"Brasilien wird andere Hausnummer"

Samstag, 05.07.2014 | 14:08 Uhr
Per Mertesacker gehörte im Viertelfinale erstmals nicht zur DFB-Startelf
© getty
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Per Mertesacker war einer der Leidtragenden der personellen Änderungen von Joachim Löw. Der Innenverteidiger sprach in der Mixed Zone über seine Rolle als Bankspieler, die Nachwehen seines emotionalen Interviews und das Halbfinale gegen Brasilien.

Frage: Herr Mertesacker, Sie saßen gegen Frankreich erstmals und auch überraschend auf der Bank. Es war zu sehen, dass Sie nicht geschmollt haben und die Kollegen auch mit Wasserflaschen versorgt haben. Was sagt das über das Team aus?

Per Mertesacker: Jeder ist für jeden da, sei es mit einer Wasserflasche oder positiven Worten. Wichtig ist, den Spielern auf dem Platz ein gutes Gefühl zu geben. Die Stimmung im Hintergrund hat mich positiv überrascht. Darin liegt die Stärke einer teamfähigen Mannschaft und die sind wir dieses Jahr.

Frage: Sie waren die Woche über vor allem wegen Ihres emotionalen Interviews in den Schlagzeilen. Hat Sie das beschäftigt?

Mertesacker: Ich habe versucht, so schnell wie möglich Abstand zu gewinnen. Die 120 Minuten steckten mir beim Interview in den Knochen, ich war noch in Trance, so dass ich emotional reagiert habe, was eigentlich nur auf dem Platz passiert. Ich habe eine Negativität rausgehört, die ich in diesem Moment nicht teilen wollte. Dass die Sprüche so hohe Wellen schlagen, wollte ich nicht.

Frage: Haben Sie die Reaktionen in den sozialen Netzwerken mitbekommen und kennen Sie den Rap?

Mertesacker: Klar, da gab es ja auch stündlich etwas Neues. Das war schon extrem. Größtenteils bekam ich aber Zuspruch, dass man ruhig auch mal ehrlich seine Meinung sagen kann.

Frage: Wie hat der Bundestrainer Ihre Nichtnominierung für die Startelf begründet?

Mertesacker: Man muss nicht danach suchen, in welchen Bereichen der eine Verteidiger den anderen aussticht. Jeder hat seine Vorzüge und Eigenarten, jeder kann dem Team Sicherheit geben. Das sind keine einfachen Entscheidungen, die der Bundestrainer zu treffen hat. Da möchte ich nicht in seiner Haut stecken. Aber es steht ihm einfach zu, zu sagen, ich habe mich für die beiden anderen entschieden. Das reicht dann auch. Natürlich möchte ich gerne spielen, bin enttäuscht und schlafe nicht gut, wenn dem nicht so ist. Da gehen einem viele Dinge durch den Kopf.

Frage: Wie sehen Sie Ihre Perspektive jetzt für den restlichen Verlauf des Turniers?

Mertesacker: Es ist nicht sinnvoll, jetzt irgendwelche Dinge hineinzuinterpretieren. Insgesamt sind die Perspektiven super, mannschaftlich wie für mich persönlich. Es könnte nichts Besseres geben, als zum dritten Mal in Folge das Halbfinale zu spielen. Darauf können wir brutal stolz sein, das ist eine sensationelle Leistung. Ich war jetzt zwei Mal dabei, dieses Mal will ich gewinnen.

Frage: Aber die Defensive wirkte über weite Strecken stabil. Mats Hummels und Jerome Boateng haben gute Leistungen gezeigt. Da gibt es eigentlich keinen Grund wieder zu tauschen, oder?

Mertesacker: Wir hatten heute vielleicht einen psychologischen Vorteil, was geändert zu haben. Der Gegner konnte sich nicht darauf einstellen, hat uns vielleicht anders erwartet und auf einmal werden zwei, drei Spieler ausgetauscht. Dieser Qualität sollten wir uns nicht berauben. Es war eine gute Defensivleistung, wir haben in jeder Situation noch einen Fuß oder einen Arm dazwischen gekriegt. Aber wir können und müssen uns steigern. Es war gut für uns, 1:0 in Führung zu gehen. Das Tor hat uns Sicherheit gegeben, wird konnten uns ein bisschen fallen und Frankreich kommen lassen.

Frage: Ist die abwartende Spielweise wie gegen Frankreich auch die Art und Weise für die nächsten beiden Spiele?

Mertesacker: Wir haben 2010 diesen Fußball gelebt, hinten sicher stehen und dann über Konter gefährlich werden. Wir versuchen diese Stärke wieder einzubringen, was natürlich auch den Bedingungen geschuldet ist. Bei diesen Temperaturen wollten wir nicht vorne angreifen und pressen. Gegen Brasilien spielen wir zum ersten Mal gegen eine südamerikanische Mannschaft, das wird eine andere Hausnummer. Die können in der Schlussphase nochmal zulegen.

Frage: Wie war es mit der Hitze im Maracana? Schon auf der Tribüne fühlte es sich sehr heiß an.

Mertesacker: Die Bedingungen waren extrem. Wir müssen jetzt schnell runterkommen, einige Spieler haben Sensationelles geleistet und sind auch sensationell platt. Selbst auf der Bank ist man platt, obwohl man nur in diesem Kessel gesessen hat. Es war sehr gut, dass Frankreich am Ende auch kaputt war. Die Franzosen haben sehr viele Bälle ins Seitenaus gespielt, weil sie nicht mehr konnten. Diese Sekunden konnten wir zum Durchatmen nutzen. Ich hätte mir gewünscht, dass wir den einen oder anderen Konter mit dem 2:0 abgeschlossen hätten, dann wäre der Deckel drauf gewesen. Das müssen wir mit Hinblick auf das nächste Spiel noch lernen.

Frage: Was bestens funktioniert, sind die Standards.

Mertesacker: Wir haben fast in jedem Spiel nach einer Standardsituation getroffen. Das haben wir uns natürlich vorher so ausgemalt, auch mit den vier Innenverteidigern. Es ist gut, wenn wir drei bis vier richtig gute Zielspieler haben. Das hat sich bisher voll ausgezahlt.

Frage: Auch Manuel Neuer hat wieder ein starkes Spiel abgeliefert. Kann ein Torhüter bei einem Turnier den entscheidenden Unterschied ausmachen?

Mertesacker: Auf jeden Fall. Wie er immer wieder richtig steht, seine Position richtig einschätzt und die Bälle abfängt, ist beeindruckend. Dazu hat er noch gute Reflexe und strahlt zu jeder Zeit Sicherheit aus. Das macht einen Riesenunterschied. Du fühlst dich sicherer und weißt, falls mal einer durchkommt, wird's für den Stürmer nochmal schwierig.

Frage: Im Halbfinale geht es dann gegen Brasilien. Wie gehen Sie das Spiel an?

Mertesacker: Im Moment sind die Brasilianer alle noch am Winken und sehr freundlich zu uns. Ich glaube, das schlägt jetzt ein bisschen um. Aber wenn wir diesen Teamgeist, diese Stimmung, diese Moral und diese Bereitschaft konservieren können, dann haben wir gute Aussichten. Wir müssen begreifen, dass wir eine große Chance haben. In den letzten Tagen, als das eine oder andere Thema aufkam, hat man nicht gespürt, dass wir Chancen aufs Halbfinale und danach aufs Finale haben.

Frankreich - Deutschland: Die Statistik zum Spiel

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