Fussball

Wenn Stärke zur Schwäche wird

Von Stefan Rommel und Andreas Lehner
In Buenos Aires sind die Straßen wie leergefegt, wenn Messi - pardon - Argentinien spielt
© getty

Mit Stilmitteln aus einer anderen Zeit des Fußballs hat es Argentinien ins Finale geschafft. Alejandro Sabellas Mannschaft funktioniert auf ihre ganz spezielle Art und Weise, was nicht nur an der Sonderrolle von Lionel Messi liegt. Es bleiben einige Schwächen - aber auch ein Ansporn, der größer nicht sein könnte.

Spielweise und Personal:

Argentiniens Fußball kommt in seiner grundsätzlichen Ausrichtung und auf Grund einzelner individual- und gruppentaktischer Überlegungen teilweise wie aus einer längst überholten Zeit daher. Die Albiceleste verteidigt in einem 4-4-2 und formiert sich bei eigenem Ballbesitz fast immer in einem 4-4-1-1.

Argentinien pflegt einen sehr europäischen Stil, aus einer dichten Defensivformation heraus laufen die eigenen Angriffe über Leo Messi bis zum Torabschluss. Der Kapitän ist die zentrale Figur des Offensivspiels und sollte Angel Di Maria auch im Finale passen müssen, nahezu die einzige Option im Abschlussbereich.

Eine vehemente Körperlichkeit und Disziplin im Spiel gegen den Ball haben erst drei Gegentore zugelassen, im Angriff stehen dagegen allerdings auch erst acht erzielte Tore - Deutschland steht bei vier Gegentoren, aber eben auch schon 17 erzielten Treffern.

Argentinien spielt unterkühlt, unspektakulär, aber eben auch effizient. Die Mannschaft versteht es, einen Gegner regelrecht verhungern zu lassen. Und was sie besonders gefährlich macht: Sie hat sich im Verlauf des Turniers perfekt eingespielt und nach und nach gesteigert.

Im Tor steht mit Sergio Romero der Ersatzkeeper vom AS Monaco, der nun wieder zu Sampdoria zurückkehren wird. Im Halbfinale wurde der 27-Jährige im Elfmeterschießen zum Helden. Seine wahre Leistungsfähigkeit ist aber auch nach sechs Turnierspielen schwer einzuschätzen. Argentinien durchlief zwar die komplette K.o.-Runde ohne Gegentor, Romero war dank der hervorragenden Arbeit seiner Vorderleute aber auch nur selten wirklich gefordert.

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Die Innenverteidigung bilden Martin Demichelis und Ezequiel Garay. Demichelis hat sich erst in den letzten Partien in die Startelf gespielt, Garay hat alle sechs Spiele von der ersten bis zur letzten Minute bestritten. Beides zwei robuste Spieler, Garay ist auch bei eigenen Standards in der Offensive gefährlich.

Rechts in der Viererkette verrichtet Pablo Zabaleta seinen Dienst: Bissig im Zweikampf, mit ordentlich Offensivdrang, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Marcos Rojo ist seinem ersten großen Turnier und mit vergleichsweise jungen 24 Jahren der unerfahrenste Spieler der Abwehrformation. Manchmal etwas übermütig in seinen Aktionen, aber trotz seiner hochgewachsenen Statur stark am Ball und mit einer flinken Übersetzung im Antritt.

Das defensive Mittelfeld mit Javier Mascherano und Lucas Biglia ist das Herzstück des argentinischen Spiels. Biglia hat sich ähnlich wie Demichelis erst in der K.o.-Phase festgespielt und spielt auf der linken Position eine Spur offensiver und risikoreicher als Mascherano. Der 30-Jährige war wie Messi und Maxi Rodriguez schon bei den Niederlagen 2006 und 2010 gegen die deutsche Mannschaft dabei und spielt in Brasilien bisher ein hervorragendes Turnier.

Mascherano ist so etwas wie der heimliche Star, er dirigiert die Defensivbewegung, gibt die Kommandos. Wie eine Wand unterbricht er gegnerische Angriffswellen, als hätte er drei oder vier Beine und einen untrüglichen Instinkt dafür, wo der Ball in fünf Sekunden landen wird.

Sollte Di Maria ausfallen, wird ihn wohl wieder Enzo Perez auf der Halbposition ersetzen. Auf der anderen Seite hat Ezequiel Lavezzi durch seine große Laufbereitschaft und seine Dribblings in der Offensive auf sich aufmerksam gemacht - auch wenn Lavezzi eine Linie weiter vorne sein eigentliches Betätigungsfeld hat.

In der Zentrale hat Messi alle Freiheiten in der Offensive und nahezu keine Pflichten in der Defensive. Einer der letzten Sonderfälle im modernen Fußball, aber Messi darf ähnlich wie bei Barca auch in der Albiceleste Messi sein.

Gonzalo Higuain ist trotz seines Tores gegen Belgien bisher unter seinen Möglichkeiten geblieben. Eigentlich bringt er als (alleiniger) Angreifer alles mit, wurde bisher von den Kollegen aber zu selten entsprechend eingesetzt.

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