Die Revolution, die nicht stattfand

Von Florian Bogner
Montag, 21.06.2010 | 17:57 Uhr
John Terry (l.) wurde im Frühjahr nach privaten Verfehlungen von Capello als Kapitän abgesetzt
© Getty
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Der Wind ist rau, der Englands Mannschaft nach den zwei enttäuschenden Remis gegen die USA und Algerien entgegen bläst. Während sich Team und Trainer den Kopf darüber zerbrechen, wie der Bock im letzten Gruppenspiel gegen Slowenien (Mi., 15.45 Uhr im LIVE-TICKER und auf SKY) noch umgestoßen werden kann, schießen in den englischen Medien die Spekulationen ins Kraut. Aber der Reihe nach.

John Terry ist kein Mann, der ein Blatt vor den Mund nimmt. Als er am Sonntagmorgen auf der offiziellen Pressekonferenz befragt wurde, plauderte der Chelsea-Kapitän ein wenig aus dem Nähkästchen. "Wir sind schon früher zu Fabio Capello gegangen, um mögliche taktische Änderungen zu besprechen und werden das auch wieder tun, wenn wir das Gefühl haben, dass es nötig ist", meinte Terry. Angeblich soll Terry ein 4-2-3-1-System fordern, der Trainer setzte bislang auf ein 4-4-2.

Am Sonntagabend war eine Teambesprechung mit Capello angesetzt und Terry kündigte an, dass die erfahrenen Spieler dort das Wort ergreifen werden. "Wir haben eine Verpflichtung - uns und den Leuten zuhause in England gegenüber", sagte Terry offen. Wenn es Probleme gäbe, müsse man diese ansprechen. Es gäbe für ihn keinen Grund, damit hinterm Berg zu halten.

"Wenn das dann dem ein oder anderen Spieler sauer aufstößt - na und? Ich werde mich nicht vor der Verantwortung drücken. Ich bin hier als Chelsea-Kapitän und ich bin in der Kabine nach wie vor eine große Persönlichkeit", fuhr Terry fort. "Es liegt an mir, Stevie (Steven Gerrard, Anm. d. Red.) und Lamps (Frank Lampard, Anm. d. Red.), an allen erfahrenen Spielern, die Dinge wieder zum Laufen zu bringen."

Auf die Suspendierung von Nicolas Anelka bei Frankreich angesprochen, meinte Terry vielsagend: "Ich sehe, dass Nico heimgeschickt wurde, weil er seine Meinung gesagt hat. Vielleicht werden bei uns dann heute Abend auch ein paar Spieler heimgeschickt." Ein gefundenes Fressen für die englischen Medien, die alsbald von Meuterei sprachen.

Lampard: Es gab keine Aussprache

Nun ist es durchaus ein interessanter Fakt, dass ein Spieler bereits vor einer vermeintlichen Krisensitzung ankündigt, das Wort zu ergreifen. Nur: Die eigentliche Sitzung lief anschließend erheblich ruhiger als erwartet. "Es ist eine interne Angelegenheit und so behandeln wir das auch", sagte Lampard am Montag, bemüht, die Wogen zu glätten. Laut Lampard habe Capello am Vorabend die meiste Zeit gesprochen und zusammen mit der Mannschaft das Algerien-Spiel analysiert.

"Dabei von einer Krisensitzung zu sprechen, ist total übertrieben", meinte Lampard. "Aber ich weiß, was John Terry damit ausdrücken wollte." Auf die Frage, ob denn nun die erfahrenen Spieler Tacheles geredet hätten, meinte Lampard nur: "Nein, das war nicht der Fall." Ende der Geschichte. Oder?

Auf dem Boulevard wird man dennoch nicht müde, Unruhe zu stiften. So wurde der Mannschaft ein zwangloses Zusammensitzen am Freitagabend bereits als Verschwörung ausgelegt. Am Freitag waren acht Spieler - darunter Terry, Lampard, Wayne Rooney, Kapitän Steven Gerrard und Keeper David James - abends bei einem Bier zusammen gesessen und hatten über die Fehler des Algerien-Spiels diskutiert. Auch Capello war in der Nähe.

"Capello ist nicht schuld!"

Ob er sich denn nun als Rebell fühle, wurde Lampard am Montag gefragt. "Ganz bestimmt nicht, aber ich hatte meine Momente", sagte Lampard scherzend, fügte dann aber ernsthaft hinzu: "Es verblüfft mich schon etwas, als Rebell betitelt zu werden. Wir saßen einfach zusammen und haben über das Spiel gesprochen. Das ist ganz normal."

Berichten, nachdem die Mannschaft offenbar dabei ist, den Trainer zu entmachten - ähnlich wie bei Frankreich geschehen - widersprach Lampard vehement. "Capello ist nicht schuld! Das wäre ja, wie wenn man sagen würde, dass Robert Green alleine dran schuld ist, dass wir gegen die USA unentschieden gespielt haben."

Vielmehr sprach sich der Chelsea-Mittelfeldspieler dafür aus, dass Capello auch nach der WM weiter im Amt bleibe. "Ich habe es bisher sehr genossen, mit ihm zu arbeiten und ja, ich will, dass er bleibt. Er ist der Richtige."

Upson spielt - und Joe Cole?

Der italienische Coach hat unterdessen angekündigt, Matthew Upson im letzten Vorrundenspiel neben Terry auflaufen zu lassen. Ledley King fehlt weiter verletzt, Jamie Carragher ist gelbgesperrt. "Upson wird spielen, weil er schon immer mit Terry zusammen gespielt hat", sagte Capello der "BBC" und fügte an: "Ich denke auch über weitere Wechsel nach."

Unter anderem könnte Capellos Wahl auf Joe Cole fallen, für den sich Terry deutlich ausgesprochen hatte. "Ich persönlich denke, dass er und Wayne (Rooney, Anm. d. Red.) die einzigen beiden in unserem Team sind, die uns Chancen ermöglichen und die gegnerischen Abwehrreihen knacken können", sagte Terry.

Zukunft von Capello bei Three Lions fraglich

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