Stotterstart für Weltmeister Italien

Von Christian Bernhard / Philipp Dornhegge
Montag, 14.06.2010 | 22:24 Uhr
Mit tollem Timing düpiert Alcaraz Cannavaro und De Rossi und markiert Paraguays Führung
© Getty
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Weltmeister Italien ist mit einem 1:1 gegen Paraguay ins WM-Turnier gestartet. Im Auftaktspiel der Gruppe F blieb Italiens Torhüter Gianluigi Buffon verletzungsbedingt zur Halbzeit in der Kabine.

Vor 64.000 Zuschauer im Green-Point-Stadium zu Kapstadt schockte Paraguays Antolin Alcazar (39.) den Weltmeister mit dem 1:0. Ein Torwartpatzer von Justo Villar ermöglichte dem Weltmeister in Halbzeit zwei den mehr als verdienten Ausgleich, als Daniele De Rossi (63.) zum 1:1-Endstand traf.

Nachbetrachtung:

Der nasse Rasen lässt nur wenige Rückschlüsse zu. Dass Italien seine Stärken nicht im spielerischen Bereich hat, war schon vor Anpfiff klar. Der wenig kreative Auftritt war deshalb nicht wahnsinnig überraschend. Eine Sache dürfte Coach Lippi diese Partie aber doch klargemacht haben: Marchisio ist nicht derjenige, der zentral in der offensiven Dreierreihe die Bälle verteilen und die Stürmer in Szene setzen kann.

Gut möglich, dass Lippi bereits im zweiten Spiel gegen Neuseeland auf Camoranesi setzt. Der Juve-Spieler kann klassisch im rechten Mittelfeld spielen und aufgrund seiner technischen Qualitäten auch einen verkappten Spielmacher mimen. Pepe, der sehr lauffreudig und engagiert war, könnte zum Symbol von Lippis Team werden. Gilardino hing als einzige Spitze sehr in der Luft, ein zweiter Mann Angreifer (Di Natale/Iaquinta/Pazzini) stünde den Azzurri sicher nicht schlecht zu Gesicht. "Im Angriff müssen wir mehr Finesse zeigen", erkannte auch Lippi.

Die Paraguayer machten das, was sie am besten können: Nah am Mann stehen und die Räume eng machen. Gegen Italien reichte das, denn ein Punkt war das erklärte Ziel der Südamerikaner. Gegen die Slowakei im zweiten und Neuseeland im dritten Spiel muss aber eindeutig mehr aus dem Mittelfeld kommen als nur lange Bälle. Riveros muss da als kreativer Mittelfeldkopf eindeutig zulegen.

Reaktionen:

Trainer Marcello Lippi (Italien): "Schade, dass wir nicht gewonnen haben. Das Spiel hätten wir gewinnen müssen. Paraguays Tor war ein Zufallsprodukt. Wir haben gut reagiert. Vor dem Tor hat uns die Entschlossenheit gefehlt. Buffon hat ein Problem mit dem Rücken, die Ärzte müssen entscheiden, ob er im nächsten Spiel mitwirken kann."

Gianluigi Buffon: "Ich hatte schon befürchtet, dass es etwas Schlimmes ist. Zum Glück ist es aber nur eine Reizung des Ischias-Nervs. Ich hoffe, in zwei Tagen wieder fit zu sein."

Trainer Gerardo Martino (Paraguay): "Man muss sich die spielerische Qualität der gegnerischen Mannschaft vor Augen führen. Im ersten Spiel bei einer WM ist viel Aufregung dabei, viel Druck und viel Nervosität im Spiel. Das Ergebnis ist für uns in Ordnung."

Der SPOX-Spielfilm:

Vor dem Anpfiff: Lippi setzt auf das 4-2-3-1-System, lässt aber Italiens Torschützenkönig Di Natale auf der Bank. Pepe und Iaquinta flankieren Gilardino, hinten links feiert Crisicito sein WM-Debüt.

Bei Paraguay sitzt Santa Cruz nur auf der Bank, Valdez stürmt neben Barrios. Caceres räumt vor der Abwehr auf, in der Innenverteidigung spielt überraschend Alcaraz neben Da Silva.

39., 0:1, Alcaraz: Na also, nach Standards geht es doch! Der Freistoß von Torres aus dem rechten Halbfeld ist wunderbar getimt, mit links schlägt er die Kugel genau an den Fünfer. Dort setzt sich Alcaraz gegen zwei Mann durch und köpft ins rechte Eck.

46.: Das kommt überraschend: Der einzige Wechsel, den Italien vornimmt, ist, dass Marchetti Buffon im Tor ersetzt. Der Juve-Schlussmann hat "Probleme am Rücken", so Coach Lippi nach dem Schlusspfiff.

55.: Riesenchance für Vera! Criscito will aus brenzliger Situation klären, bedient aber genau Paraguays rechten Mittelfeldmann. Der kommt von rechts aus zwölf Metern zum Abschluss, sein Versuch streicht knapp über den kurzen Winkel.

63., 1:1, De Rossi: Pepe schlägt eine Ecke von rechts, die sicher ganz gut ist, aber Villar fliegt ohne Not am Ball vorbei. Am langen Pfosten hat Barrios die Augen nicht auf den Ball gerichtet und so kann De Rossi aus kurzer Distanz locker einschieben.

80.: Da kommt endlich mal so etwas wie Tempo auf. Über Cannavaro und Di Natale landet der Ball bei Pepe, der von links nach innen zieht und aus 20 Metern draufhaut. Aber Villar fängt sicher.

Fazit: Ein Punkt, mit dem beide Teams gut leben können. Der Weltmeister, da er nach dem Rückstand die totale Pleite noch verhinderte und Paraguay, da es nach vorne so gut wie gar nichts zeigte.

Der Star des Spiels: Antolin Alcaraz (SPOX-Note: 2). Der Innenverteidiger stand überraschend in der Startelf - und machte seine Sache richtig gut. Zusammen mit Da Silva nahm er Gilardino nahezu aus dem Spiel und ganz nebenbei erzielte er auch noch das Tor zum 1:0. Klasse, wie er sich gegen De Rossi und Cannavaro im Luftkampf durchsetzte und Buffon keine Chance ließ.

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Die Gurke des Spiels: Claudio Marchisio (SPOX-Note: 5). Der Juve-Mittelfeldspieler sollte in der offensiven Dreiherreihe zwischen Pepe und Iaquinta das Spiel antreiben, hing aber völlig in der Luft und fand keine Bindung zu seinen Teamkollegen. Lippi hatte ihn in der Vorbereitung als laufstarken Spielmacher auserkoren. Nach einem schwachen Testspiel gegen Mexiko und einer noch schwächeren Parte gegen Paraguay dürfte dieses Experiment bereits beendet sein. Camoranesi ersetzte ihn nach 59 Minuten.

Die Pfeife des Spiels: Benito Archundia. Der Mexikaner hatte die Partie trotz der schwierigen Bedingungen gut im Griff, pfiff zwischendurch aber etwas kleinlich. Camoranesi, der bereits verwarnt war, hätte er kurz vor Schluss vom Platz stellen können.

Analyse: Der Weltmeister begann ordentlich, Montolivo ordnete das Spiel im Mittelfeld gut und Pepe war auf rechts sehr viel unterwegs und bemüht. Von Paraguay kam in der ersten Viertelstunde gar nichts, Barrios und Valdez machten gegen Cannavaro und Chiellini überhaupt keinen Stich.

Den Italienern gelang es aber nicht, Mittelstürmer Gilardino in Szene zu setzen. Der Fiorentina-Angreifer hing in der Luft - auch weil Marchisio, der das Spiel antreiben sollte, überhaupt nicht seine Position fand.

Nach dem unverdienten Rückstand kamen die Azzurri zu Beginn von Halbzeit zwei zunächst überhaupt nicht mehr ins Spiel. Es fehlte an Kreativität, die Lücke zwischem defensiven Mittelfeld und den vier offensiven Spielern war zu groß. Nach dem Ausgleichstreffer sorgten die eingewechselten Camoranesi und Di Natale für etwas mehr Struktur.

Die Südamerikaner offenbarten im Spiel nach vorne große Schwächen, lange Bälle waren das einzige Mittel, um überhaupt in die Nähe des Strafraums zu kommen. Die Führung, die aus dem Nichts kam, gab Barrios und Co. Sicherheit. Paraguay machte darauf die Räume noch enger und war nah am Mann. So ein Team ist extrem unangenehm zu spielen.

Der BVB-Torjäger jedoch hatte wenig vom Spiel und machte beim Ausgleichstreffer von De Rossi eine unglückliche Figur. Fußballerisch war das von beiden Seiten alles andere als berauschend.

Italien - Paraguay: Daten zum Spiel

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