Der David als Goliath

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 14.08.2013 | 14:37 Uhr
David Luiz gewann mit der Nationalmannschaft Brasiliens den Confed Cup 2013
© getty
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Venlo

David Luiz ist beim FC Chelsea zum Verteidiger von Weltklasseformat gereift. Einiger seiner Ziele hat sich der 26-Jährige bereits erfüllt. Das größte steht aber noch aus - mit der brasilianischen Nationalmannschaft, die am Mittwochabend ohne ihn in Basel gegen die Schweiz antritt (20.45 Uhr im LIVE-STREAM FOR FREE).

Von höherer Stelle hätte das Lob kaum kommen können, auch wenn es mal wieder in etwas kruder Form verpackt war. "Das Verhalten einiger europäischer, ausländischer und südamerikanischer Spieler geht mir gehörig auf die Nerven", hatte Manchester Uniteds Ex-Manager Alex Ferguson geflucht.

Die doch sehr vage Eingrenzung betrifft schließlich etwa zwei Drittel aller Arbeitnehmer in der Premier League. Ferguson meinte an jenem Abend aber nur einen bestimmten Spieler: David Luiz vom FC Chelsea.

"Was für ein Profi soll das bitteschön sein?"

Die Blues hatten United mit 1:0 geschlagen, mindestens genauso aufregend wie das Ergebnis war aber Luiz' komödiantische Einlage, wegen der Manchesters Verteidiger Rafael vom Platz flog. Luiz war nach einem zugegeben harten Einsteigen zu Boden gegangen. Aber während Schiedsrichter Howard Webb an der Gesäßtasche zupfte, grinste der Gefoulte schon diebisch.

"Wie ein sterbender Schwan" sei Luiz dahingesunken. "Was für ein Profi soll das bitteschön sein?" Luiz wehrte sich und behauptete allen Ernstes nur gelacht zu haben, weil ihn ein Fan der Red Devils "Sideshow Bob" gerufen habe. Eine Figur aus der Comic-Serie "The Simpsons", die eigentlich als Tingeltangel Bob firmiert und Luiz in der Tat verblüffend ähnlich sieht. Zumindest so ähnlich, dass Teamkollege Juan Mata Luiz zu dessen 25. Geburtstag eine Torte mit dem Simpsons-Bösewicht kredenzte.

Wenn Alex Ferguson einen gegnerischen Spieler hart attackierte, hatte er entweder ein echtes Problem mit ihm oder aber hegte er oft eine heimliche Bewunderung für den Geschmähten. Im Winter 2011 gingen einige heiße Transfers über die Bühne. Aber obwohl immerhin auch 25 Millionen Euro teuer, gehörte der von David Luiz von Benfica zum FC Chelsea nicht zur ersten Reihe.

Bereits CL- und EL-Sieger

Luiz war längst kein Unbekannter mehr, aber eben kein spektakulärer Offensivspieler. Eher eine Art Geheimtipp mit außerordentlichen Anlagen, veredelt in Portugal. Wo er immerhin schon zum Fußballer des Jahres gewählt wurde.

In England hatte er es bis dahin nur in die Hitliste der zehn schlimmsten Fußballerfrisuren aller Zeiten geschafft. Zusammen mit den fragwürdigen Dread-Styles von Taribo West und Abel Xaviers Gremlins-Adaption.

Wie gut der Brasilianer aber auch Fußball spielen konnte, wurde schnell klar. Es dauerte keine zwei Spiele, da hatte sich Luiz einen Platz in der Innenverteidigung erobert. Seine erste komplette Saison an der Stamford Bridge brachte den FA Cup und den Gewinn der Champions League, ein Jahr später holte Luiz mit den Blues auch noch den Titel in der Europa League.

"And now goal"

Vom Finale in der Allianz Arena übermittelte Bastian Schweinsteiger lange danach jene bemerkenswerte Anekdote, die Luiz' Charakter ziemlich gut beschreibt. 20 Ecken hatten die Münchener im Endspiel gegen Chelsea, die Blues nur eine einzige.

Beim Stand von 0:1 aus Sicht der Londoner rückten die Innenverteidiger mit auf, zwei Minuten waren da nur noch zu spielen. David Luiz kreuzte den Weg von Schweinsteiger, sah den Kontrahenten kurz an und raunte ihm dann lapidar zu: "And now goal." Luiz kannte wohl den Ablauf, der folgen würde, schließlich war die Variante so alt, dass sie in England jedes Kind kannte.

Juan Matas Eckball rannte Didier Drogba entschlossen auf den ersten Pfosten entgegen, Frank Lampard stellte im Fünfmeterraum den Block. Jose Mourinho hatte sich diese Ausführung einfallen lassen. Aber Mourinho war zu diesem Zeitpunkt schon fünf Jahre Geschichte an der Bridge.

Barcelona zeigt Interesse

Luiz wandelt nicht selten an der Grenze zu überzogenen Provokation und überhartem Einsatz. Seine fußballerischen Fähigkeiten sind indes unbestritten und machen ihn nach lediglich zweieinhalb Jahren in London zu einem der begehrtesten Spieler der Welt.

Zuletzt gab es Gerüchte, der FC Bayern hätte Interesse an einer Verpflichtung. Trainer Pep Guardiola habe sich für einen Transfer stark gemacht. Auch der FC Barcelona ist hinter dem Brasilianer her. Beide würden ihre Zeit verschwenden, heißt es aus dem Westen Londons. "Mein Rat an sie ist, dass sie den zweiten Spieler auf ihrer Liste anvisieren sollen. Wir wollen unsere besten Spieler nicht abgeben. Keine Chance", sagt Rückkehrer Mourinho.

Mal war von 25 Millionen Euro die Rede, die Barca geboten hätte, dann waren es plötzlich 40 Millionen. Jetzt soll Chelsea 50 Millionen aufgerufen haben, dann wolle man zumindest einmal darüber nachdenken. Eine utopische Zahl, die allerdings die damals von Manchester United gezahlten 46 Millionen Euro für Rio Ferdinand immerhin pulverisieren würde. Luiz wäre dann der teuerste Abwehrspieler aller Zeiten.

"Mein Vater ist mein Held"

Und er hätte das Ziel seiner Kindheitstage bei weitem übererfüllt. "Ich wusste, dass ich das Leben meiner Familie verändern könnte. Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich erst dann wiederkomme, wenn ich ihnen das Leben bieten kann, das sie verdienen. Diesen Traum hatte ich immer vor Augen. Jetzt bin ich die wichtigste finanzielle Quelle, um meine Familie zu unterstützen. Und das werde ich immer tun."

Mit 14 war er von zu Hause weggegangen, um es irgendwie in den Profi-Fußball zu schaffen. Seinem Vater, der offenbar ebenfalls mit jeder Menge Talent ausgestattet war, blieb dieser Traum unerfüllt. "Mein Vater ist mein Held", sagt Luiz. "Er hat Fußball gespielt, bis er 20 war. Seine Karriere lief vielversprechend, doch das Einkommen war zu gering, um die Familie ausreichend unterstützen zu können. Er musste aufhören, um mehr Geld zu verdienen."

Noch ohne Selecao-Tor

Mit Chelsea visiert er das Triple an, es ist sein großer Traum auf Klubebene. Das überdimensionierte Highlight wird aber die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in seiner Heimat werden. Vor ein paar Monaten war die Selecao quasi klinisch tot, Trainer Mano Menezes wenig beliebt und augenscheinlich auch der großen Aufgabe nicht gewachsen.

Mit Luiz Felipe Scolari hielt ein neuer Geist Einzug, der Sieg beim Confed Cup drängt Brasilien wieder enger ran an den Kreis der Topfavoriten. In der Selecao ist Luiz neben Kapitän Thiago Silva im Abwehrzentrum gesetzt. "Es kann nichts Größeres für mich geben, als mit Brasilien in Brasilien Weltmeister zu werden", sagt er.

An einer Sache muss er bis dahin aber noch arbeiten: Für den FC Chelsea ist er bei Standards als Kopfballspieler oder Schütze durchaus torgefährlich. In der Selecao ist diesbezüglich noch ein bisschen Luft nach oben. In 27 Spielen hat David Luiz noch kein Tor erzielt.

David Luiz im Steckbrief

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