DFB-Gegner Österreich im Porträt

Abgekühlter Schmäh

Von Für SPOX in Wien: Stefan Rommel
Dienstag, 11.09.2012 | 12:06 Uhr
Marcel Koller hat der Nationalmannschaft Österreichs eine neue Ordnung verpasst
© Getty
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Marcel Koller hat der ÖFB-Auswahl Struktur und eine neue Ordnung verpasst. Der kleine Nachbar vor der Partie gegen Deutschland (Die., 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) scheint auf einem richtig guten Weg, endlich wieder ein klangvoller Name in Europa zu werden. Es gibt aber noch einiges zu tun.

Von David Alaba hat man in letzter Zeit nicht viel mitbekommen. Alaba ist seit einigen Wochen verletzt und deshalb nicht in Funk und Fernsehen oder sonstwo vertreten. Das letzte Mal, als der 20-Jährige in die Schlagzeilen rutschte, konnte er gar nichts dafür.

Am Rande eines Trainingscamps der österreichischen Nationalmannschaft in Seefeld wartete der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter, ein ehemaliger Sportminister in Österreich, Alaba mit der ulkigen Anrede "How do you do?" auf.

Offenbar hatte Platter einen der hoffnungsvollsten Youngster der österreichischen Nationalmannschaft nicht erkannt. Die Episode machte schnell die Runde und würde ganz wunderbar zum Klischee einer Mannschaft passen, die in den letzten Jahren - wenn es darauf ankam - immer wieder verlässlich versagt hat.

Abstreifen des Verlierer-Status

So sehr, dass selbst ranghohe Politiker, die sich gerne im Glanz ihrer Sport-Stars zeigen, sie kaum mehr wiedererkennen. Die Sache mit dieser rot-weiß-roten Mannschaft ist nur: Sie ist auf dem besten Wege, den Status des notorischen Verlierers abzustreifen.

Als Joachim Löw vor 15 Monaten zum letzten Mal mit seiner Mannschaft in Wien weilte und sich mit Ach und Krach gegen einen leidenschaftlichen Gegner durchsetzen konnte, war die individuelle Qualität im Kader der Österreicher schon kaum übersehbar.

Constantini scheiterte

Das Problem war, dass in Didi Constantini ein Trainer an der Seitenlinie stand, der aus dem gewiss nicht untalentierten Reservoir an Spielern weder eine Mannschaft formen, noch ihr ein veritables Spielsystem mit auf den Weg geben konnte.

Nachdem Österreich einmal mehr krachend aus einer Qualifikationsrunde ausgeschieden war - am Ende standen nur drei Siege aus zehn Spielen und Tabellenplatz vier in der Gruppe - kam es zum lange überfälligen Schnitt: Nach einem hitzig und in der Öffentlichkeit geführten Debatte zwischen Verband und Trainer erklärte Constantini seinen Rücktritt.

Constantini war es in seinen zweieinhalb Jahren nie gelungen, seiner Mannschaft die offenbar ureigenen österreichischen Fehler auszutreiben. Bereits in den 30er Jahren firmierte das Wunderteam von Hugo Meisl als Scheiberltruppe. Eine Mannschaft, die viel spielen aber wenig laufen mochte.

Der Schlendrian wird den Fußballern aus dem kleineren Nachbarland seitdem vorgeworfen, unter Constanini aber waren die Defizite so unverkennbar, dass sich der Verband nach dem (gescheiterten) Experiment mit dem Tschechen Karel Brückner erneut auf eine Lösung aus dem Ausland einließ.

Koller sorgt für Aufbruchstimmung

Seit 1. November 2011 verantwortet der Schweizer Marcel Koller die österreichische Auswahl und hat in den wenigen Monaten seiner Amtszeit immerhin schon eine Aufbruchsstimmung im Land erzeugt, wie es sie schon lange nicht mehr gegeben hat.

"Wir haben nach Jahren wieder eine starke Generation, aber diese Generation will geleitet werden. Und Marcel Koller ist dafür offenbar genau der richtige Mann", sagt Österreichs Rekordtorschütze Toni Polster.

Neue Ordnung und Struktur

Koller hat der Mannschaft in den wenigen Testspielen bisher eine neue Ordnung und endlich auch eine Struktur verpasst. Der Schweizer arbeitet akribisch an den vielen kleinen Details, über die die Jahre davor generös hinweggesehen wurde.

"Wir haben uns in den vergangenen Monaten Konstanz erarbeitet - das hat sich zuletzt erstmals auch in einem positiven Ergebnis gegen einen großen Gegner wie die Türkei niedergeschlagen", erklärte der neue Kapitän Christian Fuchs am Montag.

Unter Koller ist die Mannschaft noch ungeschlagen, im Jahr 2012 gab es drei Siege und ein Unentschieden. Unter anderem wurde neben den Türken auch die Ukraine überzeugend geschlagen. Das wiederum findet Beachtung im Ausland, wie Fuchs erkannt hat. "Offenbar haben auch die Deutschen erkannt, dass wir Qualität haben. Umsonst schlägt man die Türkei nicht. Mir taugt, dass die Deutschen einen gewissen Respekt vor uns haben."

Neun Bundesliga-Legionäre

Der sollte alleine deshalb schon gegeben sein, weil Österreich am Dienstagabend (20.15 Uhr im LIVE-TICKER) aller Voraussicht nach mit neun Bundesliga-Legionären auflaufen wird. György Garics vom FC Bologna und Veli Kavlak von Besiktas komplettieren die Elf.

Zwar gab es auch früher schon Spieler mit reichlich Auslandserfahrung im Team, bis auf Torhüter Robert Almer von Fortuna Düsseldorf sind alle anderen aber Stammspieler in ihren jeweiligen Klubs. In Kombination mit dem strebsamen und detailversessenen Koller kann auf Dauer endlich wieder etwas entstehen.

Polster optimistisch

"Die Voraussetzungen sind so gut wie lange nicht mehr. Es gibt berechtigten Grund zur Annahme, dass wir uns auf Dauer verbessern und schon bald wieder ein großes Turnier erreichen können", sagt Polster.

Ein anderer Ex-Internationaler ist nicht ganz so euphorisch. "Wir sind auf einem guten Weg. Aber ich fürchte, dass diese Qualifikationskampagne noch ein bisschen zu früh kommt für unsere Mannschaft", bleibt Schoko Schachner verhalten optimistisch.

Die Änderungen in der Spitze reichen nicht aus, um nachhaltig wieder erfolgreich sein zu können. Die Liga hat diesen Missstand erkannt - auch wenn längst noch nicht alles glatt läuft. Vor sieben Jahren konnte sich mit dem SK Rapid zuletzt eine österreichische Mannschaft für die Gruppenphase der Champions League qualifizieren.

Salzburg in CL-Quali blamiert

Vor wenigen Wochen blamierte sich Red Bull Salzburg wieder einmal in der Qualifikationsrunde, das Scheitern des Meisters wird mittlerweile schon zur unschönen Tradition. Dass es dieses Mal aber noch nicht mal mehr für den luxemburgischen Vertreter F91 Düdelingen gereicht hat, war ein Schock.

International ist Österreich zu einer kleinen Nummer verkommen, Platz 15 in der Fünfjahreswertung der UEFA dürfte nach den Ergebnissen der letzten Jahre nicht mehr lange zu halten sein. Deshalb soll endlich ein Umdenken stattfinden.

"Wir müssen aufhören, den Vergleich mit Ländern wie Deutschland zu suchen. Mein Co-Trainer schaut sehr viel polnische und norwegische Liga. Das sind unsere Vergleichswerte. Wenn man sich deren Budgets und das Liganiveau anschaut, steht Österreich nicht so schlecht da", sagt Rapid-Trainer Peter Schöttel.

Reformprozess im Gange

Der Reformprozess innerhalb der Liga ist im Gange, wie in anderen Ländern auch wird verstärkt in die Infrastruktur für Nachwuchsleistungszentren und in die Sichtung investiert. Selbst kleinere Vereine stecken die Gelder neuerdings lieber in die Ausbildung eigener Spieler statt sich auf dem überteuerten Markt zu bedienen, wie es früher noch der Fall war.

Das Ergebnis ist unter anderem eine massive Zunahme österreichischer Spieler im österreichischen Profi-Fußball. Von den 495 Profis haben 418 einen österreichischen Pass. An der Basis haben die Aufräumarbeiten schon Spuren hinterlassen. Jetzt ist die A-Nationalmannschaft als oberster Repräsentant in der Pflicht.

Rund um die Mannschaft ist eine Gelassenheit spürbar, die letztlich nur helfen kann. Der Schmäh, in den sich der Österreicher gerne flüchtet, ist abgekühlt. Während die Zeitungen im Land mal wieder den Bruderkampf ausrufen, bleiben die Spieler sachlich. Und viel mehr noch: Sie haben sich offenbar schon einiges von ihrem Trainer abgeschaut.

"Heißes Herz und kühler Kopf"

"Oft waren wir im Vorfeld schon zu euphorisch und haben dann, wenn es um Leistung ging, versagt", bekennt Fuchs. Also gilt dieses Mal: "Wir brauchen ein heißes Herz und einen kühlen Kopf und eine gewisse Lockerheit", so Koller.

Der hat hinter dem überladenen Spektakel heute Abend, seinem ersten Pflichtspiel als ÖFB-Trainer überhaupt, nämlich eine nahezu sensationelle Entdeckung gemacht: Die WM-Qualifikation wird an diesem Abend in Wien nicht entschieden.

"Ein Spiel gegen Deutschland ist für Österreich das Wichtigste überhaupt. Für mich ist es ein wichtiges Match, danach geht es aber mit neun weiteren in der Qualifikation weiter."

Die Nationalmannschaft Österreichs im Steckbrief

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