"Ronaldinho ging in Rio zu oft feiern"

Von Interview: Haruka Gruber
Freitag, 08.02.2013 | 15:31 Uhr
Paulo Sergio kickt ab und zu noch für die FC Bayern All Stars
© Getty
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Alles auf neu, alles auf Felipao: Ausgerechnet der Pleitecoach der letzten Jahre soll Brasilien zum WM-Titel führen. Ex-FCB-Star Sergio ist dennoch begeistert - und warnt die Bayern vor Neymar.

SPOX: Mit einem 1:2 in England misslang das Debüt des neuen brasilianischen Nationaltrainers Luiz Felipe Scolari. Wie bewerten Sie den Zustand der Selecao?

Paulo Sergio: Ich machte mir lange Sorgen, aber seit dem Trainerwechsel bin ich zuversichtlich. Er war absolut notwendig - und mit Luiz Felipe Scolari als Cheftrainer und Carlos Alberto Parreira als Technischer Direktor wurden die richtigen Leute ausgesucht.

SPOX: Obwohl Scolari bei seinen letzten Vereinen teils grandios gescheitert ist? Der FC Chelsea entließ ihn nach sieben Monaten und der usbekische Oligarchen-Klub Bunyodkor trennte sich nach einem Jahr von ihm. Im September 2012 wurde Scolari bei Palmeiras gefeuert, das vermied jedoch nicht den Abstieg des brasilianischen Traditionsklubs in die 2. Liga.

Sergio: Das ändert nichts an meiner Meinung. Scolari 2002 und Parreira 1994 sind die letzten beiden Trainer, denen es gelang, Brasilien zur Weltmeisterschaft zu führen. Dieses Wissen ist unbezahlbar. Der Druck in Brasilien auf den Nationalcoach vor einer normalen WM ist schon unmenschlich. Vor der Heim-WM 2014 wird der Druck komplett neue Dimensionen erreichen. Wir müssen Weltmeister werden, alles andere würde nicht akzeptiert werden. Daher brauchen wir Leader, die wissen, wie man mit einem solchen Druck umgeht.

SPOX: Nach den letzten Misserfolgen gibt es allerdings Zweifel an Scolaris Kompetenz.

Sergio: Wenn Scolari nicht kompetent wäre, hätte Brasilien 2002 nicht die Weltmeisterschaft gewinnen können. Felipao ist ein großartiger Psychologe - und diese Fähigkiet muss zurzeit das Allerwichtigste für Brasilien sein. Von den Einzelspielern her müssen wir uns nicht vor Spanien oder Deutschland verstecken. Entscheidend ist jetzt, dass endlich ein Team geformt wird.

SPOX: Umso erstaunlicher, dass mit dem bald 33-Jährigen Ronaldinho das Gesichts des brasilianischen Absturzes ein Comeback geben durfte.

Sergio: Ich war ebenfalls überrascht, wobei seine Nominierung sportlich gerechtfertigt ist. Er spielte eine gute Saison bei Atletico Mineiro und scheint sich im viel ruhigeren Belo Horizonte besser auf den Fußball konzentrieren zu können. Vor allem gibt es dort keinen Strand. (lacht) In seiner Zeit bei Flamengo ging er zu oft in Rio feiern, das tat ihm nicht gut. Jetzt bekommt er eine neue Chance von dem Trainer, mit dem er Weltmeister wurde. Diese Chance soll er nutzen.

SPOX: Warum nominierte Scolari nicht nur Ronaldinho, sondern beförderte zugleich den aussortierten Julio Cesar zurück zur Nummer eins? Cesar gehört mit 33 Jahren ebenfalls zu den Betagteren.

Sergio: Auch das kam für mich überraschend. Julio Cesar hat ein gewisses Alter erreicht und spielt bei Queens Park Rangers, dem Letzten in England. Seine Nominierung zeigt am besten, worauf es Scolari ankommt. Er will eine bessere Balance zwischen älteren und jüngeren Spielern. Ich erinnere mich an die Mannschaft von 1994: Damals gab es zwar den blutjungen Ronaldo, daneben Routiniers wie Taffarel, Jorginho, Bebeto, Romario, Aldair, Branco, Ricardo Rocha. Spieler, die schon an der WM 1990 teilgenommen und für das Achtelfinal-Aus viel Kritik eingesteckt hatten. So bitter es damals gelaufen war - diese Erfahrung erwies sich vier Jahre später als sehr wichtig. Ich hoffe 2014 auf einen ähnlichen Effekt bei Spielern wie Thiago Silva oder Dani Alves.

SPOX: Was werfen Sie Scolaris Vorgänger Mano Menezes vor?

Sergio: Mano hat einen riesigen Fehler gemacht: Nach der WM 2010 wollte er alles so umsetzen, wie er sich das denkt. Dabei hatte Carlos Dunga davor trotz des Ausscheidens im Viertelfinale gute Arbeit abgeliefert und eine echte Mannschaft zusammengestellt. Dieses Gefüge machte Mano ohne Not kaputt. Statt mindestens fünf, sechs Leistungsträger zu halten, krempelte Mano alles um und plante, es nur mit jungen Spielern zu schaffen. Das war naiv.

SPOX: Immerhin erreichte Menezes mit der brasilianischen U 23 das Olympische Finale 2012.

Sergio: Entschuldigung, aber Mano hat gar nichts erreicht mit Brasilien.

SPOX: Zumindest dürfte Neymar davon profitieren, dass er unter Menezes viele Einsätze bekam und sich so schrittweise an die Rolle des neuen Superstars gewöhnen konnte.

Sergio: Bei Neymar müssen wir abwarten. Zweifelsfrei ein sehr guter Spieler, trotzdem ist es etwas anderes, in einem Freundschaftsspiel der Superstar zu sein oder bei einer WM. 1994 war Rai in überragender Form für Brasilien und Paris Saint-Germain. Man hätte damit rechnen müssen, dass er der Superstar der WM wird. Und dann zeigte er im ersten Gruppenspiel eine schwache Leistung und es entstand eine Negativspirale. Die Medien kritisieren einen, man setzt sich mehr unter Druck und verkrampft, die Medien kritisieren weiter, man spielt weiter schwach - und dann landet man auf der Bank. Trotz des Gewinns der Weltmeisterschaft war es für Rai ein verkorkstes Turnier.

Brasiliens neuer Superstar Neymar: Der Mensch als Marke

SPOX: Entsprechend würden Sie Ihrem Ex-Klub Bayern davon abraten, vorschnell Neymar zu verpflichten, solange er sich nicht endgültig bewährt hat?

Sergio: Zunächst kann es den Bayern nur darum gehen, dass Pep Guardiola sich schnell an die neuen Verhältnisse gewöhnt. Er ist ein super Trainer, aber selbst er wird sich anpassen müssen, weil das Coaching in Südeuropa komplett anders ist als in Deutschland. Und Neymar selbst würde ich raten, dass er erst zu einem Klub wie Real Madrid wechselt und dann erst im zweiten Schritt zu den Bayern. Direkt nach Deutschland zu kommen ist nun mal für einen Brasilianer sehr schwierig wegen der Sprache und der Kälte.

SPOX: Wie sehen Sie die Rolle von Dante in der Selecao? In England hat der Bayern-Verteidiger im Alter von 29 Jahren den Einstand gegeben.

Sergio: In der Abwehrzentrale haben wir tatsächlich ein Problem, weil wir nicht wissen, wer neben Thiago Silva verteidigen soll. Immerhin haben wir noch ein Jahr, um die verschiedenen Alternativen zu testen. Für Dante war es eine super Chance, die er sich nach den guten Leistungen in Mönchengladbach und bei den Bayern verdient hat. Wir müssen allerdings abwarten, ob er wirklich so weit ist, um bei einer Heim-WM in der Stammelf zu stehen.

SPOX: Wie bewerten Sie die Chancen für Wolfsburgs Diego und Naldo auf eine Nominierung?

Sergio: Es wird sehr schwierig. Gerade ist zwar nach dem Trainerwechsel vieles möglich und vor allem Diego besitzt nach wie vor einen guten Namen. Bei Atletico Madrid und zuletzt in Wolfsburg zeigte er, zu was er in der Lage ist. Vielleicht würde ihm jedoch ein Wechsel helfen, weil er mit Wolfsburg einfach nicht im Fokus steht. Naldo finde ich eigentlich ähnlich gut. Nur: Wenn man gleich zum Saisonstart beim FC Bayern mit 0:3 verliert und man selbst schwach spielt, macht man sich in der Wahrnehmung sehr viel kaputt, weil es eines der wenigen auch für Brasilianer interessanten Spiele von Wolfsburg ist.

SPOX: Ist die Nichtberücksichtigung von Diego ein Indiz für die gestiegene Qualität Brasiliens?

Sergio: Es setzt rechtzeitig zur Heim-WM ein Schwung neuer Spieler ein, die Akzente setzen. Lucas, der in Paris exzellent spielt, oder Oscar bei Chelsea. Vor nicht so langer Zeit interessierten sich die europäischen Topklubs nicht besonders für Brasilianer. Daran hat sich etwas verändert, mittlerweile wollen alle Vereine mehr über Brasilien wissen. Ich glaube, wir kommen langsam wieder dahin, wo wir schon einmal waren.

Der Kader der brasilianischen Nationalmannschaft

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