Marcel Koller im Interview

"In Österreich träumt man schnell"

Von Interview: Christoph Köckeis
Freitag, 11.10.2013 | 11:14 Uhr
Seit 2011 ist Marcel Koller österreichischer Teamchef - doch wie lange noch?
© getty
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Vom Trümmerhaufen zur goldenen Generation - Österreich liebt eben Extreme: Manch Journalist glänzte nach der 0:3-Pleite in Deutschland mit populistischen Blitzbefunden. Fünf Tage später ließ sie das mühevolle 1:0 über Irland von der WM 2014 träumen. Nun fiebert eine ganze Nation dem "Spiel des Jahres" in Schweden entgegen. Bei SPOX spricht Teamchef Marcel Koller (52) über Realitätsverlust und deutsche Schützenhilfe. Plus: Was fehlt David Alaba noch? Wie rettet Bad Boy Marko Arnautovic die Karriere?

SPOX: Herr Koller, unlängst offenbarten Sie, die rot-weiß-rote Mentalität durchschaut zu haben. Wie tickt der Österreicher gemeinhin?

Marcel Koller: Hierzulande, das habe ich in zwei Jahren erfahren, raunzt man sehr gerne. Meine Aufgabe war es, das aufzunehmen. Ich ließ das Jammern nicht zu, versuchte es, gezielt in die andere Richtung umzukehren. Die Spieler müssen das Positive sehen, mittlerweile klappt es, hat sich die Einstellung geändert. Mitunter hängt das an den Ergebnissen, insgesamt tritt jeder besser auf. Auffallend war ebenso, dass man immer wieder in der Vergangenheit schwelgt. Nur mit hätte, wenn und aber gewinnen wir nichts.

SPOX: Nach der 0:3-Pleite gegen Deutschland schrieb ein Boulevardblatt vom "Trümmerteam" - welche Gedanken schwirrten Ihnen durch den Kopf?

Koller: Ich bin näher an der Mannschaft als jeder Journalist, weiß daher genau, was intern abgeht. Enttäuschung ist verständlich. Wenn man vor dem Spiel jedoch sagt, man solle gar nicht anreisen, lieber die gelbgefährdeten Spieler schonen, fehlt mir das Verständnis. Wir haben verloren - gegen Deutschland. Jetzt ist alles ein Trümmerhaufen? Das kann ich nicht ernst nehmen.

SPOX: Durchstöbern Sie nach Jahrzehnten im Profisport überhaupt die Gazetten?

Koller: Ich bekomme immer einen Pressespiegel, lese mir den schon durch, damit ich informiert bin. Natürlich darf man nicht alles auf die Goldwaage legen. Dennoch ist es sehr wichtig, so gewisse unerwünschte Strömungen zu erkennen und möglicherweise entgegenzusteuern.

SPOX: Ihre Teamchef-Bestellung löste 2011 in der Alpenrepublik ein mittelschweres Erdbeben aus: Inwiefern verwunderte Sie das?

Koller: Viele waren schlecht informiert, die Einigung wurde überaus geheim gehalten. Bis wenige Stunden vor der offiziellen Stellungnahme, wusste keiner so recht, wer der zukünftige Trainer sein wird. Entsprechend fehlte das Hintergrundwissen zu meiner Person. Man hatte schließlich nicht die Zeit, lange nachzuforschen und andere Überlegungen anzustellen. Daraus resultieren eben solch emotionale Reaktionen von Medienvertretern und Experten.

SPOX: Zu den schmollenden 78er-Helden (Sackgasse Cordoba) um Herbert Prohaska (SPOX-Interview) wahren Sie seither eine gesunde Distanz. Erschweren Sie sich damit Ihren Job?

Koller: Nein, ich brauche eigene Ideen, die ich vermittle. Wenn ich verdiente Ex-Spieler und Experten treffe, unterhält man sich - auch über Fußball. Schmäh zu führen und etwaige Freundschaften zu knüpfen, reicht nicht, um sich jahrelang auf dem Trainerstuhl zu halten. Entscheidend ist, diese Mannschaft nach vorne zu bringen, Erfolg zu haben. Ich kenne das Geschäft. Manchmal bleibt dir nichts übrig, als den schweren Weg zu gehen.

SPOX: Gleichwohl wären Sie mit der WM-Teilnahme "aufgenommen"?

Koller: Ich muss nicht aufgenommen werden, das ist mir nicht wichtig. Außerdem haben wir nie herausposaunt, dass die WM oberste Priorität hat. Wir befinden uns noch immer auf dem Weg. Österreich lebt vor den abschließenden zwei Spielen den Traum. Wenn man Statistiken aus der Vergangenheit heranzieht, gab es das lange nicht. Ich weiß, wie hart die Jungs arbeiten und was sie dafür geben.

SPOX: David Alaba schürte mit dem Goldtor gegen Irland die Euphorie. Das Gastspiel in Solna hat demnach Do-or-Die-Charakter. Wie nehmen Sie Ihren Schützlingen diesen exorbitanten Druck?

Koller: Finalspiele sind da, um gewonnen zu werden. Wir haben es in der eigenen Hand, meine Spieler kommen mit einem guten Gefühl zum Nationalteam. Ich versuche, wenn wir zusammen sind, früh zu spüren, was es braucht. Aber sie wissen selbst, dass sie etwas ganz Großes erreichen können, werden Vollgas geben. Demnach bremse ich eher, möchte sie positiv unterstützen.

SPOX: Metaphorisch meinten Sie, ein "Liebkose-Duell" sei keineswegs zu erwarten - wird es eine Abwehrschlacht?

Koller: Die Schweden werden mit dem Bewusstsein antreten, dass sie zu Hause spielen und gegen uns Platz zwei klarmachen können. Mit 50.000 Zuschauern im Rücken werden sie uns das Leben schwer machen. Sie sind taktisch bestens geschult. Wir müssen in die Räume kommen. Natürlich möchte man immer gewinnen. Bislang konnten wir Auswärts nichts zerreißen. Schaut am Ende ein Unentschieden heraus, ist das zu akzeptieren. Zwar wird es schwierig, sie zu knacken, aber es ist uns beim 2:1 im Hinspiel schon geglückt. Die beiden Spiele in Schweden und auf den Färöer wären der nächste Schritt.

SPOX: Sie denken in Entwicklungsstufen: Unter Ihrer Regie erkennt man wieder die lange vermisste Handschrift. Welche Vorstellungen versuchen Sie, zu implementieren?

Koller: Ich liebe gepflegten Fußball, die Truppe soll offensiv auftreten, agieren und nicht abwarten. Natürlich ist das abhängig vom Spielermaterial, welches einem zur Verfügung steht. Dennoch wollen wir Initiative ergreifen. Die Sicherheit am Ball und im Kombinationsspiel gilt es weiter zu entwickeln, so etwas gelingt nicht von heute auf morgen.

SPOX: Vielerorts wird in Österreich von einer goldenen Generation gesprochen - zurecht?

Koller: Wissen Sie, das wurde schon vor mir gesagt. In Österreich fängt man schnell an, zu träumen, aber dahinter steckt harte Arbeit. Man braucht Kontinuität, die Spieler brauchen Führung. Die EM 2016 in Frankreich sollte das Ziel sein. Dafür ist es wichtig, konsequent dranzubleiben.

Seite 2: Koller über Alabas fehlende Erfahrung und Arnautovic' Karriere

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