Fussball

Stotternder Neuaufbau

Von Frederick Müller
Die brasilianische Nationalmannschaft ging bei der WM gegen das DFB-Team unter
© getty

Nach dem blamablen Aus bei der Heim-WM hat der Rekordweltmeister mit seinem neuen, alten Trainer Carlos Dunga noch keinen klaren Weg eingeschlagen. Der Neuaufbau stockt, weil er nicht konsequent verfolgt wird. Und so ruht die Last vor dem Klassiker gegen Argentinien (Sa., 1 Uhr im LIVESTREAM FOR FREE) in der WM-Qualifikation weiter auf den schmalen Schultern Neymars.

Am 14. Oktober 2015 fühlte sich Ricardo Oliveira wie ein Shootingstar am Anfang einer großen Karriere. In der 74. Minute des WM-Qualifikationsspiels gegen Venezuela in Fortaleza köpfte er eine Flanke in bester Torjägermanier zum 3:1-Endstand für Brasilien ein.

Bereits fünf Tage zuvor hatte Oliveira Grund zum Feiern. In der 77. Minute ersetzte der Stürmer vom FC Santos Platzhirsch Hulk in der Sturmspitze. Es war sein erster Pflichtspieleinsatz für die Selecao - nach auf den Tag genau zehn Jahren. An der 0:2-Niederlage gegen den abgezockten Copa-America-Champion Chile konnte der 35-Jährige aber nichts mehr ändern.

Ex-Stürmerstar Robinho gehörte bis zum Jahr 2011 zum festen Bestandteil der Nationalelf. Dann wurde er von Luis Felipe Scolari nicht mehr berücksichtigt und verpasste auch die Heim-WM um Längen. Drei Jahre später war er wieder dabei, fuhr mit zur Copa America 2015 nach Chile und war in zwei Spielen an zwei Toren direkt beteiligt. Seit dem peinlichen Ausscheiden im Elfmeterschießen gegen Paraguay im Viertelfinale spielt er jedoch erneut keine Rolle mehr.

Neue Aufgabe, altes Personal

Es sind nur zwei von vielen Beispielen, die verdeutlichen, wie Carlos Dunga seit seiner Amtsübernahme nach dem WM-Debakel versucht, den Neuaufbau der so stolzen Fußballnation voranzutreiben. Oliveira war der 53. Spieler, den Dunga seit seinem Amtsantritt nominierte. Im Jahr der WM in Russland wird er 38 sein. Robinho, der aktuell in China fern jeglicher Aufmerksamkeit kickt, ist heute 31 Jahre alt.

Ex-Weltfußballer Kaka kam im ersten Spiel nach dem Copa-Aus im Freundschaftsspiel gegen Costa Rica im Alter von 33 Jahren zu seinem 90. Länderspiel, kurz darauf stand er aufgrund einer Verletzung von Liverpools Philippe Coutinho in den WM-Quali-Spielen erneut im Kader eines Pflichtspiels. Davor war er, abgesehen von ein paar Gastauftritten bei Freundschaftsspielen, fünf Jahre lang kein Faktor.

Auch für die nächsten beiden Spiele gegen Argentinien und Peru ist der Routinier von Orlando City an Bord. "Er bringt dem Team in schwierigen Zeiten Erfahrung und Reife. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch abseits", begründete Dunga seine Entscheidung.

Kein Beweis mehr schuldig

Das soll beileibe keine Herabwürdigung der gezeigten Leistungen dieser Altstars sein. Speziell Robinho und Kaka, während ihrer Hochzeiten immerhin unter den Besten ihrer Zunft, müssen der Fußballwelt nichts mehr beweisen. Jedoch zeigen ihre "Comebacks" eindrucksvoll, in welch misslicher Lage sich der brasilianische Fußball derzeit befindet.

Dunga übernahm einen Scherbenhaufen, der noch immer nicht zusammengefegt werden konnte. Die erfolgreichste Fußballnation der Welt war nach dem blamablen 1:7 gegen Deutschland und der darauffolgenden 0:3-Klatsche gegen die Niederlande im kleinen Finale am Abgrund angekommen. Die Vorzeichen für die zweite Amtszeit von Dunga waren denkbar schlecht. Und Brasilien erholt sich nur ganz langsam.

Der Serie folgt der Rückschritt

Zwar war der Einstand mit zehn Siegen in Folge vielversprechend. Mit der enttäuschenden Copa America folgte jedoch prompt der Rückschritt. Zumal die Siege zuvor lediglich in Freundschaftsspielen erzielt wurden. Wenn es drauf ankommt, wackelt die Startruppe bedenklich. So wie gegen Paraguay im Viertelfinale der Copa, so wie gegen Chile zum Auftakt der WM-Qualifikation 2018.

Während seiner zweiten Amtszeit als Trainer von Brasilien hat Dunga bisher keinen Stamm gefunden, auf den er sich verlässt. Und gleichzeitig wird einmal mehr deutlich, wie abhängig ein ganzes Land von einem einzigen Spieler ist. Als eine der ersten Amtshandlungen nahm Dunga Thiago Silva die Kapitänsbinde ab und übergab sie an Neymar. Während der ehemalige Leader mittlerweile nicht einmal mehr berücksichtigt wird, nimmt die Last auf den Schultern des 23-Jährigen immer mehr zu.

Frustabbau gegen den Druck

Wohin das führt, konnte im Gruppenspiel der Copa gegen Kolumbien eindrucksvoll beobachtet werden. Als nach dem Abpfiff die 0:1-Niederlange feststand, entlud sich der Frust des Superstars an Gegner und Schiedsrichter. Am Ende standen der Platzverweis und vier Spiele Sperre zu Buche. Wie schon beim WM-Halbfinale, als Neymar verletzt fehlte, lief danach nicht mehr viel zusammen für den fünfmaligen Weltmeister.

Die Sperre ist mittlerweile abgelaufen. Beim Klassiker gegen Argentinien steht der Kapitän seiner Mannschaft wieder zur Verfügung. Eine Tatsache, die für Brasilien derzeit lebenswichtig ist. Mit dem Offensivkünstler muss man sich vor keinem Gegner verstecken. Ohne ihren Topstar aber haben die südamerikanischen Konkurrenten aus Chile oder Kolumbien dem Rekordweltmeister mittlerweile den Rang abgelaufen.

Da kommt es nicht ungelegen, dass auch der Rivale aus Argentinien gerade mit sich selbst zu kämpfen hat. Nach den ersten zwei Spieltagen der noch langen und intensiven WM-Qualifikation steht für die Albiceleste erst ein Punkt zu Buche. Ohne die verletzten Lionel Messi und Sergio Aguero steht der Vizeweltmeister vor dem direkten Duell der beiden Fußballmächte bereits früh mit dem Rücken zur Wand.

Geheimwaffe Costa

Zumal Brasilien noch eine Geheimwaffe in der Hinterhand weiß. Mit Douglas Costa hat Dunga den zurzeit wahrscheinlich gefährlichsten und angesagtesten Offensivspieler Europas in seinen Reihen. Sollte der Toptransfer des Sommers seine Leistungen aus München auch in der Selecao auf den Rasen bringen, könnte er mit Neymar ein neues Topduo bilden und einen Teil der Last übernehmen.

Es sind Spieler wie Costa, die um Neymar herum zu einem Team aufgebaut werden müssen. Mit Willian, Oscar oder Coutinho stehen weitere Ballzauberer bereit, die schon bewiesen haben, dass sie für Spektakel und Erfolg sorgen können. Ruft diese Riege an Spielern, die sich allesamt im besten Fußballalter befinden und in ihren Vereinen längst tragende Rollen besetzen, endlich ihr wahres Potenzial ab, kann für die Haudegen wie Kaka oder Robinho an und für sich kein Platz mehr sein.

Der geheuchelte Neuaufbau

Doch Dunga ist einen Beweis, dass er der richtige Mann für den Neuaufbau ist, im vergangenen Jahr schuldig geblieben. Allerdings stellt sich auch die Frage, inwiefern von einem Neuaufbau gesprochen werden kann, wenn ein Trainer ein Amt wieder übernimmt, das er vor vier Jahren erst abgegeben hat.

Zwar prägte Dunga durchaus erfolgreiche Jahre nach der schwachen WM 2006 in Deutschland, indem er die Selecao souverän durch die WM-Quali führte und 2007 die Copa sowie 2009 den Confed-Cup gewann. Bei der WM 2010 enttäuschte aber auch er. Als "Burro" ("Esel") beschimpft, legte er sein Amt nieder. Nur, um vier Jahre später zurückzukehren und mit dem ähnlichen Spielerpersonal weiter arbeiten zu wollen.

Aus jung mach alt

Die Entscheidung des brasilianischen Verbands CBF zeugte weder von Mut noch von Kreativität. So kam es, dass altes Spielerpersonal reanimiert wurde, anstatt konsequent neue Wege einzuschlagen. Die Quittung ist ein Team, das weder eingespielt ist, noch in dieser Zusammenstellung eine Zukunft hat.

Und so muss es Neymar wohl erst einmal alleine richten. Im Prestigespiel gegen Argentinien wird er sein Team wieder anführen. Sein zwölf Jahre älterer Sturmkollege Oliveira wird ihm folgen - ohne sich dabei wie ein Shootingstar zu fühlen.

WM-Qualifikation: Südamerika

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