Fussball

Mineirazo!

Von Stefan Rommel
Brasilien erlebte gegen Deutschland eine historische Schmach
© getty

Brasilien erlebt in Belo Horizonte die schlimmsten Stunden seit über 60 Jahren. Die schmerzvollen Erinnerungen an die schlimmste Niederlage der Geschichte sind zurück im Gedächtnis. Trainer Scolari trifft einen großen Teil der Schuld. Er muss den Weg nun freimachen für einen echten Neuaufbau. Denn der ist dringend notwendig. Der SPOX-Kommentar.

Brasilien versinkt in einem Meer aus Tränen. Überall wurde geweint, hemmungslos. Im Stadion, die Spieler, die Fans, die Volunteers, die Ordner. Auf den Straßen, die fliegenden Händler, die Ordnungskräfte. In den Bars, bei den Public Viewings, in den Wohnzimmern.

64 Jahre nach der größten Schmach des brasilianischen Fußballs beim 1:2 gegen Uruguay im Maracana, das der Selecao im eigenen Land den ersten WM-Titel kostete, hat Brasilien sein neues Maracanazo, umgelegt auf den Spielort dann Mineirazo. Der Begriff Maracanazo hat sich eingebrannt ins Gedächtnis der Fans, als Erinnerung und Mahnmal. Seit Dienstagabend ist er wieder allgegenwärtig.

Was da im Estadio Mineirao in Belo Horizonte passiert ist und welche Auswirkungen das auf das Fußballland Brasilien hat, lässt sich schwer in Worte fassen. Die Zeitungen versuchten es trotzdem, mit weniger als "Der größten Schande der Geschichte" wollte sich keine zufrieden geben.

Ohne Trainer, ohne Plan B

Die Selecao ist nicht einfach nur ausgeschieden. Ein Kulturgut wurde zerschmettert von den Deutschen, die gnadenlos waren und schlicht drei Klassen besser als eine brasilianische Mannschaft ohne führende Hand, ohne taktischen Plan, ohne Improvisationstalent und Krisenmanagement. Sprich: Ohne Trainer.

Es wird nicht zu klären sein, wie die Mannschaftsbesprechung der Brasilianer vor der Partie ausgesehen haben mag. Ersichtlich wurde auf dem Platz aber, dass die Selecao wie das Gegenstück zum deutschen Entwurf aussah und dem Gegner auf amateurhafte Art und Weise ins offene Messer gerannt ist.

Scolari hat seine Mannschaft spielen lassen wie bisher: Mit einem Marcelo als heimlichem Spielgestalter. Mit drei Offensiven, die sich nur zögerlich und wenn, dann falsch in der Defensivbewegung verhielten. Mit einem Wust an Einzelaktionen, die nicht zueinander passten. Mit falsch gelenkter Leidenschaft und Emotionalität, die sehr schnell auf dem Ruder lief und dann nicht mehr zu bändigen war. Mit einem Plan A. Aber ohne: Seine beiden entscheidenden Figuren, Thiago Silva und Neymar. Also ohne Plan B.

Luiz wie im Tunnel

Scolari hat das offenbar nicht einkalkuliert. Und wenn doch, hat er die völlig falschen Lösungen gefunden. Spätestens nach dem dritten Gegentor hätte er radikal reagieren müssen, endlich für eine defensive Absicherung im Mittelfeld sorgen müssen und einige seiner Spieler anhalten müssen, endlich ihre vorgegebenen Aufgaben zu erfüllen. Und nicht irgendetwas zu tun, blind vor Aktionismus und ohne Ziel.

Seinen Kapitän David Luiz zur Räson bringen müssen, der nach dem 0:1 und bis zur Pause nur noch für sich gespielt hat, ohne jegliche Rücksicht auf seine Mit- und Gegenspieler. Der individuelle Attacken geritten hat ohne Sinn und Verstand und sich überhaupt nicht mehr an ein wie auch immer definiertes taktisches Konzept gehalten hat. In einem WM-Halbfinale. Es ist schwer vorstellbar, dass sich Luiz ein ähnliches Verhalten auch in seinem Klub erlaubt hätte. Bei der Selecao wurde es geduldet.

Scolaris Mannschaft war nicht vorbereitet auf das, was sie da erwartet hat. Die Angst vor dem Verlieren hat die Mannschaft in eine totale Panik versetzt. Und sie hat dann, als sich die Partie in die völlig falsche Richtung entwickelt hat, überhaupt nicht entsprechend reagiert. Mit Wohlwollen ist das als naiv zu bezeichnen. Die Brasilianer sind an sich selbst gescheitert und an dem Druck, den sie sich aufgebürdet hatten.

Die Blase ist geplatzt

Spätestens mit dem Triumph beim Confed Cup - davor war Brasilien bereits in eine Art zweite Reihe des Weltfußballs gerutscht - vor einem Jahr hievte Scolari seine Mannschaft selbst in den Status des Topfavoriten und wurde auch in diesen Tagen nicht müde zu betonen, dass nur der Titel zähle - und Platz zwei, drei oder vier nichts, gar nichts, wert sei.

Die Brasilianer haben es sich in einer künstlich erzeugten Blase gemütlich gemacht und nicht mehr mitbekommen, was da draußen außerhalb ihrer Trutzburg so passiert. Und am Dienstag mussten sie dann mitansehen, wie das freche deutsche Kind ihre heile Welt mit einem Pieks zerplatzen ließ.

Viele laden die komplette Schuld auf Scolari ab, der auf der Pressekonferenz vom "schlimmsten Tag in meiner Karriere" sprach. Auch der Technische Direktor Carlos Alberto Parreira, vor der Partie noch überzogen selbstbewusst und wie Scolari als Trainer schon Weltmeister, sitzt im Hagel der Kritik.

Neuanfang ohne Hemmungen

Es wäre verwunderlich, wenn die beiden Granden des brasilianischen Fußballs weitermachen dürften. Oder wenn sie es von sich aus wollten. Brasilien benötigt eine Reform, schon jetzt sind einige Protagonisten aus der Abwehr in einem fortgeschrittenen Alter und im Angriff fehlt es an Alternativen auf Weltniveau.

Es wird eine Herkulesaufgabe, Brasilien bis zur Weltmeisterschaft in vier Jahren in Russland wiederherzustellen. Wenn sich der Rauch nach der Nacht von Belo Horizonte gelegt hat und sich der brasilianische Verband durch den Schutt wühlt, den diese WM verursacht hat, müssen die Aufräumarbeiten auch schonungslos in Angriff genommen werden. Genug Fahrlässigkeit hat sich Brasilien nun schon längst geleistet.

Sternstunde in Belo Horizonte: Die Analyse

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