Sackgasse Cordoba

Von Christoph Köckeis
Mittwoch, 04.09.2013 | 10:24 Uhr
Die Helden von damals wurden in der Folgezeit zum Bremsklotz des Fußballs in Österreich
© imago
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Österreich stilisierte das "Wunder von Cordoba" einst zur Sternstunde. Tief verwurzelt in der Gesellschaft wurde der faktisch bedeutungslose Triumph über Deutschland zum Hemmschuh. Nach Jahrzehnten latenter Minderwertigkeitskomplexe befreit sich der Fußball endlich aus dessen Fängen. Der 78er-Mythos bröckelt (Deutschland - Österreich, Fr. ab 20.30 im LIVE-TICKER).

Staunend linsen Touristen aus dem trüben Fenster. In einer maroden, rostigen Straßenbahn ruckeln sie vorbei an der prunkvollen Staatsoper. Nächst davon flankieren die kaiserliche Hofburg samt Heldentor malerisch den Ring.

Schlendern sie von dort gen Altstadt, empfangen sie nicht minder sehenswerte Bauwerke. Inmitten dieser thront der Stephansdom, das Wahrzeichen Wiens. Fern des kulturell-architektonischen Epizentrums, bei der "grünen Lunge" Prater, zeichnet sich das Riesenrad ab - in dessen Schatten das Ernst-Happel-Stadion.

Wer hier, der Kommandozentrale des Österreichischen Fußball-Bundes, eine Reminiszenz an die Heroen von 1978 vermutet, der irrt. Erst im Norden, den Ausläufern der Metropole, wurde ihnen der Cordobaplatz gewidmet.

Ein ruhmreiches Kapitel rot-weiß-roter Zeitgeschichte lässt sich an diesem Fleckchen Erde nicht würdigen. Umsäumt von Plattenbauten gibt es ein unscheinbares, fast schon tristes Bild ab. Dabei schwelgt manch Ewiggestriger liebend gerne in den guten, ja viel besseren, alten Zeiten.

Von wegen 11 Freunde

Argentinien, WM '78: In einem Land, gespalten von Militärjunta und Gegenterror linker Guerilla-Gruppen, zerrüttet von Menschenrechtsverletzungen, vermochte die Nationalelf pure Glückseligkeit in die tausende Kilometer entlegene Heimat zu transportieren. Gleichwohl war die Stimmung an jenem heißen Mittwoch-Nachmittag des 21. Juni längst auf dem Tiefpunkt.

Eine überragende Gruppenphase ließ ganz Österreich in kollektiven Freudentaumel verfallen. Spanien (2:1) und Schweden (1:0) wurden bezwungen, lediglich Brasilien (0:1) war eine Nummer zu groß. Die Fans träumten, während ihre Idole unentwegt stritten.

Gescheiterte Prämien-Verhandlungen mit dem chronisch klammen Verband und Intrigen entzweiten die Mannschaft. Das Klima war verseucht, das Momentum dahin. Pleiten gegen den späteren Vize-Weltmeister Niederlande (1:5), betreut von ÖFB-Legende Ernst Happel, und Italien (0:1) besiegelten das Schicksal in der Zwischenrunde.

Mit dem Turnier hatte man abgeschlossen, sehnte die Abreise herbei. Wäre da nicht dieses verflixte abschließende Kräftemesse mit Deutschland. Eigentlich Makulatur, doch die Spieler fühlten sich an der Ehre gepackt. Ein Verdienst der Medien.

"I wer' narrisch"

"Wir wurden verhöhnt und verspottet, die 'Bild'-Zeitung prophezeite ein 11:0. Da haben wir uns geschworen: Denen zeigen wir's", proklamierte der vom Boulevardblatt als "Weinbergschnecke" herabgewürdigte Hans Krankl. Und die "Piefke" bekamen "kalt-warm", wie er akkurat formulierte.

Per Doppelpack feuerte er Österreich zum Triumph und versetzte Edi Finger im Estadio Olimpico Chateau Carreras in Ekstase. Übermannt von den Emotionen, brüllte er mit erwartungsfroher Stimme: "Da kommt Krankl, in den Strafraum - Schuss - Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! I wer' narrisch. Krankl schießt ein - 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals, der Kollege Rippel, der Diplom-Ingenieur Posch - wir busseln uns ab."

Erstmals seit 47 Jahren wies man Deutschland in die Schranken. Noch heute kennt jeder pflichtbewusste Patriot Fingers Kommentar. Der Radioreporter mystifizierte Cordoba, begründete einen Nationalkult mit unheimlicher Strahlkraft

Die 78er-Generation wurde verehrt, auf Händen getragen. Krankl propagierte einst bedeutungsschwer "das vielleicht beste Team aller Zeiten. Ein Tag, geboren für die Historie." Wer kann es ihm verübeln? Er setzte sich ein Denkmal auf Lebenszeit.

...dann wird er zum Rasenmäher

Der gebürtige Wiener bekam tags darauf mit voller Breitseite den nachbarlichen Zorn zu spüren, als seine Telefonnummer die Titelseite der "Bild" zierte. Schmähungen, die er wohlwollend zur Kenntnis nahm. "Es gab auch positive Anrufe", beteuerte die Ikone. "Später wurde mein Treffer sogar zum ‚Tor des Monats' in Deutschland gewählt. Davor zieh' ich dankbar meinen Hut."

1978 katapultierte Krankl - wie Ideengeber Herbert Prohaska, der in Folge bei Inter Mailand und AS Roma geigte - mitten in die Welt-Elite. Drei Jahre knipste er erfolgreich in Diensten des FC Barcelona und lebte seine Aversion gegen den Erzrivalen offenherzig aus.

Immer wieder stichelte er - "wenn ich einen Deutschen sehe, werde ich zum Rasenmäher" - und schürte die recht einseitige Rivalität. So etablierte sich Cordoba als leerer Begriff im österreichischen Sittenbild, der für konträre Assoziationen zweckentfremdet wird.

In der "Wiener Zeitung" offenbarte Soziologe Matthias Marschik: "Ich kann es mit Sport oder Politik verbinden, wo die Botschaft lautet, dass der Kleine gegen den Großen, seien es jetzt DFB oder EU, immer eine Chance hat. In dieses David-gegen-Goliath-Motiv lässt sich vieles interpretieren und fast alles belegen. Deshalb ist es so unantastbar."

Der Bremsklotz Cordoba

Zumal Österreich damals den zumeist überhöhten eigenen Ansprüchen genügte. Man glaubte, sich des Provinzialismus entledigt zu haben. Für einen Moment schien der latente Minderwertigkeitskomplex vergessen. Für einen kurzen, bedeutungslosen Moment, der zum fußballerischen Bremsklotz verkam.

"Sie glaubten mit dem Abpfiff: Wir sind Weltmeister und bleiben es jetzt", orakelte Paul Breitner 2008. Ein hinlänglich bekanntes gesellschaftliches Phänomen in einem Land, welches zwischen Realitätsverlust und Gezeter zu oszillieren droht. "Etwas Schlimmeres konnte ihnen nicht passieren."

Zu einflussreich seien fortan die 78er-Helden gewesen, die Blicke mancher Funktionäre nachhaltig getrübt. Beinahe willkürlich konnten Josef Hickersberger, Prohaska und Krankl einander das Zepter reichen. Ihren exponierten Rang als Aktive genossen sie obgleich als Teamchef. Selbstverständlich im Land der Titel.

Jedenfalls solange bis Zählbares ausblieb, sie ihren Kredit verspielt hatten. Danach verdingten sich mitunter Karel Brückner, ein alternder, missverstandener Rentner, oder Medienliebling Didi Constantini, dessen Skilehrer-Charme vielerorts als Referenz genügte. Stets omnipräsent: die Veteranen.

Seite 2 - Mit Koller aus der Sackgasse

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