Antic: "Deutschland braucht Ballack nicht"

Von Interview: Haruka Gruber
Donnerstag, 17.06.2010 | 10:07 Uhr
Trainer-Legende Radomir Antic übernahm im Sommer 2008 das serbische Team
© Imago
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Beim 0:1 gegen Ghana kollabierte Serbien mental, gegen Deutschland  ist die Elf am Freitag (13.15 Uhr im LIVE-TICKER und bei Sky) zum Sieg verdammt. Die serbische Trainerlegende Radomir Antic(51), der als einziger Coach mit Atletico Madrid, dem FC Barcelona und Real Madrid die drei großen spanischen Vereine betreut hat, über eine beeindruckende DFB-Elf, Neven Subotic und das Worst-Case-Szenario.

SPOX: Nach dem 0:1 gegen Ghana sagten Sie, dass Ihre Mannschaft "mental überfordert" war. Was meinen Sie damit?

Radomir Antic: Es war offensichtlich, dass meine Spieler den Druck gespürt haben und dadurch verkrampften. Der Gedanke, dass man mit einer Niederlage zum Auftakt sofort unter Zugzwang gerät, war wohl zu präsent.

SPOX: Das Worst-Case-Szenario ist nun eingetreten: Serbien muss gegen Deutschland punkten, sonst droht das Vorrunden-Aus.

Antic: Gegen Ghana gingen wir mit einer abwartenden Einstellung ins Spiel, weil wir dachten, dass diese Taktik zum Erfolg führt. Aber jetzt werden wir ein anderes Gesicht zeigen müssen, um die nötigen Punkte zu holen. Jeder Spieler muss sich deutlich steigern, jeder Spieler muss noch mehr investieren als gegen Ghana.

SPOX: Deutschland hingegen feierte einen Traumstart - obwohl Michael Ballack verletzt fehlt. Haben Sie das erwartet?

Antic: Ich war schon vor der WM der Ansicht, dass die deutsche Mannschaft Ballack nicht unbedingt braucht, um gute Resultate zu erzielen. Es stehen so viele gute Fußballer im Kader, da hängt das Wohl und Wehe des Teams nicht von einem einzelnen Spieler ab. Auch nicht von Ballack. Die Abstimmung ist sehr gut - und dass Deutschland eine Turnier-Mannschaft ist, sollte bekannt sein. Die Deutschen haben mich mit ihrer dominanten Spielweise bisher am meisten beeindruckt.

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SPOX: Gegen das DFB-Team müssen Sie auf den Gelb-Rot-gesperrten Aleksandar Lukovic verzichten. Er wird durch Dortmunds Neven Subotic ersetzt. Kommt er mit der Erwartungshaltung klar?

Antic: Neven ist ein sehr bodenständiger Mensch, der sich nicht so schnell verrückt machen lässt. Ich sehe in jedem Training, welches Potenzial in ihm steckt und wie er versucht, noch mehr als 100 Prozent zu geben. Von daher hat er mein vollstes Vertrauen. Ich freue mich sehr, dass ich einen Spieler seiner Klasse und auch mit seinem Charakter zur Verfügung habe.

SPOX: Eine enttäuschende Leistung gegen Ghana zeigte ZSKA Moskaus umworbener Flügelspieler Milos Krasic, an dem auch der FC Bayern interessiert war. Ist die WM vielleicht doch eine Stufe zu hoch für ihn?

Antic: Überhaupt nicht. Milos verfügt über unglaubliches Talent. Jeder Trainer schätzt sich glücklich, ihn in der Mannschaft zu haben. Und mit seiner überragenden Technik und seinen physischen Voraussetzungen bringt er das Paket mit, um auf höchstem Niveau zu spielen.

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SPOX: Vom Ghana-Spiel abgesehen ist Ihre Amtszeit in Serbien ein voller Erfolg. Wie haben Sie nach der chaotischen Zeit unter Ihren Vorgängern den Umschwung geschafft?

Antic: Das Wichtigste ist die Transparenz. Wir sind als Mannschaft fast zwei Jahre zusammengewachsen. Wenn es Probleme gibt, nennen wir sie beim Namen. Und wir alle sind davon überzeugt, dass diese Art für jeden die beste ist.

SPOX: Verhalten sich deswegen die sonst als schwierig geltenden Spieler wie Marko Pantelic und Milan Jovanovic unter Ihnen so handzahm?

Antic: Ich versuche immer, auf den einzelnen Spieler einzugehen. Indem ich sie auf den für sie effizientesten Positionen einsetze. Oder indem ich abseits des Fußball-Platzes auf die Persönlichkeiten individuell eingehe. Es geht immer darum, dass sich jeder in ein funktionierendes Kollektiv einfügt. Das versuche ich zu vermitteln.

SPOX: So erfolgreich, dass Ihr Vertrag bereits vor der WM bis 2011 verlängert wurde. Für den sonst unsteten serbischen Verband ungewöhnlich. Wollten Sie damit ein Signal setzen?

Antic: Darum ging es mir bei der Vertragsverlängerung gar nicht. Ich fühle mich als Trainer der serbischen Nationalmannschaft einfach wohl. Und so lange ich mich wohl fühle, werde ich auch Trainer bleiben.

Die Karriere eines Welttrainers: Radomir Antic im Steckbrief

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