Das russische Nationalteam vor dem Confed Cup: Stanislavs Himmelfahrtskommando

Donnerstag, 15.06.2017 | 20:10 Uhr
Seit Sommer 2016 trainiert Stanislav Cherchesov die russische Nationalmannschaft
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Ein Jahr vor der Heim-WM glaubt in Russland keiner an das eigene Nationalteam - außer die Verbands-Funktionäre, die großspurig eine Halbfinal-Teilnahme fordern. Kümmern muss sich um diese explosive Gemengelage Trainer Stanislav Cherchesov, der jüngeren, unverbrauchten Spielern vertraut und einen schnörkellosen Fußball britischer Prägung spielen lässt. Am Samstag startet Russland gegen Neuseeland in den Confed Cup (17 Uhr im LIVETICKER).

"Bei der WM?", fragt der russische Sportjournalist und Nationalteam-Experte Ilya Sokolov im Gespräch mit SPOX sicherheitshalber noch einmal nach, angesprochen darauf, ob er die Verbands-Vorgabe "Minimalziel Halbfinale" denn als realistisch einstufe. Ja, bei der WM, nicht beim Confed Cup.

Sokolov räuspert sich kurz und sagt: "Wenn wir Schiedsrichter bekommen wie die Südkoreaner 2002, dann vielleicht." Nicht ganz ernst meint er das, klar. Sokolov rechnet jedenfalls nicht mit einem Halbfinaleinzug seiner Nation, eher mit dem Achtel-, bestenfalls dem Viertelfinale.

Seine Einschätzung spiegelt die aktuelle Atmosphäre in Russland wider, denn erwartet wird von der Sbornaja nichts mehr. Vor sieben Jahren war das noch anders: Als Russland 2010 die WM-Austragung 2018 zugesichert bekam, wartete reichlich Vorbereitungszeit. Geholt wurde bald ein renommierter Nationaltrainer, Fabio Capello, der für Aufbruchsstimmung sorgen sollte - und anfangs tatsächlich auch dafür sorgte. Russland qualifizierte sich souverän für die WM 2014, scheiterte dort aber bereits in der Vorrunde.

Als die Teilnahme an der folgenden EM in Gefahr geriet, trennte sich der Verband von Capello und holte die nationale Trainer-Ikone Leonid Slutsky. Unter seiner Führung qualifizierte sich Russland zwar für die EM, gab in Frankreich aber ein desaströses Bild ab - Spieler auf, gewalttätige Hooligans neben dem Platz.

Slutsky trat dann zurück, knapp eine Million Menschen unterzeichneten eine Witz-Petition, die die Auflösung des Nationalteams forderte, und ein Mann mit Glatze und Schnauzer einen Vertrag, der die Umsetzung eines Himmelfahrtskommandos forderte. Stanislav Salamovich Cherchesov heißt der Mann mit Glatze und Schnauzer und das Himmelfahrtskommando sprach Igor Lebedev, Vorstandmitglied des nationalen Verbandes, aus: "Das Minimalziel ist das Halbfinale bei der Heim-WM 2018."

Mit Hang zur Gleichgültigkeit

Lebedev hat in der Zwischenzeit offiziell die Einführung einer neuen Sportart, den Hooliganismus, vorgeschlagen. Als Mannschaftswettbewerb mit je 20 Mann stelle er sich das vor und ließ in Hinblick auf die Gäste-Fans der anstehenden WM verlauten: "Lasst uns zu einer bestimmten Zeit am Stadion treffen. Sie können sich mit den Regeln auf unserem Platz vertraut machen." Cherchesov begann unterdessen, sich um sein Himmelfahrtskommando zu kümmern: WM-Halbfinale 2018. Mindestens.

Überrascht sei er nicht gewesen, dass Cherchesov neuer Nationaltrainer wurde, sagt Sokolov und schlecht findet er die Entscheidung übrigens auch nicht. Cherchesov habe nämlich eine Eigenschaft, die in der aktuellen Situation nicht gänzlich unbrauchbar ist: Hang zur Gleichgültigkeit. "Er wirkt wie jemand, dem Druck völlig egal ist", sagt Sokolov und erzählt eine Anekdote von Cherchesovs Zeit in Polen.

Nach einigen relativ kurzzeitigen und eher erfolglosen Engagements in der russischen Heimat bei Spartak Moskau, Zhemchuzhina, Terek Grozny, Amkar Perm und Dinamo Moskau unterschrieb Cherchesov im Oktober 2015 bei Legia Warschau. Ein Russe in Polen, das ist durchaus heikel. "Anfangs haben die Leute Witze über ihn gemacht", erzählt Sokolov, "aber das war ihm schlicht und einfach egal." Acht Monate später hat Cherchesov das Double gewonnen und ist zum russischen Verband gewechselt.

Igor und die Unverbrauchten

Was er dort vorfand, war eine überalterte, demotivierte, ausgelaugte Mannschaft mit negativer Vergangenheit, ohne Zukunft und erstaunlicherweise auch ohne Sergei Ignashevich und Vasili Berezutski. Die beiden ewigen Innenverteidiger haben nach der EM ihre Karrieren beendet und somit eine der drei bewährten Panini-Sammler-Regeln gebrochen (die Päckchen werden von Turnier zu Turnier teurer, die Anzahl der Sticker größer, Ignashevich und Berezutski sind immer dabei).

Wobei: "Vielleicht kehrt Berezutski noch einmal zurück", sagt Sokolov, aber er glaubt es eher nicht: "Es scheint, als ob Cherchesov jüngeren, unbekannteren Verteidigern vertraut." Diese Aussage ließe sich auf alle Positionen ausweiten, außer auf die des Tormanns. Nur sieben Spieler im Confed-Cup-Kader haben bereits über 15 Länderspiele absolviert, Kapitän Igor Akinfeev dagegen bereits 98.

Er ist weiterhin absoluter Führungsspieler und Leistungsträger zugleich - und nicht so alt, wie man meinen will: 31, erst. Erstmals in seiner Karriere als russischer Nationalspieler hat Akinfeev nun Verteidiger vor sich, die jünger sind als er, zumindest etwas. Die beiden 23-jährigen Giorgi Jikia und Ilya Kutepov vom Meister Spartak oder Fedor Kudryashov (30, Rostov). Sie sind keine Talente mehr, aber doch aufstrebende Spieler. Unverbrauchte, motivierte Spieler.

Seite 1: Trainer mit Hang zur Gleichgültigkeit, Igor und die Unverbrauchten

Seite 2: Der Fehler im russischen System und Cherchesovs Verbindungen zu Löw und den Spaniern

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