Belgien und sein Aufstieg zur Weltspitze

Vorbild für das Vaterland

Von Jan Dafeld
Donnerstag, 10.10.2013 | 15:59 Uhr
Die belgische Nationalmannschaft hat während der Qualifikation eine Welle der Euphorie entfacht
© getty
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Die Nationalmannschaft Belgiens hat in der WM-Qualifikation geglänzt wie kaum ein anderes Team. Die Qualitätsdichte im Kader ist womöglich höher als jemals zuvor. Einige sehen die Auswahl bereits als einen der Mitfavoriten auf den WM-Titel. Doch woher kommen plötzlich die ganzen Ausnahmespieler? Und was ist heute so anders als in der Vergangenheit?

"Wir sind auf dem Weg zu Erfolgen wie in den achtziger Jahren. Belgien ist jetzt das heißeste Versprechen im europäischen Fußball. Die Anderen haben Angst vor uns." Jean-Marie Pfaff kommt aus dem Schwärmen fast nicht mehr heraus, wenn es um die belgische Nationalmannschaft geht. Wie viele seiner Landsleute sieht der ehemalige Nationaltorwart eine Erfolgsära bei den roten Teufeln anbrechen.

Erwartungshaltung und Erfolgsdruck in Belgien sind so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Auswahl ist gespickt mit internationalen Topspielern. Gleich 16 Spieler der aktuellen Mannschaft sind in einer der vier großen, europäischen Ligen aktiv, nur Sebastien Pocognoli und Christian Benteke verpassten mit ihren Klubs, Hannover 96 und Aston Villa, den Sprung ins internationale Geschäft und allein in den letzten beiden Sommertransferphasen wurden über 230 Millionen Euro für belgische Nationalspieler ausgegeben.

Verbesserte Spielerentwicklung

Die Entstehung der "goldenen Generation" in Belgien ist kein Zufallsprodukt, sondern vielmehr die Folge zahlreicher Veränderungen in Struktur und Philosophie des belgischen Fußballs. Vor zehn Jahren veröffentliche der KBVB, wie auch der DFB hierzulande, eine Vorlage für eine bessere Entwicklung junger Spieler, der die meisten belgischen Klubs folgten. Es wurden höhere Ausbildungsstandards für Trainer festgelegt und, nach dem Vorbild der Niederländer, in allen U-Nationalmannschaften Belgiens ein 4-3-3-System mit Hochgeschwindigkeitsfußball eingeführt.

Die Nachwuchsspieler reifen zudem seltener in der heimischen Jupiler League zu gestandenen Profis. Der ehemalige belgische Erstligist Beerschot AC zum Beispiel unterhielt jahrelang eine Kooperation mit Ajax Amsterdam. Mit Thomas Vermaelen, Toby Alderweireld und Jan Verthongen durchliefen so gleich mehrere heutige Nationalspieler die renommierte Jugendakademie der Niederländer. Auch Kevin Mirallas, Eden Hazard, Dries Mertens, Moussa Dembele und Zakaria Bakkali wählten den Weg über die stärkeren Nachbarligen in Frankreich oder den Niederlanden.

Olympia als Startpunkt

Darüber hinaus wurde der Druck auf die einzelnen Vereine erhöht, sodass diese ihre Spieler leichter für Turniere der Jugendauswahlen abstellten. In der Folge erreichte Belgien sowohl bei der U-17- und U-21-Europameisterschaft 2007 einen Platz unter den ersten vier und zog auch mit seiner U-23-Auswahl 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking ins Halbfinale ein.

Mit Vincent Kompany, Marouane Fellaini, Pocognoli, Vermaelen, Vertonghen, Mirallas, Mertens und Dembele war ein Großteil der Leistungsträger der heutigen Nationalmannschaft Teil dieses Teams. "Wir haben sehr lange zusammen gespielt. Viele von uns sind zu den Olympischen Spielen in Peking gefahren, haben zusammen im Olympischen Dorf gelebt, als wir 18, 19, 20 oder 21 waren. Deshalb kennen wir uns untereinander sehr gut", betont Mittelfeldstar Marouane Fellaini.

Herauragende WM-Qualifikation

In einer anspruchsvollen WM-Quali-Gruppe rangiert die Auswahl von Trainer Marc Wilmots aktuell mit sieben Siegen und einem Unentschieden auf Platz eins vor Kroatien, Serbien und Schottland. Der Punkteschnitt von 2,75 Punkten pro Partie stellt den höchsten in der Geschichte des belgischen Fußballverbandes dar.

Der Sprung der Belgier von einem Team, das auf internationaler Ebene regelmäßig enttäuschte und konstant unter seinen Möglichkeiten blieb, zur besten Mannschaft der WM-Qualifikation 2014 neben Deutschland und den Niederlanden, ist allerdings nicht ausschließlich auf die individuelle Klasse zurückzuführen.

Öffentliche Konflikte in der Vergangenheit

Noch während der letzten WM-Qualifikation kritisierte Stürmer Wesley Sonck die jungen Talente des Teams öffentlich. Sie würden zu wenig Leistung und Reife zeigen, um den internationalen Ansprüchen zu genügen. Die junge Generation konterte: "Über was redet er eigentlich?", fragte Kompany. Axel Witsel ergänzte: "Ich denke, dass Sonck etwas frustriert ist, weil er seine letzte Chance auf eine WM-Teilnahme verpasst hat."

Solche Scharmützel blieben in diesem Jahr aus. Ausnahmsweise muss man im Fall Belgien sagen. Denn die verschiedenen Generationen waren nicht die einzigen, die in der Mannschaft Konflikpotenzial bargen.

"Die Politiker trennen, wir vereinen"

Die Belgier leben zwar in einem gemeinsamen Staat, sind aber gespalten in Flamen und Wallonen. Der Konflikt geht mittlerweile weit über die einfache Identitätsfrage hinaus. Heutzutage werden - anders als früher - nur die Medien der jeweils eigenen Landeshälfte in der jeweiligen Sprache genutzt. Dies führt zu einer weiteren Aufspaltung des Staates, die Berichterstattung erfolgt nicht immer objektiv, viele Debatten werden nur in einer Landeshälfte geführt.

Die Nationalmannschaft wirkt dabei wie ein Gegenpol zur zerstrittenen Nation. "Ich hätte nie gedacht, dass wir irgendwann gemeinsam die Nationalhymne singen, aber wir tun es. Die Politiker trennen, wir vereinen", betont Wilmots.

Während seit sechs Jahren keine konstante Regierung in Belgien gebildet werden konnte und flämische Seperatistenparteien, die sich für eine Trennung wallonischen und flämischen Gebiets einsetzen, immer weiter an Stimmen gewinnen, wirken die roten Teufel so stark und geeint wie lange nicht mehr.

Mannschaft eint Flamen und Wallonen

Sinnbildlich für diese Entwicklung steht Mannschaftskapitän Kompany. Der 27-Jährige hat kongolesische Vorfahren, spricht beide Landessprachen fließend.

"Das ist unser Land und es wäre verrückt, wenn es für etwas anderes als 'Einheit' stünde", meint der Innenverteidiger. "Wir zeigen die Qualität und das Potenzial unseres Landes und konzentrieren uns nicht auf die Differenzen und Unterschiede, die möglicherweise bestehen sollten. Marc Wilmots bringt die Flamen und Wallonen zusammen. Für ihn ist das eine politische Aufgabe. Er ist ein Patriot."

Auch Wilmots selbst ist überzeugt von der Faszination, die von dem Spiel seiner Mannschaft ausgeht: "Jedes Spiel ist ausverkauft, es ist magisch. Ich verteidige unsere belgische Flagge. Wir tragen die Farben eines Landes mit drei Amtssprachen, das kulturell interessant ist. All die Spieler, die im Ausland leben, kommen hier ja nicht des Geldes wegen zusammen, sondern weil sie Werte leben: Solidarität, Ehrlichkeit und Respekt."

Vielen Spielern ist der Konflikt im Land fremd, sie sind selbst früh ins Ausland gewechselt oder haben einen Migrationshintergrund. "Die Debatte, ob Französisch oder Flämisch gesprochen wird, ist nicht mehr so wichtig. Wir sehen nicht, dass sich Grüppchen in der Mannschaft bilden, denn es ist eine aufgeschlossene Truppe, die zusammenhält. Sie sollten ein Vorbild für die Einigkeit in unserem Land sein", ist auch der Vorsitzende des KBVB, Steven Martens, begeistert.

"Wir müssen ins Halbfinale kommen"

Die Chemie in der belgischen Auswahl stimmt, individuell kann man sich bereits mit den ganz großen Fußballnationen messen. Noch will Wilmots aber nicht in die Lobeshymnen auf sein Team einstimmen.

"Es ist zwar mehr als zehn Jahre her, dass Belgien bei einem großen Turnier gespielt hat. Wir können aber erst von einer Goldenen Generation sprechen, wenn diese Spieler Pokale gewonnen haben."

2014 könnte die erste Gelegenheit dazu sein. Jean-Marie Pfaff ist überzeugt von der Qualität seiner Landsleute: "Unsere Mannschaft ist dermaßen stark, wir müssen ins Halbfinale kommen. Und dann ist alles möglich..."

Der Kader der belgischen Nationalmannschaft

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