Neuer mit Abstand der Beste

Von Stefan Rommel
Freitag, 27.06.2014 | 22:36 Uhr
Manuel Neuer war ein ums andere Mal gefordert - auch außerhalb des Strafraums
© getty
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Die deutsche Nationalmannschaft hat bei der Weltmeisterschaft in Brasilien das Viertelfinale erreicht. In der Runde der letzten 16 setzte sich das DFB-Team mit 2:1 (0:0, 0:0) nach Verlängerung gegen Algerien durch und trifft nun am Freitagabend auf Frankreich.

Vor 43.063 Zuschauern im Estadio Beira-Rio in Porto Alegre erzielten Andre Schürrle (92.) und Mesut Özil (118.) in der Verlängerung die Tore für die deutsche Mannschaft, die nun zum neunten Mal in Folge seit Einführung der K.o.-Runde unter den besten acht Mannschaften der Welt. Der Anschlusstreffer von Abdelmoumene Djabou kam für die bärenstarken Algerier zu spät (119.).

In einer vom deutschen Team phasenweise sehr schwach geführten Partie war Torhüter Manuel Neuer gegen aufopferungsvoll kämpfende und auch spielerisch starke Algerier mit Abstand der beste deutsche Spieler. Besonders in der deutschen Viererkette stimmte gegen die Nordafrikaner lange Zeit so einiges nicht.

Die deutsche Mannschaft in der Einzelkritik.

Manuel Neuer: Mit Abstand bester deutscher Spieler der ersten Halbzeit. Überragend in der Antizipation tiefer Anspiele der Algerier, rettete dreimal in höchster Not als eine Art Libero. Allerdings auch immer an der Grenze zum Fehler oder einem folgenschweren Foul als letzter Mann. Mit etwas Wahnsinn und viel Genie: Ließ erst eine leichte Ecke fallen, dann folgte ein genauer Abschlag auf Schürrle, der beinahe zum Tor geführt hätte. Hatte mehr als ein Dutzend Aktionen außerhalb des Strafraums, ehe er in der 75. Minute einen Ball auf der Linie stehend fangen durfte. Am Ende mit unglaublichen 19 Aktionen außerhalb des Strafraums und bis zur letzten Sekunde hellwach. Beim Gegentor machtlos. Note 1,5

Shkodran Mustafi: Rutschte für den erkrankten Mats Hummels in die Startelf und nahm Boatengs Platz rechts in der Viererkette ein. Löw blieb mit der Entscheidung für Mustafi seiner konservativen Besetzung der Viererkette nur mit gelernten Innenverteidigern treu. Mit einem nervösen Beginn, zwei verunglückten Flanken aus guter Position und einem dicken Patzer in der Defensive. Rückte immer wieder sehr hoch auf, wurde aber mit zunehmender Spieldauer kaum noch eingebunden ins Spiel. Durch seine Positionierung ein Sicherheitsrisiko in der Defensive. Ordentlicher Offensivkopfball gleich nach der Pause, nur zu schlecht platziert. Nach 70 Minuten wegen einer Verletzung am Oberschenkel ausgewechselt. Note 4,5

Per Mertesacker: Neben dem fahrigen Boateng zunächst noch einigermaßen souverän, dann aber unter Druck immer wieder mit neutralen Bällen, anstatt den nahestehenden Mitspieler zu bedienen. Durch Algeriens Anlaufen gezwungen, die Spieleröffnung mitzugestalten und da mit Problemen. Ebenso gegen die wendigen wie wuchtigen Feghouli und Slimani. Rückte auch extrem hoch nach und stand bisweilen an der Mittellinie als letzter Mann - was natürlich die Gefahr barg, in einen Konter zu laufen. Übler Stellungsfehler dann beim Konter in der 76. Minute, als Boateng den Querpass noch klärte. Note 4,5

Jerome Boateng: Rückte von der Seite zurück auf seine Stammposition im Zentrum und fiel in der ersten Halbzeit vor allen Dingen durch Inkonsequenz in seinen Aktionen auf. Kaum dran am Gegenspieler, schlafmützig im Kopf. Kam im zweiten Durchgang besser in die Partie und wurde sicherer. Und rettete Mertesacker bei einigen Aktionen quasi den Kopf. Kurz vor dem Ende mit einem überragenden Zweikampfverhalten gegen Slimani, als der schon auf und davon schien. Am Ende trotz der missratenen Anfangsphase noch der beste deutsche Abwehrspieler. Note 4

Benedikt Höwedes: Wirkte ziemlich deplatziert auf seiner linken Seite. In der Defensive wie die anderen der Viererkette mit einigen Problemen, offensiv nahezu ohne Anknüpfungspunkt. Aufrücken? Nicht aufrücken? Höwedes verlor sich oft im Nirgendwo und hatte dann weder Angriffs- noch Abwehrposition. In der Stellung nutzlos für das deutsche Angriffsspiel, weshalb auch die Zuspiele auf ihn immer noch weniger wurden. Guter Kopfball eine Viertelstunde vor Schluss - und im Vorlauf zu Schürrles Tor sehr aufmerksam im Mittelfeld, als er einen Pass ablief und schnell den Gegenangriff einleitete. Gegen Ende der Partie plötzlich in den Zweikämpfen sehr präsent und mit guten Tacklings. Note 4

Philipp Lahm: Musste sich immer wieder die Bälle sehr tief abholen und konnte so in der ersten Halbzeit zu selten im Angriffsdrittel Akzente setzen. Das wurde im zweiten Durchgang deutlich besser, dann kam der Kapitän sogar in gute Abschlusspositionen und gegen Ende der Partie sogar bis zur gegnerischen Grundlinie - ab der 70. Minute allerdings in seiner Funktion als rechter Verteidiger, wohin er nach Mustafis Ausfall wechseln musste. Hier offensiv eine Klasse besser als sein Vorgänger, machte gut Betrieb auf seiner Seite. Bei seinen Tacklings nicht immer mit dem richtigen Timing, rückte beim Gegentor eine Spur zu weit ein und konnte Djabou nicht mehr folgen. Note 3,5

Bastian Schweinsteiger: Bekam nach langem Rätselraten doch den Vorzug vor Khedira. Ohne die ordnende Hand wie noch im USA-Spiel. Brauchte lange, um sich zurechtzufinden, wurde dann aber immer wichtiger, je mehr das Spiel auf Messers Schneide stand. Vergab vor dem Ende der regulären 90 Minuten eine gute Kopfballchance freistehend. Zeigte bis zu seiner Auswechslung nach 109 Minuten eine gute körperliche Präsenz und stemmte sich in unzähligen Zweikämpfen dem Gegner entgegen. Spielerisch aber nicht so stark wie zuletzt. Am Ende von Krämpfen geplagt ausgewechselt. Note 3,5

Toni Kroos: Kam mit Algeriens Mittelfeldpressing nur schwer zurecht. Musste immer wieder eine Schleife drehen, wenn er unter Druck gesetzt wurde und setzte die Abspiele nicht zügig und präzise an den Mann. Schwamm sich phasenweise immer wieder frei, dann leistete er sich wieder schlimme Fehlpässe. Seine Standards, zumeist hoch getreten, blieben wirkungslos. Nicht der erhoffte Gestalter gegen einen tiefstehenden Gegner. Note 4

Thomas Müller: Nach 23 Minuten mit ganzen vier Ballkontakten - so abgeschnitten war der Torjäger vom deutschen "Spielfluss". Bis etwa Mitte der zweiten Halbzeit bis auf eine Kopfballchance kaum zu sehen, dann aber immer besser und in der Schlussphase der 90 Minuten mit den besten deutschen Chancen. Die er aber auch ungewohnt leicht vergab. Dann die Vorbereitung zum Siegtor, als er mit Tempo auf den Gegenspieler zugehen konnte und dann eine ordentliche Flanke schlug. Auch in der Folge immer gefährlich. Wirkte als einer der wenigen auf dem Platz auch am Ende der 120 Minuten noch körperlich frisch. Note 3

Mario Götze: Der Münchener feierte nach der kurzen "Auszeit" gegen die USA seine Rückkehr in die Stammformation und nahm hauptsächlich den Platz links in der Offensivreihe ein. Mit jeder Menge leichter technischer Fehler, ohne Zusammenspiel mit Höwedes. Zu viele individuell schlechte Entscheidungen von Götze. Mit der Riesenchance zur Führung kurz vor der Pause, die er aber leichtfertig vergab. Nach 45 Minuten für Schürrle ausgewechselt. Note 5

Mesut Özil: Begann wie schon gegen die USA auf der für ihn eher ungewohnten rechten Seite. Rückte aber immer wieder früh ins Zentrum, wo er auch ein paar ordentliche Szenen hatte. Ließ Ghoulam aber bei dessen Großchance einfach davonziehen (18.). Wurde immer schlampiger in seinem Passspiel. Immerhin bewegte er sich gut und brachte sich durch kurze, intensive Antritte in Position. Wechselte nach der Pause auf links. Auch da mit jeder Menge Leerlauf, inkonsequent in seinen Zweikämpfen. Hatte angekündigt, in der K.o.-Phase voll da zu sein. Zu sehen war davon noch nicht viel. Trotz seines Tores eine Minute vor dem Ende der Verlängerung. Note 4

Andre Schürrle: Kam nach der Pause für Götze und ging auf die rechte Angriffsseite. Gleich gut drin im Spiel auf der eher ungewohnten Position. Dann aber mit ein paar Einzelaktionen zu viel. Bis zum Abpfiff nach 90 Minuten dann nicht mehr so wirkungsvoll. Beim Tor aber artistisch und technisch anspruchsvoll. Starker Joker, auch wenn ihm nicht alles gelang. Aber ein Tor und ein Assist sprechen für sich. Note 2,5

Sami Khedira: Kam nach 70 Minuten für den verletzten Mustafi. Ging an Kroos' und Schweinsteigers Seite ins Mittelfeld. Brachte aber auch nur vereinzelt jene Ordnung ins Spiel, die das deutsche Spiel gebraucht hätte. Gute Flanke vor Müllers dicker Chance. Schlimmer Querschläger im eigenen Strafraum, der fast den Ausgleich bedeutet hätte. Danach noch mit einem guten Dribbling und einem abschließenden unsauberen Pass. Symptomatisch für seine Verfassung: Mit guten Ansätzen, aber immer noch nicht bei 100 Prozent. Note 3,5

Christoph Kramer: Kam elf Minuten vor dem Ende für Schweinsteiger. Hatte bei seinem ersten WM-Einsatz sogar sein erstes Tor auf dem Fuß. Keine Bewertung

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