Als Katanec weinte und die Welt lachte

Von Felix Götz
Donnerstag, 03.06.2010 | 16:32 Uhr
Srecko Katanec trainierte unter anderem auch schon Olympiakos Piräus
© Imago
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32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: Slowenien.

Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea: Erstmals hatte sich das kleine Slowenien für eine WM-Endrunde qualifiziert. In der Relegation wurde überraschend Rumänien ausgeschaltet. Gut zwei Millionen Slowenen platzten fast vor Stolz auf ihre Fußball-Helden.

Doch dann erlebte der EM-Teilnehmer von 2000 ein Debakel, für das sich noch heute so mancher Slowene schämt. Das lag allerdings weniger am sportlichen Abschneiden. Null Punkte aus drei Vorrunden-Partien gegen Spanien (1:3), Südafrika (0:1) und Paraguay (1:3) waren für den Debütanten noch zu verschmerzen.

Nationalcoach vergießt Tränen

Vielmehr war es ein jahrelanger Streit zwischen dem damaligen Nationaltrainer Srecko Katanec, der aktuell die mazedonische Nationalelf betreut, und der slowenischen Fußball-Legende Zlatko Zahovic, der ausgerechnet bei der WM eskalierte und an Peinlichkeit kaum zu überbieten war - die slowenische Nationalelf  wurde zur Lachnummer.

Folgendes war passiert: Nach der Pleite gegen Spanien im ersten Gruppenspiel gerieten Zahovic und Katanec in der Kabine heftig aneinander. Trainer Katanec, der als Spieler 1988/1989 eine Saison beim VfB Stuttgart unter Vertrag stand, hatte den heute 39-jährigen Zahovic ausgewechselt.

Für den Internationalen, der unter anderem beim FC Porto, Olympiakos Piräus, FC Valencia und Benfica Lissabon spielte, eine Zumutung.

Danach entwickelte sich eine öffentliche Schlammschlacht mit viel Pathos. Katanec vergoss bei einer Pressekonferenz bittere Tränen und behauptete: "Zahovic hat meine Familie beleidigt." Noch heute unterstellen einige Katanec, sein Auftritt sei eine schauspielerische Meisterleistung gewesen. Die internationale Presse verspottete das slowenische Team.

Zahovic wird nach Hause geschickt

Zahovic, der als Valencia-Spieler im Champions-League-Finale 2001 gegen den FC Bayern mit einem Elfmeter an Oliver Kahn gescheitert war, reagierte prompt - mit einer eigens einberufenen Pressekonferenz.

Dort verkündete der Rekordnationalspieler, dass die Mannschaft geschlossen hinter ihm stehen und Katanec längst nicht mehr die Zügel in der Hand halten würde. Eine Fehleinschätzung des offensiven Mittelfeldspielers - er wurde nach Hause geschickt. Katanec warf allerdings trotz des gewonnenen Machtkampfes nach dem Turnier das Handtuch. Der erste WM-Auftritt von Slowenien - eine Blamage.

Acht Jahre später bietet sich nun in Südafrika die Chance, dieses schlechte Bild vor den Augen der gesamten Fußball-Welt zu korrigieren. Die Chancen dafür dürften gut stehen. Immerhin scheinen Trainer und Mannschaft diesmal genau zu wissen, dass ein kleines Land wie Slowenien bei einer WM nur mit mannschaftlicher Geschlossenheit erfolgreich sein kann. Kurzzeitige Streitereien um die WM-Prämien wurden ausgeräumt.

Vergangenheit unwichtig

"Was 2002 war, interessiert mich nicht. Das war vor meiner Zeit als Teamchef", sagt Nationalcoach Matjaz Kek deshalb. Der 48-Jährige hat es geschafft, seiner Mannschaft ein passendes System einzuimpfen: Defensiv kompakt, bei Ballgewinn schnell auf Angriff umschalten, und das alles technisch fein.

So wurde in der Relegation sogar Russland ausgehebelt. Der 1:2-Pleite in Moskau folgte im Rückspiel ein 1:0-Sieg.

Durch den erfolgreichen und schönen Fußball wurde in der Heimat eine riesige Euphorie entfacht. "2010 wird zum slowenischen Sommer. Brasilien, Spanien, zieht euch warm an", schrieb beispielsweise die Zeitung "Ekipa".

"Sie sind Helden"

Slowenien will also nicht nur durch sympathisches Auftreten die Ereignisse von 2002 vergessen machen, sondern auch sportlich für Furore sorgen. Das Achtelfinale ist das große Ziel. In Gruppe C rechnet man sich Chancen auf den zweiten Platz hinter Favorit England aus. Die USA und Algerien gilt es hinter sich zu lassen.

Allerdings ist sich Kek der Außenseiterrolle seiner Mannschaft bewusst. "Wir sind ein kleines Land und für viele fußballerisch Nobodys. Wir müssen hart arbeiten und viel riskieren. Wir wurden in einer Gruppe mit der Slowakei, Tschechien und Polen Zweiter, haben dann die Russen geschlagen. Ich bin stolz auf meine Spieler, sie sind Helden", so der 48-Jährige, der sich als Spieler seine Sporen beim Grazer AK verdient hat.

Handanovic der große Rückhalt

Superstars sucht man in den Reihen der Slowenen vergeblich. Der große Rückhalt ist Torhüter Samir Handanovic, der in Italien bei Udinese Calcio zwischen den Pfosten steht und an dem angeblich mal der FC Bayern interessiert war.

Auch die aus der Bundesliga bekannten Milivoje Novakovic, Miso Brecko (beide Köln) und Zlatko Dedic (Bochum) sind wichtige Bestandteile des Teams. Dazu kommen noch Rene Krhin, der allerdings bei Inter Mailand so gut wie nie zum Zug kommt und Robert Koren, der in England bei West Bromwich Albion unter Vertrag steht.

Vor allem Novakovic ist für Slowenien wichtig. Ärgerlich nur, dass der Stürmer seit Wochen an einer Zwerchfellverletzung laboriert und in den bisherigen Testspielen nicht dabei war. Bis zur WM wird der Mann aus Ljubljana aber wohl fit sein: "Von Tag zu Tag wird es besser, ich habe 31 Jahre für einen WM-Auftritt gelebt. Da werde ich halt die Zähne zusammenbeißen."

Novakovic peilt Viertelfinale an

Novakovic ist ein Leader, der immer positiv denkt. Deshalb wird Kek nicht auf ihn verzichten können. Der 39-malige Nationalspieler gibt die Richtung vor: "Wir haben die Russen in der Quali ausgeschaltet. Wenn die jetzt zum Turnier fahren würden, wären sie sicher von den Experten unter den Kandidaten für das Viertelfinale. Wir also nicht?!"

Slowenien im Viertelfinale? Dann wäre 2002 definitiv vergessen!

Wie weit kommt Slowenien? Der WM-Spielplaner

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