Kleiner Chef, großer Auftrag

Von Florian Bogner
Freitag, 02.07.2010 | 22:25 Uhr
Javier Mascherano wurde 2003 erstmals in die A-Nationalmannschaft Argentiniens berufen
© Imago
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Javier Mascherano ist bei Argentinien nicht der brillanteste Fußballer, wohl aber der verlässlichste. Deshalb führt er die Albiceleste gegen Deutschland (15.45 im LIVE-TICKER und auf Sky) als Kapitän aufs Feld. Nicht nur Diego Maradona hält große Stücke auf den unerbittlichen Balldieb.

Wenn man in Argentinien als Fußballer ernst genommen werden will, braucht man einen Spitznamen. Diego Maradona ist als "el Diez", die Zehn, bekannt - oder auch simpel als "el Dios", Gott. Lionel Messi wird mit "la pulga", dem Floh, verglichen und Juan Sebastian Veron ist die kleine Hexe, "la brujita".

Für Javier Mascherano gibt es auch ein Synonym: "el jefecito", der kleine Chef. Und Mascherano hat sich diesen Beinamen bereits mit 26 Jahren redlich verdient.

Als Maradona im Herbst 2008 das Amt des argentinischen Nationaltrainers übernahm, überraschte er mit der Ankündigung, dass der damals erst 24-jährige Mascherano ab sofort die Kapitänsbinde der Albiceleste tragen werde. "Solange ich die Verantwortung habe, brauche ich ihn als Kapitän", sagte Maradona auf seiner ersten Pressekonferenz.

Mascherano verkörpere einfach am besten, was Maradona sich unter einem Nationalspieler vorstelle: "Gib allen Schweiß, den Du hast, opfere Dich, verhalte Dich stets wie ein Profi und sei vor allem ein guter Teamkamerad."

"Mascherano plus zehn weitere"

Mascherano ist im defensiven Mittelfeld des zweimaligen Weltmeisters seit Jahren unumstritten. Er erledigt seinen Job als Balldieb und Bindeglied zwischen Abwehr und Mittelfeld ohne jeglichen Hang zur Dramatik. Man könnte auch sagen: Mascherano ist so gut, weil man ihn nicht bemerkt.

Die Kapitänsbinde gibt seinem Wirken nun mehr Gewicht. "Eigentlich sollte ich sagen, dass sich dadurch nichts verändert hat", sagte Mascherano vor der WM über sein Kapitänsamt. "Aber Spielführer deines Landes zu sein, erfüllt einen mit ungeheurem Stolz."

Wann immer man Maradona nach seinem Kapitän befragt, gibt der Trainer zum Besten, das Mascherano für ihn nicht zu ersetzen ist. "Argentinien, das ist Mascherano plus zehn weitere Spieler", sagte der Coach bereits im März 2009.

Der Spieler selbst bleibt trotz aller Lobeshymnen bescheiden, sagt aber auch, dass er sich dieser Aufgabe gewachsen fühlt: "Ich habe bereits eine Weltmeisterschaft in den Beinen und bin in der Zwischenzeit noch reifer geworden."

Analyse: So ist Argentinien zu knacken

Ein Franzose als Vorbild

Zwischen all der Eleganz im Spiel der Albiceleste besticht der 26-Jährige vor allem durch perfektes Stellungsspiel, Zweikampfstärke und Lauffreude. Lücken tun sich in seinem Hoheitsgebiet so gut wie nie auf. Wenn ein Kollege schläft, läuft Mascherano das Loch wieder zu. Nicht selten ist er der Spieler, der am Ende der Partie die meisten Kilometer auf dem Tacho hat.

"Mein Vorbild war immer Claude Makelele. Das ist schwer zu erklären, denn es ist eigentlich nicht so, dass ich so sein wollte wie er, aber bei ihm hatte ich stets das Gefühl, dass er Fußball genau so interpretiert wie ich", sagt Mascherano.

Head to Head: Nicht nur auf die Haare achten!

Wie Makelele ist Mascherano in der Offensive nur sehr selten anzutreffen. Für Liverpool hat er es in dreieinhalb Spielzeiten auf kümmerliche zwei Premier-League-Tore gebracht. Auch in der Nationalmannschaft stehen erst zwei Treffer zu Buche.

Lob von Pele

In Europa ist sein Name seit der WM 2006 ein Begriff. Ein Jahr zuvor war er, der Argentinier, nach Brasilien zu Corinthians Sao Paolo gewechselt und hatte selbst den großen Pele, den Anhänger der großen Künstler, mit seiner effektiven und vor allem mannschaftsdienlichen Spielweise in Verzückung versetzt.

"Was für ein exzellenter Spieler", sagte Pele damals. "Ein wundervoller Mittelfeldspieler!" Im WM-Viertelfinale, das Argentinien gegen Deutschland nach Elfmeterschießen verlor, war er der beste Mann auf dem Platz, nahm Michael Ballack fast komplett aus dem deutschen Spiel.

Seit 2008 ist Mascherano auch ein Rekordhalter: Sowohl in Athen als auch in Peking gewann er mit der verstärkten U 23 Olympisches Gold - zwei Goldmedaillen für Argentinien hatte bis dato nur der Polo-Spieler Juan Nelson (1924 und 1936) abgeräumt.

Mascherano siegessicher

Das Turnier in Südafrika ist bereits Mascheranos dritte Weltmeisterschaft als Argentinien-Kapitän. 2001 führte er den Nachwuchs der Albiceleste bei der U-17-WM aufs Feld, 2003 bei der U-20-WM. Beide Turniere schloss Argentinien als Vierter ab. Das soll sich 2010 nicht wiederholen.

"Das ist das bisher wichtigste Spiel der ganzen WM", sagte Mascherano vor dem erneuten Viertelfinal-Duell mit dem DFB-Team am Samstag. "Deutschland ist gut in Form und spielt guten Fußball. Aber wir sind selbstbewusst genug. Dieses Mal werden wir den Platz als Sieger verlassen", ist sich der 26-Jährige sicher.

Von Maradona hat er nicht weniger als den klaren Auftrag bekommen, am 11. Juli den WM-Pokal in die Höhe zu stemmen. "Dieses Mal wird 'Masche' dran sein. Und er wird ihn auch nicht wieder loslassen wollen. Es wird ihm genauso gehen wie mir", sagte Maradona vor dem Turnier.

Mascheranos Antwort folgte prompt: "Oh, das wäre wunderbar! Aber nicht aus egoistischen Gründen. Mir ist es eigentlich egal, wer den Pokal in der Hand hat. Hauptsache, wir haben den Titel für unser Land geholt."

Argentinier spannen vor Viertelfinale aus

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