasscheibe] "I HAVE A TICKET. WHERE? IS? THE? BUS?"

- [Längeres, mürrisches Schweigen] "ONE, TWO, TREE, ..."

Ich schnappe mein Zeug und gehe einfach in eine Richtung. Zu dieser Dame wurde ich übrigens geschickt, weil sie ja Englisch spricht, im Gegensatz zu ihren Kolleginnen ...

Draußen finde ich Busse ohne Ende. Natürlich haben Sie alle Nummern, wie es sich gehört. SK, na klar! Dass mein Diensthandy noch nicht freigeschaltet ist, ist in dieser Situation, man ahnt es, nicht hilfreich. Ich gehe also auf und ab, konzentriere mich bei meinem "Do you speak English?" auf Busfahrer und vor allem junge Leute. Keine Chance! Vladimir Putin muss allen Moskauer Einwohnern mit rudimentären Fremdsprachen-Kenntnissen höchstpersönlich die Volunteer-Weste übergestreift haben. Der Rest lebt in seiner eigenen Welt oder hat akute Kofferphobie.

Russland ist ein schönes Land,

Wahnsinn gibt's am Taxistand, ho ho ho ho ho - hey!

Irgendwann spreche ich zwei modern gekleidete russische Frauen an, etwa Anfang 40. Natürlich können sie kein Englisch - was sie aber nicht davon abhält, mich zu ihrer Lebensaufgabe zu machen, als ich meine Zettel mit falscher Bus-Bezeichnung und dem Hotelnamen vorzeige. Ich bin schon etwas länger keine 17 mehr. Ich sehe auch frisch rasiert ganz sicher nicht wie 17 aus (Shout-out an unseren 2016er EM-Reporter Bene Treuer!). Aber ich scheine ihren Mutterinstinkt geweckt zu haben.

Da wird gegoogelt. Da wird ein Busfahrer befragt. Da wird telefoniert und mir der Hörer hingehalten. Und da wird immer wieder ernst-treuherzig-überdeutlich in Russisch auf mich eingeredet, als könne neben drei Vokabeln, "Taxi" und ein paar Zahlen etwas verstehen, wenn es mir im Kleinkind-Jargon vermittelt wird.

Bestimmt 20 Minuten sind vergangen, als klar ist, dass sie für mich ein Taxi rufen wollen. Das kommt in fünf Minuten, braucht aber tridtsat' Minuten zum Hotel. Moment, 30 Minuten??? Laut meinem Plan ist es mit dem Bus ein Stopp! Denkt doch ans Perform-Budget, und überhaupt, habe ich so viele Rubel dabei? Also hole ich meine Brieftasche raus, um darauf aufmerksam zu machen. Nichts da! Vielleicht denken sie, dass ich ihnen ein Trinkgeld geben will, auf jeden Fall hindern sie mich mit fast physischer Gewalt daran, die bisher getauschten Rubel in meinem Besitz vorzuzeigen. Klasse!

 

Während aus den fünf Minuten bis zum Taxi bestimmt 15 werden, versuche ich es mit einem Taxi am Straßenrand. Ein Fahrer will tatsächlich Englisch sprechen können, also deute ich ihn zu den Damen, er möge doch den Übersetzer geben. Geredet wird dann viel, übersetzt natürlich nicht. Er will mich für 500 Rubel zum Hotel fahren. Hab ich, ist nicht viel, worauf warten wir? "Nooooo! Nooooo!" protestieren die Ladies, und ich weiß nicht genau warum, aber ich traue ihnen mittlerweile mehr als dem Taxifahrer, bleibe also stehen.

 

Ich weiß, mittlerweile ist angesichts meines Unvermögens kaum vorstellbar, dass die Geschichte gut ausgeht. Tut sie aber - denn Svetlana (sie heißt wirklich Svetlana, war ja klar) und ihre Freundin haben derartiges Mitleid mit mir, dass, wie irgendein Smartphone per Google Translate verrät, sie mich in ein Taxi setzen, dem Fahrer die Adresse geben und für mich bezahlen. Proteste wie immer zwecklos: Niemand ist so resolut wie russische Damen, sage ich euch. Umarmungen und Küsschen zum Abschied, außerdem steckt mir Svetlana ihre Nummer zu - ich soll anrufen, wenn ich im Hotel heil angekommen bin.

Das lasse ich an der Rezeption von einer skeptisch-amüsierten Dame erledigen: "Sie sagt, wenn Sie irgendwann wieder Hilfe brauchen, sollen Sie sie anrufen." Wie das angesichts der Sprachbarriere funktionieren soll, wissen wir beide nicht. Trotzdem: Die Nummer hebe ich lieber auf. Man weiß ja nie.

Weitere Erkenntnisse der ersten drei Tage in Moskau

  • Ich bin noch nicht sicher, ob ich in dem Monat hier aufgrund der Hektik und des Stresses zehn Kilo zu- oder abnehmen werde. Die Tatsache, dass man eine Apfeltasche bei McDonalds hier für umgerechnet nicht einmal 70 Cent bekommt, lässt mich allerdings Unheilvolles erahnen.
  • Highlight am Flughafen: Ein Geldautomat, der erst einmal mit Windows XP bootet. Du kriegst mein Geld nicht, Bill Gates! Du nicht!

  • Dass der DFB sein Lager mitten im Wald aufgeschlagen hat, ohne Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, ist bestimmt gewollt. Unser "Free Ride"-Medienticket hilft in diesem Fall nur bedingt. Vorteil für mich, der zum ersten Mal dabei ist: Man lernt zwangsläufig die übrigen Kollegen kennen.
  • Fazit nach dem Eröffnungsspiel im Luschniki: Richtig laut war es bei den Toren, ansonsten könnte die Stimmung etwas besser sein. Ein Hexenkessel war es ganz sicher nicht. Aber die Stimmung auf dem Nachhauseweg war hervorragend, auch die Fans aus Saudi-Arabien feierten mit. Bei aller berechtigter Kritik am Großereignis: Fußball verbindet.
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung