Fussball

Der glückliche Umweg nach Hause

Von Adrian Bohrdt
Miralem Pjanic will gegen Nigeria Bosniens ersten WM-Sieg feiern
© getty

Nach der Auftaktniederlage gegen Argentinien und vor dem Duell mit Nigeria (0 Uhr im LIVE-TICKER) ruhen die Hoffnungen Bosnien-Herzegowinas auf Miralem Pjanic. Der Fußball rettete Miralem Pjanic einst vor dem Krieg, jetzt will der Mittelfeldmann seinem Heimatland etwas zurückgeben. Für die Auswahl des krisengeschüttelten Landes geht es bei der WM in Brasilien aber um mehr als nur Fußball.

Es war der 15. Oktober 2013, ein verregneter Abend in Kaunas. In der 68. Spielminute rutschte eine Flanke von links flach in den Strafraum und landete vor den Füßen von Vedad Ibisevic. Der Stürmer versenkte den Ball problemlos, Bosnien-Herzegowina gewann das Quali-Spiel gegen Litauen mit 1:0 und löste sein allererstes WM-Ticket.

Für das nach wie vor von den Folgen des Krieges innerlich gespaltene Land könnte die erste Teilnahme an einem großen Turnier noch langfristig positive Konsequenzen haben. Mittendrin: Miralem Pjanic. Der Mittelfeldmann vom AS Rom ist der Dreh- und Angelpunkt in Bosniens Nationalmannschaft und für viele Fans neben Edin Dzeko der große Hoffnungsträger.

"Als ich die Wahl treffen musste, ob ich fortan für Bosnien-Herzegowina, Luxemburg oder Frankreich spielen würde, habe ich mich aus sportlichen Gründen für Bosnien entschieden. Mein Herz schlägt halt für Bosnien-Herzegowina und deshalb freue ich mich besonders, dass ich meinem Land dazu verhelfen konnte, die Qualifikation zur WM zu schaffen", blickte Pjanic im "Luxemburger Wort" zurück.

Der schicksalhafte Wechsel

Luxemburg? Frankreich? Tatsächlich hätte die Karriere des heute 24-Jährigen auch komplett anders verlaufen können. Kurz nach seiner Geburt trafen Pjanics Eltern eine weitreichende Entscheidung: Vater Fahrudin spielte damals 1990 für den Drittligisten Drina Zvornik und hatte ein Angebot aus Luxemburg. Die kleine Familie sah die Chance auf ein besseres Leben und wollte gehen - doch Drina verweigerte die Freigabe.

Erst als der Klubpräsident Fahrudins Frau Fatima und den kleinen Miralem weinend im Vereinsheim erblickte, lenkte er schließlich ein und genehmigte den Wechsel. Wenige Monate später begannen der Krieg und der Zerfall Jugoslawiens, sowie die spätere Aufteilung des Landes in zwei Entitäten: Der Föderation Bosnien und Herzegowina sowie der Republika Srpska.

Der Konflikt spaltet Bosnien-Herzegowina bis heute. In der Republika Srpska, geprägt von der serbischen Volksgruppe, ist die Nationalmannschaft nach wie vor ein Tabuthema. Während in Sarajevo nach der WM-Qualifikation die Nacht durchgefeiert wurde, gab es in Srpska kaum eine Reaktion. In der Öffentlichkeit wurde das Spiel in diesem Teil des Landes ohnehin so gut wie gar nicht übertragen.

Der Luxus Fußball

Den schweren Konflikten in ihrem Heimatland, die über 100.000 Menschen das Leben kosteten, waren die Pjanics entkommen. Zwar arbeitete Vater Fahrudin hart, um die Familie in Luxemburg ernähren zu können, allerdings konnte sich die Familie den Luxus Fußball erlauben. Und Miralem nutzte das von frühesten Kindheitstagen an aus.

"Er hatte immer einen Ball dabei", berichtete sein Vater in der "11 Freunde" über Miralem: "Auf unseren Reisen von Luxemburg nach Bosnien verbrachte er zwölf Stunden damit, mit dem Ball zu spielen und zu jonglieren. Eines Tages wurde ich mitten in der Nacht von einem lauten Krachen an der Garage wach. Ich befürchtete, dass es sich um Einbrecher handelte. Aber es war nur mein Sohn, der mit dem Ball aufs Tor schoss."

"Haben in Luxemburg alles gewonnen"

Mit knapp sieben Jahren ging es folgerichtig in den Dorfverein zum FC Schifflingen, zu seinem besten Kindheitsfreund und langjährigen Mitspieler Ricardo Thom hat er noch heute guten Kontakt. "Wir haben in Luxemburg alles gewonnen, auch gegen die Älteren", blickte Thom in der "Tiroler Tageszeitung" zurück.

Wann immer es ging, wurde Fußball gespielt. Auch wenn das bedeutete, zerschossene Glastüren mit Superkleber zu flicken, wie Pjanic grinsend berichtet. Doch allzu lange hielt es den begabten Youngster nicht in Luxemburg. "Es war abzusehen, dass so ein Talent nicht lange in Luxemburg spielt", betonte Thom, wenngleich Pjanic zugab: "Meine Passion war größer und ich war in der Schule dafür vielleicht ein bisschen schlechter."

Doch sein Talent gepaart mit seiner großen Leidenschaft bescherte Pjanic schnell Angebote von größeren Klubs. Als er 14 Jahre alt war, erlaubten ihm seine Eltern schließlich den Wechsel nach Frankreich zum FC Metz, wo er bereits drei Jahre später in der Ligue 1 sein Profi-Debüt feierte. "Wenn du das erste Mal als Profi auf dem Platz stehst, was willst du mehr?", erzählt Pjanic heute stolz.

Die wahre Herzensentscheidung

Erneut bewarb er sich mit herausragenden Leistungen für höhere Aufgaben. Nur ein Jahr nach seinem Profi-Debüt wechselte der technisch versierte Freistoßspezialist für 7,5 Millionen Euro zu Olympique Lyon. Doch kurz darauf musste Pjanic die nächste große Entscheidung treffen: Luxemburg, Frankreich und Bosnien stritten sich um die Dienste des talentierten Teenagers - aber die Wahl fiel ihm nicht schwer.

Pjanic spricht noch heute von einer "Herzensangelegenheit", wenn er zu seiner Nationalmannschafts-Entscheidung befragt wird. Nachdem seine Eltern die bürokratischen Hürden gemeistert und ihm einen bosnischen Pass besorgt hatten, durfte er schließlich am 20. August 2008 für Bosnien-Herzegowina debütieren. Beim 1:2 gegen Bulgarien stand er die kompletten 90 Minuten auf dem Platz.

Doch der mittlerweile 48-fache Nationalspieler ließ seinen Worten auch Taten folgen und zeigte in diesem Jahr, wie sehr ihm sein Geburtsland, in dem er nur einige Monate gelebt hat, tatsächlich am Herzen liegt.

Als in Form des Flutunglücks im Mai erneut eine Katastrophe Bosnien heimsuchte, handelte Pjanic kurzerhand: Während des Trainingslagers der bosnischen Nationalmannschaft in Sarajevo ging er an einem freien Abend in eine größere Apotheke, kaufte sie komplett leer und schickte die Medizin und die Hygieneartikel in mehreren Lastwagen in die betroffenen Städte.

Finaler Durchbruch in den vergangenen beiden Jahren

Trotz seiner unumstrittenen Fähigkeiten auf dem Platz war der 24-Jährige vor der Qualifikation für die WM vor allem in der Nationalmannschaft aber auch von vielen Fans lange mehr als kritisch beäugt. Der letzte Sprung in die absolute Weltklasse schien ihm nie zu gelingen. Doch mit elf Scorer-Punkten in acht Quali-Spielen machte er sich auch für Nationaltrainer Safet Susic pünktlich zur WM endgültig unverzichtbar.

"Es gibt kein Land bei dieser WM, für das es so wichtig ist, dass alles gut geht. Die Menschen in Bosnien haben gravierende existenzielle Probleme", berichtete der bosnische Theaterregisseur Branko Simic kurz vor WM-Start in der "Mopo".

"Bosnien muss versuchen, zu vergessen", mahnte Pjanic selbst zuletzt. Ein Vorrunden-Aus ist deshalb für die Zmajevi nicht vorgesehen, doch braucht die Mannschaft die Führung ihres Strategen, um in die nächste Runde einzuziehen. Dann gibt es vielleicht auch weitere Feiertage wie den 13. Oktober 2013. Und dann vielleicht sogar irgendwann im ganzen Land.

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