Fragezeichen, Gehirn & ein bisschen Paris Hilton

Von Florian Bogner
Mittwoch, 02.06.2010 | 18:30 Uhr
Hugo Almeida (l.) erzielte in 26 Länderspielen für Portugal bislang acht Tore
© Getty
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32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: Portugal.

Nein, Portugal hat kein Deutschland-Trauma. Sicher, die Portugiesen verloren bei der WM 2006 das Spiel um Platz drei ebenso gegen die Deutschen wie das EM-Viertelfinale 2008 - doch Portugals Trauma geht tiefer, ist quasi in der Seele verankert: Portugal lechzt nach einem großen Titel - doch bisher blieb der Traum unerfüllt.

Auch 2010 gehen die Wenigsten davon aus, dass Portugal bei der Vergabe des WM-Pokals eine große Rolle spielen wird. Zu schwach lief die Qualifikation - die Teilnahme sicherte man sich erst durch einen Sieg in den Playoffs gegen Bosnien-Herzegowina - zu schwach die Eindrücke der letzten Tests (u.a. 0:0 gegen die Kapverden).

Und dennoch: Auch nachdem sich die goldene Generation um Luis Figo, Rui Costa und Fernando Couto in den Ruhestand verabschiedet hat, rechnet man sich in Portugal Chancen aus - nicht zuletzt, weil man mit Cristiano Ronaldo einen der drei besten Kicker des Planeten im Team hat.

Almeida stellt seine Kollegen vor

"Wir vergleichen uns nicht mit Teams aus der Vergangenheit, sondern schauen nur nach vorne", sagt Hugo Almeida zu SPOX. "Wir haben eine starke Mannschaft, starke Einzelspieler, einen hervorragenden Trainer und eine tolle Einstellung. Ich habe keine Bedenken, dass wir eine erfolgreiche WM spielen werden", so der Bremer Stürmer.

Hugo Almeida ist Teil des 23-köpfigen Kaders, den Carlos Queiroz mit nach Südafrika nimmt. SPOX stellt den Kader der Portugiesen vor - mit exklusiven Statements von Almeida zu jedem seiner Kollegen.

Tor

Eduardo (27, Sporting Braga): Seit Vitor Baia sucht Portugal nach einer starken Nummer eins - doch auch Eduardo verbreitet im Strafraum kaum Angst und Schrecken. Immerhin kassierte er diese Saison nur 20 Gegentore und führte Braga damit auf Platz zwei.

Das sagt Hugo Almeida: "Guter Keeper, hat sich unter Queiroz gegenüber Benfica-Torwart Quim durchgesetzt. Er hat in seiner Karriere bislang allerdings nur in Portugal gespielt."

Daniel Fernandes (26, Iraklis Saloniki): Kennt man aus der Bundesliga, stand 32-mal für den VfL Bochum in der Kiste. Zurzeit nach Griechenland ausgeliehen, weil er das Duell mit Philipp Heerwagen verlor. Erst zwei Länderspiele - aber Tim Wiese hat auch nicht mehr.

Almeida: "Er ist der jüngste unserer Torhüter, hat aber schon Erfahrungen in Spanien, Deutschland und Griechenland gesammelt. Eine gute Nummer zwei."

Beto (28, FC Porto): Wie schwach die Torhüterdecke in Portugal ist, sieht man an seiner Nominierung: Beto ist in Porto nur die Nummer zwei hinter dem Brasilianer Helton.

Almeida: "Auch wenn er noch nicht lange bei der Nationalmannschaft dabei ist: Seine Erfahrung tut der Mannschaft gut."

Abwehr

Paulo Ferreira (31, FC Chelsea): Mit 31 Jahren einer der reifsten aber noch lange nicht der älteste Spieler in Portugals Kader. Darf sich bereits Champions-League-Sieger, UEFA-Cup-Sieger, portugiesischer Meister, englischer Meister und Vize-Europameister nennen. Ihm gehört Portugals rechte Abwehrseite.

Das sagt Hugo Almeida: "Einer unserer Erfahrensten, eine echte Bank im Team. Er ist unser Vize-Kapitän, was zeigt, dass Queiroz ihm sehr vertraut."

Miguel (30, FC Valencia): Der Rechtsverteidiger war ein Shootingstar der EM 2004, stagnierte danach aber zusehends. Gehörte bei der WM 2006 noch zum Stammpersonal, wird diesmal aber trotz des Ausfalls von Jose Bosingwa nur Bankdrücker sein.

Almeida: "Ein guter Flügelspieler, spielt schon seit 2005 in Spanien. Er ist mit 55 Länderspielen einer der dienstältesten im Team. Mit ihm wurden wir Vize-Europameister."

Ricardo Carvalho (32, FC Chelsea): Jose Mourinho wollte ihn vor der Saison zu Inter holen - das sagt ziemlich viel über die Künste des Innenverteidigers aus. Mit den Jahren verletzungsanfälliger geworden. Dennoch stets ein unangenehmer Zeitgenosse für Stürmer. Stark am Ball und in der Spieleröffnung.

Almeida: "Immer noch einer der besten Innenverteidiger der Welt. Spielt bei Chelsea seit sechs Jahren auf höchstem Niveau. Er bringt einen riesigen Berg Erfahrung mit und ist einer der Anführer im Team."

Bruno Alves (28, FC Porto): Sieht furchterregend aus und eifert bei Porto seinem Nebenmann in der Nationalelf, Carvalho, nach. Der Innenverteidiger ist bei Standards auch vor des Gegners Tor brandgefährlich - schon fünf Tore in 30 Länderspielen.

Almeida: "Er ist Portos Schlüsselspieler und dort auch Kapitän. Wurde 2009 zum besten Spieler der Liga und zu Portugals Fußballer des Jahres gewählt."

Rolando (24, FC Porto): Nur zwei Buchstabendreher von Ronaldo entfernt, allerdings auf dem Platz eher für das Grobe zuständig. Spielt mit Alves bei Porto innen, im Nationalteam als Nachfolger von Carvalho in Lauerstellung.

Almeida: "Ein junger Mann, ihm gehört die Zukunft. Mit 1,90 Meter ist er vor allem bei Kopfballduellen sehr stark."

Ricardo Costa (29, OSC Lille): Kantiger Innenverteidiger, bekannt aus Wolfsburg. Erst acht Länderspiele. Wird bei der WM wohl keine Minute spielen.

Almeida: "Hat schon für Valencia, Wolfsburg und Lille gespielt. Ist nach langer Zeit mal wieder in der Nationalmannschaft dabei."

Fabio Coentrao (22, Benfica Lissabon): Könnte die Lösung auf der linken Abwehrseite sein, wo eine große Lücke klafft. Startete die Saison mit sieben Toren in sieben Spielen, am Ende waren es immerhin elf. Kommt mit der breiten Brust eines portugiesischen Meisters nach Südafrika. Sein Problem: Ist offensiv deutlich stärker als defensiv.

Almeida: "Er ist unser Küken im Team, hat sich aber bereits in den WM-Playoffs gut geschlagen und sich dort das Vertrauen des Teamchefs verdient."

Mittelfeld

Pepe (27, Real Madrid): Das dicke Fragezeichen. Hat seit Dezember wegen eines Kreuzbandrisses kein Spiel mehr absolviert. Bekam dieser Tage von den Ärzten grünes Licht für einen WM-Einsatz. Bei Real in der Innenverteidigung, bei Portugal im defensiven Mittelfeld zuhause - wenn er denn fit ist. Wurde wie Deco und Liedson in Brasilien geboren - und trifft bei der WM auf seine alte Heimat.

Das sagt Hugo Almeida: "Ein exzellenter Defensiv-Spieler. Er ist vor seiner Verletzung Stammspieler bei Real gewesen, das sagt alles. Er hat eine gute Technik und ist vor allem sehr schnell."

Raul Meireles (27, FC Porto): Der Rechtsfuß ist neben Pepe gesetzt und damit Nachfolger von Petit und Maniche. Ist am besten, wenn man ihn gar nicht bemerkt. Oder, wenn er zwei Tore macht (wie beim 3:1 im Test gegen Kamerun am Dienstag).

Almeida: "Noch einer der Porto-Fraktion, mit ihm spiele ich schon sehr lange zusammen. Ein laufstarker Mittelfeldspieler mit einem überragenden Passspiel."

Pedro Mendes (31, Sporting Lissabon): Ein Spätstarter im Nationalteam, rückte erst im Januar durch seinen Wechsel von den Glasgow Rangers nach Portugal wieder in den Fokus von Queiroz. Backup im zentralen Mittelfeld.

Almeida: "Pedro ist sehr erfahren, hat aber erst sieben Länderspiele auf dem Buckel. Queiroz gab ihm letztes Jahr in der WM-Quali gegen Ungarn eine Bewährungschance - seitdem ist er fest dabei."

Nani (23, Manchester United): Hat sich in England in dieser Saison viel Respekt erarbeitet, weil er nicht mehr ganz so verspielt wie früher ist - nachzufragen bei den Bayern. Ist in Queiroz' 4-2-3-1 auf dem rechten Flügel gesetzt. Feiert seine Tore immer mit einer waghalsigen Turnübung.

Almeida: "Nani hat sich bei ManUtd einen Stammplatz erarbeitet. Ein schneller Spieler, der ein Spiel entscheiden kann. Auf dem rechten Flügel bei uns nicht mehr wegzudenken."

Deco (32, FC Chelsea): Immer noch das Gehirn der Mannschaft und zentrale Figur im offensiven Mittelfeld der Portugiesen. Nicht mehr der Spritzigste, aber immer für den entscheidenden Pass gut. Wohl sein letztes großes Turnier.

Almeida: "Er ist seit 2003 fester Bestandteil unseres Teams. Jeder Nationaltrainer hat ihm bislang blind vertraut. Ein überragender Spielmacher."

Simao (30, Atletico Madrid): Mit 80 Länderspielen (21 Tore) der Erfahrenste der Queiroz-Truppe. Der beidfüßige Wirbelwind spielt am liebsten zentral, ist im Nationalteam aber auf den Flügeln zuhause. War 2007 Fußballer des Jahres in Portugal. Sein Problem: Sind Ronaldo, Deco und Nani fit, ist für ihn kaum Platz im Team.

Almeida: "Er spielt schon seit 1998 bei uns, ist damit der Dienstälteste. Hat in der WM-Quali eine Menge wichtiger Tore geschossen."

Danny (26, Zenit St. Petersburg): In Venezuela geboren, in Portugal nur Statist, in Russland zum Star geworden: Daniel Miguel Alves Gomes musste erst für 30 Millionen Euro von Dynamo Moskau nach St. Petersburg wechseln, bis man ihn in der Heimat richtig wahr nahm. Kann zentral oder rechts offensiv spielen.

Almeida: "Ein sehr schneller Mittelfeldspieler, der in Russland für Furore sorgt und seit 2008 fester Bestandteil unserer Mannschaft ist. Er war 2008 für Portugal bei den Olympischen Spielen dabei."

Duda (29, FC Malaga): Linksfuß und auf der Außenbahn zuhause - was ihn angesichts von Cristiano Ronaldo zwingend ins zweite Glied drückt. Könnte allerdings auch links hinten die Notlösung sein.

Almeida: "Duda ist ein sehr schneller Außen. Bemerkenswert: Er hat seinen Durchbruch in Cadiz geschafft und seine ganze Karriere in Spanien verbracht."

Tiago (29, Atletico Madrid): Allzweckwaffe im zentralen Mittelfeld. Verletzte sich im Test gegen die Kapverden (0:0) leicht und verpasste das Spiel gegen Kamerun, kann aber bei der WM auflaufen. Enttäuschte bei Juventus Turin, blühte aber bei Atletico seit dem Winter wieder auf.

Almeida: "Tiago darf sich seit kurzem Europa-League-Sieger nennen und gehörte 2006 schon zum Team, das das WM-Halbfinale erreichte."

Miguel Veloso (24, Sporting Lissabon): Einer der Jüngsten im Team und vielseitig verwendbar. Hat bei Sporting schon zentral offensiv, zentral defensiv und als Linksverteidiger gespielt. Deswegen auch in Portugals Kader.

Almeida: "Miguel kann verschiedene Positionen bekleiden und ist deswegen für Queiroz sehr wertvoll. Bei Sporting war er einer der besten in dieser Saison."

Angriff

Cristiano Ronaldo (25, Real Madrid): Kapitän, Torjäger (22 Länderspieltore), Weltfußballer. Kann Gegenspielern Knoten in die Beine zaubern, gibt manchmal aber auch die Paris Hilton des Fußballs. Lechzt mit der Nationalmannschaft nach einem Titel.

Das sagt Hugo Almeida: "Er ist unser Star-Spieler und jeder von uns setzt in ihn große Hoffnungen. Er ist einer der besten Spieler, die Portugal je hatte. In der Vergangenheit war es Figo, der den Unterschied ausgemacht hat. Jetzt ist es Ronaldo."

Liedson (32, Sporting Lissabon): 96 Tore in der portugiesischen Liga. Der gebürtige Brasilianer wurde erst nach der EM eingebürgert und kam spät zu ersten Länderspiel-Weihen. Ist die etwas spielstärkere Alternative zu Hugo Almeida im Sturmzentrum. Die WM ist seine letzte Chance, sich auch außerhalb Portugals als Weltstürmer vorzustellen.

Almeida: "Ein schneller und tödlicher Stürmer. Wir sind froh, dass er sich für Portugal entschieden hat."

Hugo Almeida (26, Werder Bremen): Streitet sich mit Liedson um einen Platz im Sturm. Hat einen Mordshammer aus der Distanz und ist insgesamt etwas bulliger als Liedson. Könnte vor allem gegen das defensive aber robuste Nordkorea ein Trumpf sein.

Almeida: "Eine WM zu spielen war mein Traum, seit ich Fußball spiele. Es ist der Höhepunkt einer Karriere, eine Belohnung für die harte Arbeit der letzten Jahre. Jetzt möchte ich bei der WM alles geben und meinem Trainer das in mich gesetzte Vertrauen zurückzahlen."

 

Coach

Carlos Queiroz (57): Wurde in Mosambik geboren und coachte die Nationalmannschaft bereits von 1990 bis 1993. Zudem führte er Luis Figo und Co. 1989 und 1991 zu zwei U-20-Weltmeistertiteln. Ist der ewige Co von Sir Alex Ferguson und scheiterte 2003/2004 als Coach von Real Madrid. Seit er 2008 die Nationalelf wieder übernahm, ist mehr Ordnung auf dem Platz - allerdings ist der offensive Esprit früherer Tage abhanden gekommen. Größter Angriffspunkt seiner Kritiker: Er kann aus vielen Individualisten kein Team formen.

Almeida: "Queiroz ist ein exzellenter und erfahrener Coach. Er spricht viel mit den Spielern und hört ihnen auch zu, wenn sie was zu sagen haben. Wir haben das Gefühl, dass er der richtige ist."

Daten & Fakten zu Portugals WM-Kader

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