Auf der Suche nach dem Zweikampf

Von Jonas Schützeneder
Freitag, 20.12.2013 | 16:53 Uhr
Zurück auf dem Boden: John Anthony Brooks zahlt in der Bundesliga noch Lehrgeld
© getty
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Mit 20 Jahren gilt Herthas John Anthony Brooks als Innenverteidiger der Zukunft und ist WM-Kandidat im Kader der USA. Trotzdem sind nicht alle zufrieden mit ihm. In seiner ersten Bundesliga-Saison fällt ein eklatanter Makel auf.

Jetzt zählt es. Er muss raus aus der Abwehrkette, den Angreifer unter Druck setzen. John Anthony Brooks setzt zum Spurt an, rutscht aus, fällt hin. Der harte Vollspannschuss von Nils Petersen rauscht an ihm vorbei. Thomas Kraft ist machtlos, Hertha liegt zurück. Eine unglückliche Aktion des hochbegabten Innenverteidigers, der in seiner ersten Bundesliga-Saison noch auf wackligen Beinen steht.

Kurze Zeit später will Brooks vorsichtiger agieren, er läuft zaghaft auf die Angreifer zu und rutscht diesmal nicht aus. Ein schneller Doppelpass, Brooks ist ausgespielt und muss das zweite Gegentor mitansehen. Eine gute halbe Stunde ist gespielt, als sein Trainer Jos Luhukay ein Einsehen hat. Er wechselt den 20-jährigen aus - die Höchststrafe.

Kritik von Luhukay

Es sind Szenen wie diese, die die Anlaufschwierigkeiten von Anthony Brooks in seiner ersten Bundesliga-Saison unterstreichen. "Brooks läuft beim 2:2 zurück, muss aber nach vorne verteidigen. Er hat bis dahin nicht einen Zweikampf geführt. Lustenberger und Hosogai 15 - so geht das nicht", sagt Luhukay nach dem Spiel, das die Hertha nach Brooks' Auswechslung noch 3:2 gewinnt.

Mit Blick auf die Spielstatistik hat der Niederländer fast Recht. Brooks hatte in seinen 38 Minuten einen Zweikampf geführt. Ein indiskutabler Wert. "Er muss die Zweikämpfe entschlossener suchen, er ist Verteidiger", fordert Luhukay von seinem Abwehrmann. Und die Statistik gibt ihm wieder Recht. 35 Zweikämpfe (60 Prozent gewonnen) hat Brooks in acht Partien geführt. Einigen Defensivspielern gelingt das in einem einzigen Spiel. Ein eklatanter Makel für einen Innenverteidiger. Das Positive: An dieser Schwäche lässt sich verhältnismäßig einfach arbeiten.

Insgesamt verlebt Brooks derzeit dennoch keine einfachen Wochen. "Er zahlt Lehrgeld", so Luhukay, "in sechs Wochen hat er mehr Fehler gemacht als in der gesamten letzten Saison." Brooks selbst schweigt mittlerweile. Er will sich auf Fußball konzentrieren und seine beiden großen Ziele erreichen: Stammspieler bei der Hertha und die WM-Teilnahme mit den USA. Trotz der schwachen Leistung gegen Bremen erscheint beides realistisch. Zumal der 1,93-große Verteidiger als Eigengewächs beim Berliner Publikum einen hohen Kredit genießt.

Absage an den FC Bayern

Seine perfekten Anlagen, groß gewachsen, drahtig und schnell, machten die Hertha-Scouts früh auf Brooks aufmerksam. Mit 14 Jahren wechselte er von Hertha Zehlendorf zu Hertha BSC und durchlief wie die Boateng-Brüder die Jugendmannschaften. Seinen ersten Profi-Vertrag hätte er allerdings beinahe knapp 600 Kilometer weiter südlich unterschrieben.

Vor zwei Jahren, kurz vor seinem Debüt in der 2. Liga, erhielt der Linksfuß ein Angebot vom FC Bayern. "Es war ein Riesen-Angebot. Aber wir haben ihn überzeugt, dass es sportlich besser für ihn ist, in Berlin zu bleiben. Darum hat er auf sehr viel Geld verzichtet", berichtete sein damaliger Trainer Markus Babbel. Wenige Monate später debütierte Brooks als Profi und wird beim Aufstieg der Hertha unumstrittener Leistungsträger.

Stark am Ball und im Passspiel

In seiner ersten Bundesliga-Saison hat der US-Nationalspieler allerdings noch Schwierigkeiten. Brooks wirkt oft zögerlich, beweist zeitgleich aber auch bewundernswerte Ruhe. Am Ball ist er stark und souverän. Über 87 Prozent seiner Pässe kommen laut Opta zum Mitspieler. Auch im Tackling und bei Offensiv-Standards kann Brooks überzeugen. Mit seinem starken linken Fuß hat er ein weiteres Argument für den Platz in der linken Innenverteidigung.

Die Opta-Spielerstatistik zu John Anthony Brooks

So richtig böse ist ihm ohnehin niemand, wenn es einmal schlechter läuft. "John ist auf einem guten Weg", sagt Luhukay über ihn, fordert aber auch mit aller Klarheit: "Er muss das Jugendliche abschütteln. Wir sind in der Bundesliga, da ist es knallhart. John muss erwachsen werden."

USA statt DFB

Dass Brooks damit kaum Probleme haben dürfte, hat er seinem Vater John zu verdanken. Der langjährige Football-Trainer hat seinem Sohn die sportlichen Gene vererbt und den Willen, hart zu trainieren. Für das Heimatland seines Vaters wurde Brooks unter Jürgen Klinsmann schließlich sogar Nationalspieler. Auch der DFB bemühte sich lange Zeit um den Abwehrspieler. Ein allerletzter Funken Hoffnung ist noch da: Weil Brooks bisher in keinem Pflichtspiel aufgelaufen ist, könnte er immer noch zur DFB-Auswahl wechseln.

Spätestens mit einer WM-Nominierung für die USA wäre dann allerdings die endgültige Entscheidung gefallen. "Die WM 2014 zu spielen, das wäre schon was", gibt sich Brooks vorsichtig.

Entschieden hat er sich langfristig für seine Hertha. Bis 2017 läuft der Vertrag, er fühlt sich trotz der Kritik wohl in der Hauptstadt. "Wahnsinn, wie schnell das alles geht", sagt er im Rückblick auf seine steile Entwicklung. Noch arbeitet er daran, sein großes Potenzial in der Bundesliga regelmäßig zu zeigen. Das kann dauern. Sein Trainer beschreibt den Höhenflug inklusive der Probleme so: "Da ist man mit dem Kopf in den Wolken und sucht eigentlich noch mit den Füßen Halt am Boden."

John Anthony Brooks im Steckbrief

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