"Kevin-Prince Boateng ist der neue MVP"

Von Interview: Haruka Gruber
Mittwoch, 23.06.2010 | 11:00 Uhr
Kevin-Prince Boateng stand in beiden WM-Spielen in der Startelf und überzeugte
© Getty
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Mysterium Ghana: Wie gut ist Deutschlands Gegner (20.15 Uhr im LIVE-TICKER und auf SKY) wirklich? Ex-Nationalspieler Otto Addo (Dortmund, Mainz, Hamburg), Cheftrainer von der U 19 des HSV, nahm mit Michael Essien, Sulley Muntari und Stephen Appiah bereits an der WM 2006 teil und spricht über dem verkannten Kevin-Prince Boateng, die Attacke auf Holger Badstuber und das "Herz von Deutschland".

SPOX: Es fällt schwer, Ghana einzuschätzen. Einerseits agiert die Mannschaft taktisch diszipliniert und ist weiter unbesiegt, andererseits spielt sie wenig zwingend und neigt zu unerklärlichen Konzentrationsfehlern. Wie stark sind die Black Stars wirklich?

Otto Addo: Ich sehe die bisherigen Leistungen sehr positiv. Dass Ghana offensiv Schwächen haben wird, war bereits vor dem Turnier bekannt. Aber im Rahmen der Möglichkeiten holen sie das Optimum heraus, vier Punkte aus zwei Partien sind absolut zufriedenstellend. Jeder Spieler hat es verinnerlicht, dass nur über eine gute Abwehrleistung ein Remis gegen Deutschland und damit auch das Achtelfinale möglich ist.

SPOX: Was bereits beim Africa-Cup demonstriert wurde.

Addo: Früher standen wir für Hurra-Fußball, mittlerweile hat sich die Philosophie jedoch ins Gegenteil verkehrt. Der Stil mag vielleicht nicht mehr so spektakulär sein, dafür ist er wesentlich erfolgreicher. Dass Ghana mit einer solch jungen Mannschaft bis ins Africa-Cup-Finale eingezogen ist, zeigt nur, wie exzellent die neue Generation taktisch geschult wurde. Es bleibt auch nichts anderes übrig, als einer guten Organisation zu vertrauen. Vor allem in der Offensive fehlen die Weltklassespieler.

SPOX: Einer wie der verletzte Michael Essien?

Addo: Als Ghana in Überzahl gegen Australien unter Druck geriet, hat sich wieder gezeigt, dass in solchen Phasen den Spielern die Erfahrung und die Abgebrühtheit eines Essien fehlt, der das Spiel bei Ballbesitz ordnet und so für Ruhe sorgt.

SPOX: Kann Ghanas Mittelfeld auch ohne Essien gegen Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira bestehen? Die Doppel-Sechs gilt bereits als das Herz der deutschen Nationalmannschaft.

Addo: Schweinsteiger und Khedira sind gute Fußballer, aber sie werden nicht entscheidend sein. Vielmehr wird alles davon abhängen, ob Ghana Mesut Özil ausschalten kann. Für mich ist er Herz und Seele der deutschen Mannschaft. Dass Schweinsteiger, Khedira oder auch Podolski gut aussehen, hat vor allem damit zu tun, dass Özil sie eine Stufe besser macht, weil er zwei Leute an sich bindet und die Mitspieler so mehr Freiheiten bekommen.

SPOX: Özil wird hauptsächlich von Anthony Annan bewacht werden. Ein in Deutschland unbekannter Sechser, der bisher überzeugt.

Addo: Die Leistungen überraschen mich nicht. Er steht zwar bei Rosenborg Trondheim unter Vertrag und steht daher nicht im Fokus, aber er ist bissig, schließt viele Räume, antizipiert gut, hält seine Position und spielt den einfachen Pass. Seine größte Stärke ist es, dass er genau weiß, was er kann und was nicht. So ein Charakter ist ungemein wichtig für eine Mannschaft. Ich bin mir sicher, dass er auch in der Bundesliga eine gute Rolle spielen würde.

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SPOX: Neben ihm agiert ähnlich überzeugend der etwas offensiver eingestellte Kevin-Prince Boateng.

Addo: Seine Spielintelligenz und seine Vielseitigkeit sind überragend. Er weiß genau, wie er sich in welcher Situation zu verhalten hat, ist außerdem zweikampfstark, hat ein gutes Auge und verfügt über einen gefährlichen Schuss. In Deutschland wird er als Fußballer verkannt und sehr unterschätzt.

SPOX: Ist Boateng bereits der neue MVP der Mannschaft?

Addo: Absolut. Er hat zwar erst drei Länderspiele bestritten, dennoch ist er bereits unverzichtbar und der wertvollste Spieler. Er regelt das Tempo und sortiert durch seine guten Flankenwechsel das Spiel. Mit seinen Qualitäten in der Balleroberung sowie in der Spieleröffnung ist er de Einzige bei Ghana, der ansatzweise an Essien herankommt.

SPOX: Besteht aber nicht die Gefahr, dass Boateng gegen Deutschland überdreht?

Addo: Natürlich ist das Spiel etwas besonders für ihn als Deutsch-Ghanaern, dennoch besteht diese Gefahr überhaupt nicht, davon bin ich überzeugt. Die ganzen Diskussionen nach dem Foul an Michael Ballack waren maßlos übertrieben. Als ob er einen Rachefeldzug gegen Ballack und Deutschland führen wollte und ihn extra verletzt hätte. Das ist lächerlich. Es war viel Pech dabei und von Kevins Seite aus ist die Angelegenheit garantiert längst zu den Akten gelegt worden.

SPOX: Der Verlierer von Boatengs Aufstieg ist Inter-Star Sulley Muntari, der trotz Essiens Fehlen sowie Stephen Appiahs fehlender Fitness keine Rolle spielt. Nach einem Ausraster des frustrierten und als schwierig geltenden Muntari wollte ihn Trainer Milovan Rajevac offenbar rausschmeißen.

Addo: So egozentrisch, wie Sulley immer dargestellt wird, ist er eigentlich gar nicht. Das Einzige bei ihm ist, dass er sich nicht viel gefallen lässt, auf dem Platz wie auch außerhalb. Der lange anhaltende Konflikt mit Rajevac lässt sich darauf zurückführen. Vor einigen Monaten wurde Sulley ja bereits suspendiert, aber er hat sich entschuldigt und wurde wieder in die Nationalmannschaft zurückgeholt. In der Zwischenzeit haben sich jedoch während des Africa-Cups und in den Testpartien andere Spieler in den Vordergrund gespielt und bekommen Rajevacs Vertrauen. So ist das eben.

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SPOX: Unter anderem Kwadwo Asamoah, Andre Ayew und Hoffenheims Prince Tagoe, die die offensive Dreierreihe bilden. Auf was müssen die deutschen Abwehrspieler achten?

Addo: Asamaoh ist ungemein fleißig und technisch beschlagen, ihm fehlt für einen Zehner aber der Torinstinkt. Der wendige und dribbelstarke Ayew kommt über links und hilft gut nach hinten mit, wobei er nicht besonders flink ist und deswegen einen Weg finden muss, um den wesentlich schnelleren Philipp Lahm bei seinen Vorstößen zu stören. Und Tagoe könnte eine echte Waffe sein, wenn es lange 0:0 steht und Deutschland kommen muss. Mit seinen Dribblings und seiner Geschwindigkeit wird er Holger Badstuber attackieren und ihn vor ähnliche Probleme stellen wie Serbiens Milos Krasic. Sollte Deutschland aber tief stehen, verpufft Tagoes Wirkung fast komplett, weil dann seine Tricks nicht zum Tragen kommen.

SPOX: Was für ein Typ ist Mittelstürmer Asmoah Gyan, dem in Frankreich letzte Saison immerhin 13 Tore für Rennes gelangen?

Addo: Ähnlich wie Tagoe. Es wäre ein gefundenes Fressen für ihn, wenn Deutschland aufmacht, weil er blitzschnell ist und mit viel Anlauf den nicht unbedingt mobilen Per Mertesacker angreifen wird. Bälle abprallen lassen oder im Falle eines Powerplays auf engstem Raum einen Gegenspieler austanzen kann er jedoch nur bedingt, dafür ist seine Technik nicht fein genug.

SPOX: Ghanas Prunkstück ist die Innenverteidigung mit John Mensah und Isaac Vorsah, Backup Jonathan Mensah überzeugte ebenfalls. Wäre der bewegliche Cacau der richtige Stürmer gegen die eher robusten Abwehrspieler?

Addo: Im Gegenteil: Ich gehe davon aus, dass Ghana sich weit in die eigene Hälfte zurückzieht, weswegen Cacau wohl wenig Platz bekommen wird für seine Dribblings. Daher ist Mario Gomez die bessere Wahl, um mit seiner Kopfballstärke Räume zu schaffen und den Ball auf die nachkommenden Offensivspieler abzulegen.

SPOX: Die Stärke der Deutschen beim 4:0 gegen Australien waren die Flügeln mit Thomas Müller und Lukas Podolski. Könnten die beiden das richtige Rezept gegen Ghana sein?

Addo: Deutschland sollte nicht den Fehler machen und Ghanas Außenverteidiger unterschätzen. Das werden Duelle auf Augenhöhe. Müller ist selbstredend talentierter als Hans Sarpei, aber wenn Hans von Ayew oder Botang wie in den ersten zwei Spielen Unterstützung bekommt, wird er gut aussehen. Er macht wenig nach vorne, aber er versteht es, seine Seite dicht zu halten. Und rechts mache ich mir gar keine Sorgen. John Paintsil ist ein Topmann, und wenn er ausfällt, springt eben Samuel Inkoom ein, der nicht umsonst zu den Leistungsträgern beim Schweizer Double-Sieger Basel gehört.

SPOX: Das alles ist jedoch Makulatur, wenn Torwart Richard Kingson erneut so patzt wie gegen Australien.

Addo: 2006 hat er noch eine überragende WM gespielt. Ich weiß auch nicht, warum er schwächelt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass er diese Saison bei Wigan nicht zum Einsatz kam und deswegen verunsichert ist. Er ist aber so selbstbewusst, dass er Fehler wie im Australien-Spiel schnell abhakt und sich wieder auf das Wesentliche fokussiert. An guten Tag ist er schier unüberwindbar.

Prince Tagoe und Isaac Vorsah: Durch die Hölle und zurück

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