Fussball

Kollektiv aus Komparsen

Von Daniel Reimann
Hulk, Fred und Co. müssen gemeinsam den Ausfall von Neymar kompensieren
© getty

Bei der bisherigen WM standen meist zehn Brasilianer im Schatten der Neymar-Show. Seine schwere Verletzung ändert nun alles. Luiz Felipe Scolari muss im Halbfinale gegen Deutschland (Dienstag, 22 Uhr im LIVE-TICKER) improvisieren, denn einen Notfallplan gab es nie. Dabei ist der fehlende Star nicht das einzige Problem.

Spielweise und Personal

So oft es auch prophezeit und problematisiert wurde, es hat sich im Laufe der WM nichts daran geändert: Brasiliens Spielidee heißt Neymar. Das Konzept: Ihm oder einem seiner ebenfalls guten, aber niemals so genialen Adjutanten den Ball überlassen und hoffen. Hoffen auf eine geniale Idee, einen Geistesblitz, einen intuitiven Weg zum Tor.

Brasiliens Abhängigkeit von Neymar war unproblematisch, solange er gesund war. Er hat bewiesen, dass seine Genialität für viele Gegenspieler nicht zu verteidigen ist und er alleine Spiele entscheiden kann. Nun fällt er aus. Damit fehlt der Selecao der elementarste aller Bausteine, der Grund, weshalb sie so spielt, wie sie spielt.

Denn, bei allem Respekt: Weder Bernard, noch Willian oder Ramires können im Ansatz die Zauberdinge am Ball vollbringen, die Neymar so besonders machen. Hulk und Oscar sind zwar ebenfalls hochbegabte Spektakelfußballer, doch es bleibt fraglich, ob sie dieser Rolle auch ohne den großen Fixpunkt Neymar gerecht werden. Zumal beide im bisherigen Turnier unter ihren Möglichkeiten blieben.

Der Ausfall von Thiago Silva wiegt verglichen mit der Neymar-Dramatik weniger schwer. Seine Routine und Führungsstärke werden fehlen, doch mit Dante steht ein Weltklasse-Ersatz bereit, der in puncto Aufbauspiel womöglich sogar zusätzliche Vorteile mit sich bringt.

Mit David Luiz an seiner Seite und Rückkehrer Luiz Gustavo im defensiven Mittelfeldzentrum wird die Selecao auch gegen Deutschland über eine stabile und spielstarke Zentrale verfügen, die durch die Mitte nur schwer zu überwinden ist. Anfällig sind die Brasilianer hingegen über die Flügel beziehungsweise die Schnittstellen zwischen Außen- und Innenverteidiger.

Der zuletzt oft indisponierte Dani Alves musste gegen Kolumbien sogar erstmals bei dieser WM auf die Bank. Mit Maicon brachte Scolari zwar einen defensiv gewissenhaft, aber offensiv harmlos agierenden Rechtsverteidiger.

Ihm und seinem Pendant auf der linken Seite, Marcelo, wird gegen das DFB-Team eine noch wichtigere Rolle zukommen. Die Außenverteidiger müssen sich einerseits stärker am Kombinationsspiel beteiligen, um vorne dem Offensivquartett weitere Anspielstationen zu bieten und den Flügelspielern gleichzeitig diszipliniert den Rücken freihalten, falls diese zwischen die Linien vorstoßen.

Denn in Scolaris klassischem 4-2-3-1 sind die vorderen beiden Reihen von den meisten Defensivaufgaben befreit. Vor allem bei gegnerischen Kontern macht kaum einer der offensiven Vier den Weg mit nach hinten. Sie sollen sich ganz auf das Kreieren von Torchancen konzentrieren. Umso wichtiger ist eine disziplinierte Abstimmung in der Defensive.

Angesichts von Neymars Ausfall dürfte die Selecao gegen das DFB-Team noch zurückgezogener agieren und durch giftiges Pressing versuchen, über ein schnelles, vertikales Umschaltspiel zu Chancen zu kommen. Den offensiven Flügeln Ramires und Hulk kommt eine noch größere Bedeutung zu als bisher, da sich das Spiel ohne Neymar im Zentrum wohl zunehmend auf die Außen verlagern wird. Auch Fred im Sturmzentrum dürfte mehr Bälle als sonst erhalten und wird nicht mehr die Möglichkeit haben, sich im Schatten des Superstars zu verstecken.

Spielweise und Personal: Fehlender Fixpunkt

Stärken: Effizienz, Teamgeist und haufenweise Fouls

Schwächen: Kein Plan B, kein Ersatz und: Fred

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