Englands Nationaltorwart Jordan Pickford: Endlich einer mit Hand und Fuß

Von Julian Alexander Fischer
Samstag, 07.07.2018 | 11:16 Uhr
Jordan Pickford ist Englands neue Torwarthoffnung.
© getty
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Die Torhüterposition war stets ein Problembereich in der englischen Nationalmannschaft. Patzer der Keeper kosteten die Three Lions bei großen Turnieren so manchen Sieg, einen Torhüter von Weltklasse-Format gab es seit Jahrzehnten nicht mehr. Englands neue Nummer Eins Jordan Pickford könnte das nun ändern.

Bis kurz vor der WM war noch nicht ganz klar, wer bei dem Turnier überhaupt das Tor der englischen Mannschaft hüten soll. Der langjährige Stammkeeper Joe Hart lief zwar in fast allen Qualifikationsspielen auf, patzte seit seinem Wechsel zu West Ham aber derart häufig, dass er in diesem Jahr keine Rolle mehr spielte.

Es blieben Jack Butland, der gerade mit Stoke City abgestiegen ist, Nick Pope von Burnley und eben Jordan Pickford. Nationaltrainer Gareth Southgate hatte Pickford zwar zuvor das Trikot mit der Nummer eins zugeteilt, sicher war sich dieser am Tag vor Turnierbeginn aber noch nicht: "Das Trikot mit der Eins zu bekommen war gewaltig, aber mir wurde immer noch nicht die finale Bestätigung gegeben."

Im Auftaktspiel gegen Tunesien stand Pickford dann aber wie erwartet im Tor, konnte sich allerdings ebenso wie im zweiten Spiel gegen Panama nicht auszeichnen und kassierte schuldlos je ein Gegentor. "Ich habe noch keine Parade gemacht, aber das bedeutet, dass die anderen zehn Spieler ihren Job erledigen", relativierte Pickford. Im Spiel gegen Belgien durfte er erstmals im Turnier einige Paraden zeigen, ein Gegentor bekam er trotzdem und erfuhr schließlich seine erste Niederlage im Trikot der Three Lions.

Seinen großen Auftritt hatte Pickford dann im Achtelfinale gegen Kolumbien. Bereits kurz vor Ende der regulären Spielzeit lenkte er einen strammen Schuss von Mateus Uribe mit den Fingerspitzen am Tor vorbei. Im Elfmeterschießen wurde er dann mit der entscheidenden Parade gegen Carlos Bacca zu Englands gefeiertem Helden. Pickford blieb gefasst: "Es kommt darauf an, in diesem einen Moment da zu sein, und ich war es."

Englands neue Torwart-Hoffnung

Vor der WM hatte Pickford gerade einmal drei Länderspiele absolviert und nur zwei Premier-League-Saisons gespielt. In der ersten war er gar mit seinem Heimatklub Sunderland als Tabellenletzter abgestiegen. Er zeigte dennoch so gute Leistungen, dass ihn Everton vor dieser Saison für 28,5 Millionen Euro verpflichtete und damit zum teuersten englischen Keeper und zum viertteuersten Torwart überhaupt machte.

Eine solche Summe kann Druck auf einen Spieler ausüben, ihn verunsichern - nicht bei Pickford. Mit den ligaweit meisten Paraden pro Spiel wurde er gleich zur wichtigen Stütze des Teams. Die klubinterne Award-Vergabe am Ende der Saison geriet schließlich zur One-Man-Show. Pickford wurde als bester Jungspieler ausgezeichnet und sowohl von den Mitspielern als auch den Fans zum Everton-Spieler der Saison gewählt.

Jordan Pickford: Auf den Spuren von Manuel Neuer?

Für sein Alter tritt Pickford äußerst selbstbewusst auf, anders als andere Akademie-Absolventen scheut er auch große Töne nicht. So sieht er sich bereits auf den Spuren von Manchester Uniteds David de Gea, dem aktuell wohl besten Keeper der Premier League: "De Gea hat eine Weile in der Premier League gebraucht, um auf dieses Level zu kommen und ich denke, dass ich nicht so lange gebraucht habe."

Sein großes Vorbild ist aber Manuel Neuer: "Er ist jemand, den ich bewundere, weil er die Torhüterrolle auf seine ganz eigene Art interpretiert. Er hat das Spiel auf ein neues Level gehoben." Und dieses Level will auch Pickford bald erreichen.

Denn ebenso wie Neuer besitzt auch Pickford herausragende fußballerische Fähigkeiten. Seine Abstöße sind dermaßen präzise, dass sie oftmals der direkte Ausgangspunkt schneller, überfallartiger Angriffe sind und gelegentlich sogar unmittelbar zu Toren führen. Zu Southgates Spielweise mit schnellem Umschalt- und Konterspiel passt Pickford so perfekt. Flanken fängt er sicher ab und eröffnet blitzschnell den nächsten Angriff mit einem punktgenauen Abschlag über eine Distanz von 60 Metern.

Southgate gilt als Anhänger des Prinzips vom spielenden Torwart. "Er ist ein wichtiges Puzzleteil für die Art Fußball, die wir spielen wollen", sagt der Coach. Pickford hatte unter Southgate bereits in der U21-Nationalmannschaft debütiert und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dort wählten ihn die Anhänger nämlich ebenso wie in Everton zum Spieler des Jahres ihrer Mannschaft.

Pickford als Sinnbild der aktuellen englischen Mannschaft

Mit diesem Hintergrund ist Pickford prädestiniert für die aktuelle Nationalmannschaft. Schließlich hat Southgate den Umbruch geschafft. Die Mannschaft ist mit knapp 20 Länderspielen pro Spieler eine der unerfahrensten im Turnier. Pickford zeigt sich aber bereits abgeklärt: "Wir machen 600 Paraden in einer Trainingswoche nur für eine Parade am Spieltag", sagt er. Wichtig sei dabei auch der Austausch mit seinen Mitspielern: "Solange ich kommuniziere, ist meine Konzentration immer da."

Ohnehin ist die Kommunikation eine von Pickfords Stärken. Nicht nur durch forsche Aussagen neben dem Platz, sondern auch durch andauernden Austausch mit seinen Vorderleuten auf dem Platz. Fast durchgehend brüllt er seine Mitspieler an und gibt ihnen Anweisungen.

Jordan Pickfords bisherige Länderspiele für England

DatumGegnerErgebnis
10. November 2017Deutschland0:0
23. März 2018Niederlande1:0
2. Juni 2018Nigeria2:1
18. Juni 2018Tunesien2:1
24. Juni 2018Panama6:1
28. Juni 2018Belgien0:1
3. Juli 2018Kolumbien5:4 n.E.

Selbstbewusstsein ohne Ende für Jordan Pickford

Ein weiteres Anzeichen für sein großes Selbstbewusstsein. Dieses braucht Pickford auch, wenn er trotz seiner für einen Torhüter geringen Körpergröße von 1,85 Metern durch seine Dynamik und ständige Bewegung das Tor für Gegenspieler maximal klein erscheinen lässt.

Das war jedoch nicht immer von Vorteil. Sein unbedingter Wille, jeden Ball zu fangen, ließ ihn in der Jugend etwas unkoordiniert agieren. Er habe aber seine Schlüsse daraus gezogen: "Als ich noch jünger war, bin ich einfach zu jeder Flanke gegangen. Selbstbewusst, aber nicht überheblich muss man sein. Das ist der Schlüssel."

Trotzdem sieht Pickford noch genug Verbesserungspotential für sich: "Mit der Zeit lernt man, dass man sein Spiel auch manchmal etwas anpassen muss. Das ist die steilste Lernkurve, die man als junger Torwart erlebt." Wenn diese Lernkurve in den nächsten Jahren weiter nach oben zeigt, könnte er endlich eine neue, erfolgreiche Ära im Tor der Engländer einleiten.

Dass dies dank Pickford möglich sein könnte, hat er auch mit seiner Parade im Elfmeterschießen gegen Kolumbien bewiesen, einer weiteren chronischen Schwäche der Three Lions. Der Sieg war dabei das Resultat langer Vorbereitung, wie Pickford bereits vor dem Turnier andeutete: "Hinter den Kulissen arbeiten wir bereits hart daran, vorbereitet zu sein - auch für den Weg von der Mittellinie."

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