Fussball

Aus "Heulsusen" sollen Helden werden

SID
Neymar und die Brasilianer müssen im Viertelfinale gegen Kolumbien ran
© getty

Die Brasilianer waren reif für die Couch, jetzt sehen sie sich psychisch gerüstet für eine Heldentat. Nichts anderes erwarten 200 Millionen Landsleute im Viertelfinale gegen Kolumbien (Fr., 21.45 Uhr im LIVE-TICKER).

Psychologin Regina Brandao scheint ganze Arbeit geleistet zu haben. Superstar Neymar jedenfalls trat äußerst selbstsicher vor die Presse, er versprühte seinen ganzen jugendlichen Charme und drückte bei seinen Kampfansagen das Kreuz durch. Jeder sollte sehen: Die als "Heulsusen" verspotteten Brasilianer wollen wieder Helden sein - mit einem Sieg im WM-Viertelfinale am Freitag (22.00 Uhr im LIVE-TICKER) gegen die unbequemen "Cafeteros" aus Kolumbien um Shootingstar James Rodríguez.

"Wir müssen nicht so viel über Druck nachdenken. Wir spielen doch hier im Hinterhof unseres Hauses, die Fans sind unsere", sagte Neymar: "Ich stecke das locker weg, weil das mein Traum ist." Seinen weniger gefestigten Mitspielern gab er einen Rat mit auf dem Weg: "Wir tragen eine große Verantwortung, aber wir müssen das auch als Spiel ansehen. Wenn wir verlieren, sind wir nicht tot."

"Ich habe es genossen"

Das nicht, aber Neymar und Co. wissen: Scheiden sie aus, stürzen sie ihr Land in ein Tal der Tränen, und die momentane Euphorie würde schnell in Wut auf die "Versager" umschlagen. Die emotionalen Szenen mit reichlich Tränen beim Achtelfinal-Krimi gegen Chile haben gezeigt, dass das Nervenkostüm der Brasilianer angesichts des Titel-Drucks mächtig gelitten hat.

Trainerfuchs Luiz-Felipe Scolari hat der Selecao wegen der enormen Anspannung professionelle Hilfe zur Seite gestellt. Offenbar mit Erfolg. Vor allem Neymar taten die Stunden mit Psychologin Brandão sichtlich gut. "Ich hatte so etwas vorher nicht gemacht, aber ich habe es genossen", sagte Neymar.

Auch körperlich ist der 22-Jährige bereit für das mit Spannung erwartete Privat-Duell gegen Kolumbiens Ausnahmekönner Rodríguez. "Mir geht es gut, ich habe keine Schmerzen mehr", sagte der Offensivstar des FC Barcelona. Als Erinnerung an den harten Kampf gegen Chile hatte er sich zuletzt mit Problemen am linken Oberschenkel und am rechten Knie herumgeschleppt.

"Hoffe, sein Zyklus endet jetzt"

Neymar muss auch mental und physisch auf der Höhe sein, denn Brasilien war bislang stark abhängig von der Form des viermaligen WM-Torschützen. Außerdem wartet auf der anderen Seite Rodríguez (5 Treffer) zum Wettballern um die WM-Torjägerkrone. "Keine Ahnung, wer der bessere Spieler ist. Ich hoffe, sein Zyklus endet jetzt", sagte Neymar über "King James".

Der kolumbianische Überflieger nannte Brasilien einen schwierigen Gegner mit großartigen Spielern, "aber das gleiche müssen sie auch über uns denken." Mittelfeldspieler Carlos Sanchez glaubt, dass Rodríguez und dessen kongenialer Partner Juan Cuadrado (4 Torvorlagen, 1 Tor) den WM-Gastgeber in eine tiefe Depression schießen: "Wir haben unsere Waffen, mit denen wir jedem Team weh tun können."

Doch nicht nur auf dem Rasen wird es heiß zugehen. Die Rivalität der beiden südamerikanischen Teams dürfte für eine hitzige Stimmung im Estadio Castelao sorgen. Da die traditionelle Trikotfarbe beider Mannschaften gleich ist, wird in der Arena das "Gelbfieber" umgehen.

"La Seca" ausgerufen

Die benachbarten Grenzstädte Tabatinga (Brasilien) und Letícia (Kolumbien) schließen am Spieltag sogar ihre Schranken, weil sie Krawalle befürchten. Der Bürgermeister von Bogota hat für die Kolumbianer ab 10.00 Uhr morgens für zwölf Stunden "Ley Seca" ausgerufen, ein Ausschenk-Verbot von Alkohol.

Brasiliens Nationaltrainer Luiz-Felipe Scolari hat ganz andere Sorgen. Der Ausfall des gelbgesperrten Luiz Gustavo reißt ein großes Loch im defensiven Mittelfeld. Der Profi des VfL Wolfsburg ist mit seiner Zweikampfstärke und Übersicht in Scolaris System kaum zu ersetzen. Felipão ließ sich im Training nicht in die Karten gucken, wer Gustavo ersetzt. Wahrscheinlich wird der zuletzt auf die Bank versetzte Paulinho die Sechser-Position einnehmen.

Der Kader von Brasilien im Überblick

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