Argentinien: Ein blutverschmierter Stern

Von Andreas Lehner
Montag, 01.03.2010 | 21:25 Uhr
Junta-General Jorge Videla (links neben dem Pokal) kurz vor der Pokalübergabe an Daniel Passarella
© Imago
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32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Zum Auftakt: Argentinien.

Zwei Sterne schmücken das Wappen des argentinischen Fußballverbandes. Zwei goldene Sterne, die für die beiden WM-Titel der Nationalmannschaft stehen. Die Spieler der Albiceleste tragen dieses Emblem mit den Sternen über ihrem Herzen.

Die Argentinier sind stolz auf ihr Land, ihre europäische Herkunft und ihre Fußballer. Der Gemütszustand einer ganzen Nation hängt auch vom Abschneiden der Nationalmannschaft ab. Ein zur Schwermut neigendes Land richtet sich an diesem Team auf, besonders in Krisenzeiten.

"Die Nationalmannschaft ist wie in allen südamerikanischen Ländern wahnsinnig wichtig. Die Albiceleste eint das Land, da sind die Argentinier wieder sehr Argentinier", erklärt Peter Burghardt, Südamerika-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Buenos Aires, gegenüber SPOX.

Hand Gottes bei der WM 1986

Argentinien ist stolz auf seine Weltmeistertitel. Dabei haftet beiden Triumphen ein großer Makel an. 1986 entschied ein Hand-Tor von Diego Armando Maradona das Viertelfinale gegen England.

Auch wenn es der heutige Nationalcoach hinterher als Hand Gottes verkaufte, bleibt es ein regelwidriges Tor, das niemals hätte zählen dürfen.

Den Menschen in Argentinien war das egal. In Zeiten der Hyperinflation, in der das Geld, das man am Morgen verdiente, am Abend schon nichts mehr wert war, war Fußball eine Fluchtmöglichkeit.

Und ohne Zweifel bleibt, dass Argentinien dank seiner genialischen 10 der verdiente Sieger dieses Turniers war.

1978: Schwarzer Teil der Geschichte

Während die WM 1986 aber nur einen sportlich faden Beigeschmack besitzt und so noch zur Heldenverehrung taugt, ist der zweite Stern mit Blut verschmiert. Das Endturnier 1978 gehört zum schwärzesten Teil der Geschichte des Landes und auch der Fußballweltmeisterschaften an sich.

Seit einem Putsch im März 1976 regierte in Argentinien die Militär-Junta um General Jorge Rafael Videla. Die WM war das ideale Propagandainstrument zur Stabilisierung der autoritären Macht und zur Manipulation der restlichen Welt.

Bei einigen kleingeistigen deutschen Nationalspielern schien das öffentlich gezeichnete Bild von der "Fiesta aller" (der Name des offiziellen WM-Films des Regimes) auch tatsächlich anzukommen. "Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen", sagte Berti Vogts.

FIFA als Steigbügelhalter des Terrorregimes

Dabei war klar, dass in Argentinien Andersdenkende verfolgt, gefoltert und ermordet wurden. Videla hatte die Ansichten seines Regimes schon bei seiner Machtübernahme eindeutig definiert: "Es müssen so viele Menschen wie nötig in Argentinien sterben, damit das Land wieder sicher ist."

Die FIFA und auch den DFB schien das nicht zu interessieren. FIFA-Präsident Joao Havelange sympathisierte mit Videla genauso wie FIFA-Vize- und DFB-Präsident Hermann Neuberger. Die Deutschen hatten aus ihrer Vergangenheit nichts gelernt und fanden es auch nicht anstößig, das sogenannte Flieger-Ass aus dem 2. Weltkrieg, Hans-Ulrich Rudel, im Teamquartier zu empfangen.

Die FIFA verpasste wie schon 1934, als der italienische Diktator Benito Mussolini den Sport für sich instrumentalisieren durfte und Italien einen zweifelhaften Titel einheimste, die Gelegenheit, ein Statement gegen totalitäre, gewaltsame Terrorregime zu setzen. Der Weltverband gab sich vielmehr als braver Steigbügelhalter Videlas, der das Turnier eröffnen und am 25. Juni den WM-Pokal an Kapitän Daniel Passarella übergeben durfte.

"Einer der größeren Skandale der Sportgeschichte"

Gedankenspiele, das Turnier abzusagen oder in ein anderes Land zu vergeben (Holland wurde als Option gehandelt), fanden bei der FIFA keinen Anklang. Stattdessen erklärte Neuberger: "Der Stadionbau schreitet voran, es kann gespielt werden." Dass es sich bei den Generälen um menschenverachtende Massenmörder handelte, interessierte in den Verbänden niemanden.

"Die Vergabe der WM nach Argentinien war sicher ein Fehler und einer der größeren Skandale der Sportgeschichte. Der WM-Titel hat die Junta gestärkt, es war eine sehr große Euphorie im Land. Die Junta konnte den Erfolg komplett für ihre Zwecke instrumentalisieren", meint Burghardt.

Nur Menschenrechtsorganisationen wie "Amnesty International" demonstrierten gegen die Austragung des Turniers. Die Generäle taten dieses Vorhaben als Verschwörung der Europäer ab, die die Reise nach Südamerika vermeiden wollten, weil sie dort noch nie gewonnen hätten.

Skandalspiel gegen Peru

Also wurde gespielt. Das Turnier verkam zur Farce, so offensichtlich wurden die Gastgeber bevorteilt. Der Obmann der WM-Schiedsrichter, Fritz Seipelt aus Österreich, soll zu seinen Kollegen gesagt haben: "Vergesst nicht, in welchem Land wir spielen. Argentinien hat als Veranstalter Großartiges geleistet."

Es kam, wie es kommen musste. Gegen Ungarn verhalfen Argentinien zwei Rote Karten zu einem 2:1, in der Partie gegen Frankreich (2:1) war es ein geschenkter Elfmeter. Es folgte eine saubere Referee-Leistung (0:1 gegen Italien), sowie eine denkwürdige Zwischenrunde und eines der skandalösesten Spiele der WM-Geschichte.

Brasilien und Argentinien hatten jeweils drei Punkte, doch die Brasilianer das deutlich bessere Torverhältnis. Anstatt die beiden Spiele zeitgleich auszutragen, wurde das Spiel der Brasilianer gegen Polen auf den Nachmittag vorverlegt.

Angeblich um zu vermeiden, dass keine Zuschauer ins Stadion kommen, da die Bevölkerung das Spiel der eigenen Mannschaft im Fernsehen bevorzugen würde. Die Argentinier wussten also am Abend, dass sie gegen Peru mit vier Toren Unterschied gewinnen mussten. Das Spiel endete 6:0.

Bestechung und Doping

Als erste behauptete die Journalistin Maria Jaura Avingolo, die Junta-Generäle hätten der peruanischen Regierung 35.000 Tonnen Getreide, einen bis dahin eingefrorenen 50-Millionen-Dollar-Kredit und Waffen versprochen. Der britische Enthüllungsautor David Yallop bestätigte diese Version.

Die peruanischen Spieler berichteten von Anrufen des Staatspräsidenten, von einem Besuch von Videla und dem US-amerikanischen Außenminister Henry Kissinger in der Kabine. Dem Verteidiger Jose Velazquez kam das "ziemlich komisch vor, da wurde Druck ausgeübt".

Yallop behauptet auch, dass viele argentinische Spieler das Turnier über unter Dopingeinfluss standen und nur deshalb nicht aufflogen, weil sie Urinproben ihrer Betreuer abgaben. Die Argentinier zweifeln trotzdem auch heute noch nicht an der Rechtmäßigkeit ihres Sieges.

Torjubel im Folterzentrum

Schon damals feierten die Argentinier ihren WM-Titel und zogen freudetrunken durch die Straßen. Tausende Landsleute konnten nicht mitfeiern, weil sie in einem der 340 Konzentrationslager gefangen waren.

"Die Breite Masse wusste es wahrscheinlich nicht genau, was in ihrem Land wirklich vorging. Das dritte Reich war sicher eine andere Größenordnung, aber im Kern vergleichbar. Viele wollten davon einfach nichts wissen und haben auf taub gestellt", sagt Burghardt.

Bis zu 30.000 Regime-Gegner wurden während der Terrorherrschaft von 1976 bis 1983 erschossen, ertränkt oder zu Tode gefoltert. Knapp 30 Jahre später geht Argentinien sehr kritisch mit seiner Vergangenheit um, die Aufarbeitung schreitet langsam voran. Immer wieder gibt es Prozesse gegen Junta-Generäle und die Folterknechte der ESMA, der Marineakademie.

Keine zwei Kilometer vom Stadion Monumental in Buenos Aires liegt die ESMA. Dieser Gebäudekomplex wurde zum Zentrum der sadistischen Folterer. "Bei günstigem Wind konnte man in den Folterkellern den Torjubel hören", sagt Burghardt.

Menottis zweifelhafte Rolle

Zweifelhaft ist auch die Rolle von Trainer Cesar Luis Menotti. "Es ist klar, dass ich benutzt wurde. Dass die Macht den Sport ausnutzt, das ist so alt wie die Menschheit", sagte er und fügte an: "Niemand konnte sich vorstellen, dass in jenen Stunden Leichen ins Meer geworfen wurden."

Menotti war ein Mann der Linken mit großer Nähe zur Kommunistischen Partei. Dennoch halten sich Befürworter und Kritiker die Waage. Die einen werfen ihm vor, dass er nicht klar Stellung bezogen habe gegen das Regime und sich in dessen Dienst stellte, die anderen loben seine Verweigerung des Handschlages mit Videla bei der Siegerehrung und seine zwischen den Zeilen geäußerte Kritik.

"Menotti ist ein kluger Kopf, der sich immer als Linker gab. Aber ich denke, das ist eine kleine Lebenslüge. Er hat unter diesen Bedingungen mitgemacht. Ich glaube, er hätte mehr auf die Missstände aufmerksam machen müssen. Er ist rhetorisch sehr geschickt und windet sich auch heute noch um eine klare Aussage herum", sagt Burghardt.

Vor allem die Mütter der Plaza de Mayo sind von dieser Haltung des Trainers und der meisten Spieler enttäuscht. Sie hatten bereits vor und während des Turniers für ihre verschwundenen Söhne und Töchter demonstriert und auf die Missstände in ihrem Land aufmerksam gemacht.

Menotti selbst sagte nach dem WM-Sieg: "Meine klugen und gleichermaßen talentierten Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt." Das argentinische Volk musste noch fünf Jahre warten, bis es seinen Sieg über das Terrorregime feiern konnte.

Die WM 1978 in Argentinien

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