Das Ausnahme-Risiko

Sonntag, 25.05.2014 | 21:25 Uhr
Sami Khedira absoliverte im CL-Finale erst seine dritte Partie nach der Genesung
© getty
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Dass der lange verletzte Sami Khedira für den WM-Kader der deutschen Nationalmannschaft nominiert wurde, bezeichnete Joachim Löw aufgrund von Khediras Persönlichkeit als Mehrwert für das Team. Dessen Auftritt im Champions-League-Finale mit Real Madrid zeigte, welches Risiko der Bundestrainer damit geht - zumal die einst auch als Ausnahme deklarierte Personalie längst nicht mehr die einzige im Kader ist.

Bundestrainer Joachim Löw richtete im März, kurz vor dem Start ins WM-Jahr gegen Testspielgegner Chile, einige gesalzene Worte an seine Kicker.

"Die Uhr tickt. Nur wer sie hört, wird eine reelle Chance haben, dabei zu sein. Es ist ein Appell an alle, ein Weckruf für manche, dass sie ihr Training, ihren Lebenslauf und ihre Professionalität so nutzen, dass sie die letzten Monate bis zur WM optimal gestalten. Wir brauchen bei der WM die besten verfügbaren Spieler, nicht die theoretisch besten. Wir sind im Moment nicht in der Lage zu sagen, diese 23 Spieler bilden den Kader", erklärte der 54-Jährige.

Die Essenz von Löws Rede: Nur derjenige, der Belastbarkeit und Fitness in maximaler Ausprägung vorweisen kann, wird in Brasilien mit dabei sein. Die Endrunde in Südamerika sei ein "Turnier der Extreme", bei dem nicht nur das extreme Klima eine enorme Herausforderung darstellen würde.

Lahm, Neuer, Schweinsteiger angeschlagen

Sami Khedira vernahm die Ansage in der Reha. Der verletzte Organisator im Löwschen Konstrukt sei bereits "sehr weit" im Aufbautraining und bekomme daher gewissermaßen eine Sondergenehmigung, so Löw damals in Stuttgart.

Löw war zu diesem Zeitpunkt schon bewusst, dass Khedira nicht die vollen 100 Prozent seiner Leistungsfähigkeit erreichen wird, wenn er sich dem DFB-Tross zur Vorbereitung auf die WM anschließen wird. "Das ist die Ausnahme, nicht die Regel", schloss Löw.

Nun, gute drei Wochen vor dem Startschuss gegen Auftaktgegner Portugal, weilen in Südtirol eine ganze Reihe an Spielern, die in der Theorie zum Besten gehören, was Fußball-Deutschland zu bieten hat. Belastbar bis zum geforderten Maximum sind sie aber bei weitem nicht: Manuel Neuer hat erst am Sonntag seine Schlinge um die verletzte Schulter abnehmen können, Philipp Lahm könne derzeit "noch nicht mal laufen", Bastian Schweinsteiger hat keine Ahnung, wann er nach seinen Patellasehnenproblemen wieder voll ins Mannschaftstraining einsteigen wird.

Khedira als Fixpunkt eingeplant

Bleibt noch Khedira, der am Montag als frisch gebackener Champions-League-Sieger zum Team stoßen wird. Was klar ist: Der Titelgewinn wird dem Madrilenen einen großen Schub Selbstvertrauen geben. Doch vergegenwärtigt man sich Khediras Vorstellung in Lissabon, bleibt festzuhalten, dass Löw mit ihm kein klein zu redendes Risiko eingeht.

Vom weiteren Verlauf seiner Genesung hängt ab, das ließ der Bundestrainer mehrfach durchblicken, wie Deutschlands WM-Elf im defensiven Mittelfeld und daraus resultierend in der Viererkette aussehen wird. Es ist ein reines Personalpuzzle, das man momentan durchspielen kann: Wird Khedira am 16. Juni auflaufen, bleibt Lahm auf der Rechtsverteidigerposition - sollten er und dazu bestenfalls noch Schweinsteiger rechtzeitig gesund werden.

Khedira ist somit längst nicht mehr die einzige Ausnahme, die Löw in seinem Kader duldet - zumal der DFB die peinliche Geschichte um Kevin Großkreutz wohl nur aufgrund der unsicheren Personallage durchgehen lässt.

Drei Spiele, 178 Minuten

In Lissabon offenbarte sich nun, wie weit Khedira den Faktoren Fitness, Spielrhythmus und Timing hinterherhinkt - besonders auf höchstem Niveau, das in Brasilien durchgängig erforderlich sein wird. Nach seiner sechsmonatigen Pause absolvierte der 27-Jährige bislang drei Pflichtspiele. 178 Spielminuten stehen auf seiner Uhr.

Im Endspiel gehörte Khedira während seiner 59 Minuten Einsatzzeit - was aber nicht verwundern darf - zu den Schwächsten der Königlichen. Ihm fehlte die Spritzigkeit, um den Wuslern von Atletico Madrid etwas entgegen zu setzen. Die Statistik spuckte deshalb auch unterdurchschnittliche Werte aus: Khedira hatte bis zu seiner Auswechslung die wenigsten Ballkontakte in Reals Mittelfeld, gewann die wenigsten Zweikämpfe bei den Königlichen (35 Prozent) und leistete sich besonders ins vordere Drittel eine Reihe von Fehlpässen.

"Ich glaube, wenn ich nicht bereit gewesen wäre, dann hätte ich nicht von Beginn an gespielt", versuchte Khedira nach dem Triumph die Zweifel an seiner Spielfähigkeit zu zerstreuen. "Das ist ein großes Zeichen des Vertrauens vom Trainer gewesen, dass ich das auch ohne Spielrhythmus durfte. Aber vor der WM haben wir noch zwei, drei Spiele und ich glaube, die werden mir auch reichen. Ich kann alle beruhigen."

Löw: "Noch nicht am Leistungslimit"

Die Partien, die er anspricht, werden Testläufe gegen die deutsche U 20, Kamerun und Armenien sein. Die Schwachstellen, die Khediras Konstitution derzeit noch aufweist, werden dabei sicherlich minimiert werden können. Dass sich in diesen Begegnungen die höchste internationale Klasse nicht simulieren lässt, steht allerdings außer Frage.

Dass er für Brasilien überhaupt ein Thema ist, untermauert dessen mentale Stärke, seinen Willen und die enorme Entschlossenheit. Auf diese Eigenschaften baut Löw besonders, der Ex-Stuttgarter gehört zu den Wortführern im Team und stelle allein durch seine Persönlichkeit einen Mehrwert für das DFB-Team dar. "Er ist im Moment noch nicht an seinem Leistungslimit, aber wir sind überzeugt, dass wir ihn da hinbringen", sagt Löw.

Schlüsselrolle fraglich

Ob Khedira, sollte er Löws Überzeugung bestätigen können, nach einer solch langen Zwangspause wie schon so oft in ähnlichen Fällen gesehen dann während des Turniers in ein Loch fällt, bleibt dazu abzuwarten. Sein Aufgabengebiet im defensiven Mittelfeld ist sehr vielseitig, die Sechser nehmen in Löws Spielidee eine Schlüsselposition ein.

Die Signale, die Khedira am Samstagabend in Portugal sendete, deuten nicht darauf hin, dass er mit WM-Start seine Schlüsselrolle in Brasilien erfüllen kann. Doch hat Sami Khedira bereits nach der Diagnose Kreuzbandriss gezeigt, dass man in seinem Fall bei aller Skepsis lediglich Prognosen abgeben kann.

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