Tätscheln wie früher

Donnerstag, 10.11.2016 | 14:00 Uhr
Brasilien trifft in der WM-Quali auf Argentinien
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In der Nacht auf Freitag empfängt Brasilien in der südamerikanischen WM-Qualifikation Argentinien zum Superclasico (0.45 Uhr live auf DAZN). Spielort und Konstellation zwingen beide Mannschaften zur Rückkehr zu alten Tugenden: Gegenspieler sind wieder Gegner.

1937, Südamerika-Meisterschaft in Argentinien. Im Estadio Gasometro de Boedo vor 80.000 Zuschauern bringt ein Doppelschlag von Vicente De La Mata die Entscheidung für die Gauchos. Während des Spiels verhöhnen die argentinischen Fans ihre Gegner mit Affenlauten. Brasilien hat genug davon - die Mannschaft verlässt das Feld noch vor dem offiziellen Ende. Die Begegnung geht als Spiel der Schande in die Historie beider Teams ein.

1978, WM in Argentinien. Ein torloses Remis wird überschattet von der Aggressivität. Das hitzige Duell ist durchzogen von Fouls und verdient sich anschließend den Namen "Schlacht von Rosario".

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1982, WM in Spanien. Im Fokus steht WM-Debütant Diego Maradona. Der aber macht neben einigen genialen Aktionen auch negativ auf sich aufmerksam, als er Joao Batista mit einem beispiellosen Tritt in die Leistengegend abräumt und vom Platz fliegt. Die vielen Fouls gegen ihn und die Aussichtslosigkeit auf einen Sieg lassen bei Maradona die Sicherungen durchbrennen.

1990, WM in Italien. Das Aufeinandertreffen der beiden Favoriten artet in einem heftigen Getrete aus. Der Leidtragende in den meisten Fällen: Wieder einmal Maradona. Zudem werden Brasiliens Spieler angeblich von einem argentinischen Betreuer mit Beruhigungsmittel manipuliert - der "Holy Water Scandal" wird nie aufgeklärt.

Rivalität 2016: Zweckgemeinschaft und Freunde

Was früher programmiert war, wenn die Gauchos auf die Selecao trafen, wirkt 2016 doch recht weit weg. Die brennende Rivalität zwischen den beiden Fußballnationen lodert auf dem Platz nur noch auf Sparflamme.

Das hat zum einen damit zu tun, dass die Teams seit 2007 nicht mehr bei einer Turnier-Endrunde aufeinander trafen. Damals siegte Brasilien im Finale der Copa America deutlich 3:0. Seitdem gab es drei weitere Duelle in Qualifikationsrunden zur WM 2010 und nun der kommenden Weltmeisterschaft in Russland - jeweils ohne den ganz großen sportlichen Druck.

Zum anderen ist der Hass zwischen den beiden Mannschaften auch deshalb geschrumpft, weil viele Spieler beider Nationen mittlerweile in ihren Klubs zusammen kicken. Lionel Messi und Javier Mascherano mit Neymar, Angel Correa mit Filipe Luis, Angel Di Maria mit Marquinhos und Thiago Silva, Ever Banega mit Miranda, Dani Alves mit Gonzalo Higuain ... Je nach Verletztenliste und Kadernominierung lässt sich diese Liste erweitern.

Wo früher vom Erzfeind gesprochen wurde, entstehen heute Zweckgemeinschaften und Freundschaften. Rivalitäten haben sich teilweise den Gegebenheiten des Sports angepasst. Messi und Neymar lassen sich beispielsweise zusammen noch besser vermarkten als der Einzelne für sich. Neymar ermöglichte Messi und Mascherano diese Woche sogar, mit seinem Privatflugzeug von Sao Paulo direkt nach Belo Horizonte zu kommen. So hatten die beiden mehr Erholungszeit vor dem gemeinsamen Duell. Wo hätte es solche Gefälligkeiten früher je gegeben? Nicht beim Superclasico.

Spielort und Konstellation ändern vieles

Das Spiel in der Nacht zum Freitag wühlt dahingehend aber ein Stück weit Vergangenes auf. Denn nach längerer Zeit steht für beide Nationen wieder mehr auf dem Spiel. Für Argentinien sportlich, für Brasilien seelisch.

Messi, der nach seinem kurzzeitigen Rücktritt in diesem Sommer sein Comeback feiert, und die Albiceleste stehen nach drei sieglosen Quali-Spielen in Serie unter Erfolgsdruck. Nach aktuellem Tabellenstand wäre der WM-Zweite als Sechster in der ausgeglichenen Südamerika-Gruppe nicht bei der WM dabei.

Für die Selecao, die mit Trainer Tite nach zuletzt vier Siegen in Folge die Tabelle anführt, ist es nach 856 Tagen die Rückkehr an den Ort ihrer schmerzhaftesten Niederlage der Geschichte: Erstmals seit dem 1:7 gegen Deutschland im WM-Halbfinale 2014 spielt Brasilien wieder in Belo Horizonte. "Fußball gibt dir die Chance, nicht den Fall des 1:7 auszulöschen, aber nach dem damals Geschehenen einen guten Eindruck zu hinterlassen", sagte Paulinho in dieser Woche.

Vorzeichen wie lange nicht

Die Wahl des Spielorts ist immerhin eine mutige Entscheidung des brasilianischen Verbands: Man will den Negativ-Mythos Estadio Mineirao durch einen Erfolg über den bedeutungsvollsten Gegner ersticken. Bei einer Niederlage jedoch träte die gegenteilige Wirkung ein.

Das Duell der Nachbarn steht also unter Vorzeichen wie lange nicht. Freundschaftliches Tätscheln wird diesmal nicht toleriert. Das machten auch die knapp 8000 Fans am Montag beim öffentlichen Training der Selecao deutlich.

Die Zuschauer beider Nationen wollen sehen, dass die Spieler die Bedeutung der Partie verstanden haben. Jeder Gegenspieler soll sie im Zweikampf spüren. Dabei darf es ruhig auch mal krachen. Wie früher eben, als Tätscheln in diesem Duell noch etwas anders verstanden wurde.

Brasilien - Argentinien: Die Statistik zum Spiel

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