Belgien: Der kalkulierte Geheimfavorit

Von Adrian Bohrdt
Samstag, 05.07.2014 | 12:47 Uhr
Die Belgier haben bisher alle Spiele in Brasilien gewonnen
© getty
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Als Geheimfavorit gestartet, waren viele trotz drei Siegen in der Vorrunde zunächst von den Belgiern enttäuscht. Doch die Mannschaft von Trainer Marc Wilmots hat sich ins Turnier gearbeitet und überzeugte nach im Achtelfinale auch mit den erwarteten Qualitäten.

Das Prädikat "Geheimfavorit" machte vor der WM wie alle vier Jahre oft die Runde. In nahezu jeder Gruppe hatten Experten ein Team ausfindig gemacht, das unter dem Radar weit kommen könnte. Einige davon, etwa Uruguay oder die Elfenbeinküste, enttäuschten, während andere, wie Chile, unglücklich ausschieden. Lediglich Kolumbien überzeugte von den vermeintlichen Geheimfavoriten bislang vollends.

Und dann gibt es da noch die Belgier, auf die man sich bislang nur schwer einen Reim machen kann. Von allen Geheimfavoriten waren die Roten Teufel der mit Abstand am häufigsten genannte, so dass man das "Geheim" auch getrost hätte streichen können. Die Fußballwelt erwartete Offensivzauber, viele Tore und einen souveränen Marsch durch die Gruppenphase.

Von einer "goldenen Generation" um die Superstars Vincent Kompany, Romelu Lukaku und Eden Hazard war in Belgien bereits die Rede, wenngleich Trainer Marc Wilmots nicht müde wurde zu mahnen: "Wir haben eine sehr junge Mannschaft ohne Turniererfahrung." Dennoch hat er sein Team ins Viertelfinale geführt. Anders, als im Vorfeld von vielen erwartet - und doch, glaubt man Wilmots, mit viel Kalkül.

Belgien bewusst mit Handbremse?

Gleich im ersten Spiel gegen Algerien bot das Team vor allem im ersten Durchgang eine schwache Leistung. Die Algerier wirkten aggressiver und frischer und gingen sogar in Führung - bis die eingewechselten Marouane Fellaini und Dries Mertens die Partie zugunsten der Europäer noch drehten. Belgiens Status als Geheimfavorit war im schnelllebigen Fußballgeschäft dennoch vorerst wieder entzogen.

Dabei, versicherte Wilmots, sei die zurückhaltende Spielweise kalkuliert gewesen: "Ich habe in der Halbzeit einen Zettel an die Wand gehängt. Da stand drauf: "Die Bank gewinnt das Spiel". Die Bank hat das Spiel gewonnen. Ich wusste, dass Algerien müder und müder werden würde." Auch im zweiten Spiel mühte sich Belgien zu einem 1:0-Sieg über Russland, wieder durch ein Joker-Tor. Von der erwarteten Offensivpower war weiter wenig zu sehen.

Bereits vier belgische Tore erzielten vor dem Viertelfinale Einwechselspieler, aktueller WM-Höchstwert - und von Wilmots schon vor Turnierbeginn angekündigt: "Ich beschäftige mich immer besonders mit denen, die nicht spielen. So wurde schon die Hälfte unserer Siegtore in der Qualifikation von Einwechselspielern erzielt."

Die Ergebnisse stimmen

Doch auch das schwache Südkorea wurde nur durch ein Abstaubertor von Jan Vertonghen mit 1:0 geschlagen, und ob mit Kalkulation oder durch Glück - den Vorschusslorbeeren waren die Belgier nur was die Punkteausbeute angeht gerecht geworden. Spielerisch wirkte das Team gehemmt und konnte sein, auf dem Papier großes Offensivpotential, scheinbar noch nicht auf den Platz bringen.

Sinnbildlich dafür standen mit Hazard und Lukaku zwei der im Vorfeld als mögliche Stars des Turnier gehandelten Akteure, die beide weit unter ihren Möglichkeiten blieben. Vor allem Hazard, das "Juwel des belgischen Fußballs" (Jugendtrainer Stephane Adams) spielt bislang eine durchwachsene WM und stand zuletzt im Schatten von Kevin de Bruyne.

Hazard und Lukaku enttäuschen

Dabei hatte Wilmots kurz vor Turnierbeginn noch betont, dass er das Potential zu einem der fünf besten Spieler der Welt habe, und so die Erwartungen geschürt, was Hazard bereits da zurückwies: "Im Ernst? Das hat er gesagt? Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass ich es momentan verdiene, zu den besten fünf Spielern der Welt gezählt zu werden. Dafür würde ich in fast jedem Spiel treffen müssen."

Auch die Mitspieler erwarteten Großes von in ihrer Nummer 10. "Wir werden bald den richtigen Eden sehen. Wir brauchen ihn. Die Zuschauer erwarten viel von ihm, denn er ist immer noch der Star unserer Mannschaft", betonte Kevin Mirallas und Axel Witsel fügte selbst nach Hazards durchwachsener Vorrunde hinzu: "Wir alle vertrauen auf Eden Hazard. Jeder weiß, was er kann. Er will immer den Unterschied machen."

Lukaku, der zweite im Bunde der Enttäuschenden, wollte sich nach starker Saison in England auf der großen Bühne beweisen - tauchte dann aber phasenweise komplett unter. Gegen Algerien blieb er in 58 Minuten ohne Ballkontakt in der gegnerischen Hälfte und auch gegen die Russen musste er nach schwacher Vorstellung früh im zweiten Durchgang raus.

Knoten platzt im Achtelfinale

Und trotz allem erreichte Belgien sein erstes WM-Viertelfinale seit 1986 relativ souverän, und das Achtelfinale gegen die USA könnte dem Team einen Boost für das weitere Turnier geben. Nachdem das Mindestziel erreicht war, spielte die junge belgische Mannschaft befreit auf und präsentierte sich offensiv wie entfesselt. Vor allem de Bruyne und der für Lukaku in die Startelf gerutschte Divock Origi sorgten phasenweise für einen Sturmlauf.

"Es hat Spaß gemacht, mal nicht mit angezogener Handbremse zu spielen", gab de Bruyne anschließend zu. Obwohl es am Ende ironischer weise das erste Spiel war, das die Wilmots-Truppe bislang nicht nach 90 Minuten für sich hatte entscheiden können, lieferte Belgien gegen die USA sein bestes Turnierspiel ab.

Passend dazu platzte zumindest auch bei Lukaku endlich der Knoten. Der 21-Jährige sorgte mit dem 2:0 in der Verlängerung für die Vorentscheidung und gab anschließend zu: "Nach meinem Tor hätte ich weinen können. Es war der schönste Moment in meinem Leben. Mit 21 Jahren Torschütze bei der Weltmeisterschaft - für dieses Gefühl habe ich jahrelang trainiert."

Wilmots: "Nicht hier um die Fans zu unterhalten"

Durch die Vorschusslorbeeren hatten viele ein anderes belgisches Team erwartet, und doch spielen die Roten Teufel auf ihre Art ein starkes Turnier. Trotz der zahlreichen jungen Spieler wirkte das Team in der Gruppenphase abgezockt und begeisterte schließlich im Achtelfinale. Gegen ein offensiv ausgerichtetes Argentinien geht Belgien daher als mehr als nur ein Geheimtipp ins Viertelfinale.

Die ganze Kritik schert Wilmots deshalb überhaupt nicht: "Wenn Sie mich fragen, ob ich lieber für aufregende Spiele sorgen und nach der Gruppenphase ausscheiden will, oder aber lieber alle Spiele 1:0 gewinne und Weltmeister werde, dann nehme ich die 1:0-Siege. Ich bin hier, um realistisch zu sein, und nicht um die Fans im Stadion zu unterhalten."

Kapitän Vincent Kompany blickt derweil sogar schon weiter in die Zukunft: "Dieser Kader hat großes Potential und wird bis zur EM 2016 und zur WM 2018 weiter reifen." Spätestens in zwei Jahren sollte dann auch niemand mehr vom Geheimfavoriten Belgien sprechen.

Die WM 2014 im Überblick

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