WM 2010: Frankreich am Boden

Zeit der Abrechnung

SID
Mittwoch, 23.06.2010 | 14:01 Uhr
Für Frankreich war nach der Vorrunde schon Schluss
© Getty
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Frankreichs Fußball liegt in Trümmern, der Staatspräsident ist in höchster Alarmbereitschaft - doch das Hauen und Stechen geht weiter.

Nach dem blamablen WM-Aus mit Streit, Intrigen und einer Revolte kündigte der abgesetzte Kapitän Patrice Evra "die Wahrheit" an. Auch sein Mannschaftskollege Florent Malouda unterstellte den Verbandsoberen Lügen und forderte "viele Veränderungen".

Neben dem scheidenden Trainer Raymond Domenech, der den Weltmeister von 1998 und Europameister von 2000 auf den Tiefpunkt führte, gerät auch Verbandsboss Jean-Pierre Escalettes zunehmend unter Beschuss.

"Die französische Mannschaft ist ein Trümmerfeld, physisch, technisch und moralisch", urteilte Sportministerin Roselyne Bachelot nach dem peinlichen 1:2 (0:2) zum Vorrundenabschluss gegen WM-Gastgeber Südafrika und kündigte an: "Alle Akteure dieses Desasters, die Spieler, die Verantwortlichen des Verbandes, müssen ihre Rechnung bekommen."

Staatspräsident Nicolas Sarkozy berief am Mittwoch aus gegebenem Anlass bereits eine Kabinettssitzung ein, am Donnerstag will er Angreifer Thierry Henry treffen, der als einziger nicht mehr zurück ins Trainingslager gereist ist, sondern mit einem Privatjet zurück in die Heimat.

"Frankreich hat Recht auf Erklärungen"

Die Zeit der Abrechnung kündigte Evra, der nach dem Rauswurf von Nicolas Anelka den Trainingsboykott der verbliebenen Spieler maßgeblich initiiert hatte, bereits an.

"Alle Franzosen haben ein Recht auf Erklärungen für dieses Debakel", sagte der Verteidiger von Manchester United und versprach: "Ich werde sie ihnen geben. Ich werde ihnen sagen, was wirklich passiert ist. Ich werde die Wahrheit sagen. Ich habe nichts zu verbergen."

Malouda, Teamkollege von Anelka beim FC Chelsea, schiebt die Schuld für "das Ende einer Welt", wie die Sportzeitung "L'Equipe" titelte, schon jetzt anderen zu.

"Es ist alles völlig außer Kontrolle geraten", sagte der 30-Jährige, den Domenech nach der Rebellion ebenfalls aus der Startelf verbannt hatte, in einem Interview mit der Tageszeitung "Le Parisien" und forderte: "Es muss viele Veränderungen geben."

"Bande von traurigen Trotteln"

Die Reaktion der Spieler auf Anelkas Rauswurf sei "vielleicht schlecht" gewesen, "aber wir hatten den Eindruck, dass er für alles verantwortlich gemacht wurde", sagte Malouda weiter und behauptete: "Die Worte, die ihm zugeschrieben wurden, sind falsch."

Anelka soll Domenech mit den Worten "Fick dich in den Arsch, du dreckiger Hurensohn" beleidigt haben. Trainer und Verband haben diese Darstellung nie bestritten.

Für die meisten Franzosen ist neben der "Bande von traurigen Trotteln" ("La Presse de la Manche") der ungeliebte Domenech der Hauptverantwortliche dafür, dass die Equipe Tricolore zehn Jahre nachdem sie als Welt- und Europameister auf dem Gipfel stand, zerstritten, gedemütigt und zerstört am Boden liegt.

Der 58-Jährige, der schon bei der EM 2008 in der Vorrunde scheiterte, sprach vom "Ende eines außergewöhnlichen Abenteuers mit Höhen und Tiefen" und behauptete zum Abschluss seiner sechsjährigen Amtszeit allen Ernstes: "Ich habe einige gute Sachen für die Zukunft gesehen."

Regierung greift ein

Dass er seinem Gegenüber Carlos Alberto Parreira den Handschlag verweigerte, passte ins Bild. Stur und uneinsichtig trat der umstrittene Coach ab und fühlte sich wie immer im Recht.

Parreira habe nach dem Handspiel von Thierry Henry im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Irland erklärt, Frankreich gehöre nicht zur WM und damit sein Team beleidigt, ließ Domenech über seinen Assistenten ausrichten. Domenech selbst verweigerte jeden Kommentar.

Dass Domenech, der nun von Laurent Blanc abgelöst wird, überhaupt so lange Nationaltrainer war, wird Verbandsboss Escalette angelastet. Dem 75-Jährigen, der seinen Schützling gerne weiter im Verband beschäftigen will, stehen unangenehme Wochen bevor.

Sportministerin Bachelot betonte explizit, dass die Regierung in einer solchen Krise eingreifen müsse. Der Verband sei mitverantwortlich für das Desaster.

"Trainer für Fiasko verantwortlich"

Die "L'Equipe" unterstützte die Ministerin: "Die Regierung muss ihren Weg zu Ende gehen, damit der französische Fußball-Verband nicht mehr in den Händen von Hampelmännern ist."

Auch von der Zeitung "La Charente Libre" bekam Escalettes sein Fett weg: "Der Trainer ist der Hauptverantwortliche für dieses Fiasko. Doch Escalettes und Konsorten haben ihre Selbstgefälligkeit und Feigheit hinzugefügt."

Frankreichs Evra will Tacheles reden

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