Erkenntnisse des zweiten WM-Spieltags

Das Leid des alten Kontinents

Von Florian Bogner
Dienstag, 22.06.2010 | 16:00 Uhr
Die letzte Hoffnung der Squadra Azzurra: Der angeschlagene Andrea Pirlo
© Getty
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Während Südamerika rockt, droht Europa die ganz große Blamage. Schiedsrichter und Superstars suchen noch nach ihrer Form. Und Meuterei ist in. Das Fazit zum 2. WM-Spieltag.

Wie sieht es in den einzelnen Gruppen aus?

Gruppe A: Frankreich hat sich auf und abseits des Platzes bis auf die Knochen blamiert. Mexiko und Uruguay vermieden einen Nicht-Angriffspakt, stehen aber trotzdem beide im Achtelfinale. Einziger Haken: Mexiko muss jetzt wohl gegen Argentinien ran. Gegen die Albiceleste war vor vier Jahren schon Endstation. Südafrika ist als erste Gastgeber-Nation in der Vorrunde ausgeschieden.

Gruppe B: Argentinien ist nach den ersten zwei Spielen weiter einer der Top-Favoriten auf den Titel. Nigeria war gut zum warm spielen, das naive Südkorea wurde in der zweiten Halbzeit auseinander genommen. Gegen Ottos Griechenland gibt's jetzt nicht mehr als ein Schaulaufen - und die Chance, ein paar Mann zu schonen. Wer auch immer sonst noch weiter kommt, wird es im Achtelfinale sehr schwer haben.

Gruppe C: Englands Verunsicherung ist bis in die heimischen Medien greifbar. Gegen das unangenehm zu spielende Slowenien muss ein Sieg her, sonst sind die Three Lions raus. Die USA verschlief Halbzeit eins gegen die Slowenen, hat gegen das torlose Algerien jedoch das Weiterkommen in der eigenen Hand. Deutschland - so fern es weiter kommt - wird nachmittags schon mal rüber schielen, gegen wen es im Achtelfinale gehen könnte...

Gruppe D: Komische Gruppe. Ganz klar - Deutschlands Niederlage gegen ein in Überzahl mauerndes Serbien war unnötig wie ein Kropf. Afrikas Beste aus Ghana sind nach zwei Spielen mit nur zwei Toren Erster, könnten aber trotzdem am Ende rausfliegen. Selbst das rotgeplagte Australien hat noch Minimalchancen, wenn es bei Ghana gegen Deutschland einen Sieger gibt und die Socceroos die Serben in der richtigen Höhe schlagen. Wie gesagt: komische Gruppe...

Gruppe E: Kaum einmal kam die Niederlande mit so wenig Aufhebens durch die Vorrunde. Die zwei Auftritte waren nüchtern, beinahe langweilig, aber am Ende zählte nur das Ergebnis. Spielerisch wird's eh besser, wenn Robben zurück kommt. Kamerun hat sich schrecklich präsentiert und tritt zurecht die Heimreise an. Zwischen dem nicht minder schrecklichen Japan und dem passablen Dänemark steigt ein Endspiel um Platz zwei.

Gruppe F: Italien spielte wenig weltmeisterlich - fast schon bieder, hat aber nach wie vor alles in den eigenen Schuhen. Und wer zweifelt schon daran, dass die Azzurri weiter kommen? Auch das erfrischende Paraguay und die leidenschaftlichen Neuseeländer haben im direkten Duell das Weiterkommen in der eigenen Hand. Nur die Slowakei fällt etwas ab und müsste im letzten Spiel gegen Italien gewinnen - bei einem Sieg Neuseelands sogar hoch.

Gruppe G: Die einzige Gruppe, in der bereits (fast) alles klar ist. Schade eigentlich, so verkommt das Bruderduell zwischen Brasilien und Portugal zum Muster ohne Wert. Interessant wird nur, wer als Erster ins Achtelfinale geht. Die Elfenbeinküste müsste zum Weiterkommen neun Tore auf Portugal aufholen. Aber Nordkorea wird sich sicherlich nicht noch mal so abschlachten lassen, wie gegen berauschte Portugiesen.

Gruppe H: Klar ist schon mal: Spanien braucht im letzten Spiel gegen Chile dringend einen Sieg. Die Südamerikaner waren bislang die taktische Entdeckung der WM, das offensive 3-3-1-3 ist eine weitere Betrachtung wert. Schade nur, dass die Chilenen raus wären, wenn sie gegen Spanien verlieren und die Schweiz mit zwei Toren Unterschied gegen die Hobbykicker aus Honduras gewinnt.

Wer kommt weiter, wer bleibt auf der Strecke? Der Tabellenrechner!

Was machen die Superstars?

Bei der Weltfußballer-Wahl 2009 waren neben dem Sieger Messi noch Ronaldo, Xavi, Iniesta und Kaka in der engeren Auswahl. Vollends überzeugt hat von ihnen noch keiner. Messi spielt zwar herausragend, lässt aber zu viele Chancen liegen. Ronaldo traf mit Mithilfe zum unbedeutenden 6:0 gegen Nordkorea. Xavi ist noch ohne Assist, Iniesta angeschlagen, Kaka trotz zweier Vorlagen gegen die Ivorer noch nicht ganz fit. Drogba ist durch seinen Ellenbogenbruch deutlich gehandicapt, Rooney nicht austrainiert, Robben noch nicht im Einsatz. Ribery ging aktionslos mit Frankreich unter. Bislang noch nicht die WM der Superstars.

Überzeugend spielen bislang eher einge 1b-Weltstars. Higuain (3 Tore), Forlan (2), Luis Fabiano (2), Tiago (2) und Villa (2) führen die Torschützenliste an. Maicon war bei Brasilien zweimal stark, bei Italien gefiel mit Abstrichen De Rossi. Bester Holländer war in beiden Spielen eigentlich Elia, hat aber nach wie vor keinen Stammplatz.

Welche (international eher unbekannten) Spieler überzeugten?

Tor: Benaglio zeigte zwischen den Schweizer Pfosten zweimal, dass er ein Meister seines Faches ist (SPOX-Durchschnittsnote 1,5). Dänen-Keeper Sörensen überragte im Spiel gegen Kamerun, Nigeria-Schlussmann Enyeama war eineinhalb Spiele lang ein Riese, dann führte sein Klops zur Niederlage gegen Griechenland. Eduardo (Portugal), Muslera (Uruguay), Bravo (Chile) und Stekelenburg (Niederlande) hielten ihre Kästen als einzige sauber.

Abwehr: Die Innenverteidiger-Entdeckungen heißen bislang Alcaraz (Paraguay), Ponce (Chile) und Reid (Neuseeland). Isla (Chile) rannte Honduras auf Rechts in Grund und Boden, auch der Niederländer van der Wiel spielte bislang überzeugend. Linksverteidiger Salcido (Mexiko) lieferte gegen Frankreich eine bärenstarke Partie ab, Ronaldo-Hintermann Coentrao war ständiger Antreiber gegen Nordkorea.

Mittelfeld: Ein überragendes Spielmachertalent sucht man bislang vergebens. Mit guten Ansätzen in der Zentrale: Vera (Paraguay) und der Portugiese Tiago. Stark auf der Sechs präsentierten sich Carmona (Chile) und Riveros (Paraguay). Bradley riegelte bei den US-Amerikanern ordentlich ab und traf gegen Slowenien. Montolivo hielt Italien auf Kurs. Aus deutscher Sicht überzeugten Müller und Özil.

Angriff: Stoß-Stürmer? Kaum ein überzeugender Auftritt. Die Zukunft liegt offenbar auf den Außen. Sanchez (Chile) spielt seinen Gegnern Knoten in die Füße, Dos Santos dreht bei Mexiko auf, Rommedahl (Dänemark) schoss Kamerun im Alleingang ab, Pereira ist heimlicher Star der Urus. Mexikos Hernandez bewies bereits, warum ihn ManUtd unbedingt haben wollte. Smeltz ist mit Tor und Assist bislang der beste Neuseeländer - und will in die Bundesliga.

Worüber man sonst noch spricht:

Geht doch mit den Toren: 25 Toren in den ersten Gruppenspielen folgten 41 Treffer in den zweiten - na also! Insgesamt war das Niveau deutlich höher, mit Uruguay (3 Tore), Argentinien (4) und Portugal (7) ließen es einige auch richtig krachen.

Schiedsrichter, ohne Kommentar: Die ganze Welt regt sich über die Schiris auf. Zehn Platzverweise in 32 zum größten Teil fairen Spielen sind ohne Frage zu viele. Dazu stimmt bei einigen das Maß nicht: Die einen geben zu viele Karten (siehe GER-SRB, CHI-SUI), die anderen zu wenige (s. BRA-CIV). Die FIFA zeigte sich übrigens in einem Statement mit den gezeigten Leistungen der Unparteiischen zufrieden.

Meuterei ist in! Über Anelka-Gate wurde schon genügend berichtet. Mittlerweile bangt sogar Präsident Sarkozy um das Ansehen der ganzen Nation und beorderte deshalb die Sportministerin Bachelot zum Team. Die teilte den Herren Kickern dann mit, "dass sie für unsere Kinder nicht mehr Helden sein können. Sie haben die Träume ihrer Landsleute, ihrer Freunde und ihrer Fans zerstört." Ob das motiviert hat? Bei England packte Terry mal seine Testikel auf den Tisch - leider nur gegenüber den Medien und musste am Dienstag zurückrudern. Muntari beschimpfte nach Ghanas 1:1 gegen Australien gleich Gott und die Welt, darf aber weiter im Team bleiben.

Südamerika rockt: Alle fünf Vertreter der CONMEBOL stehen nach zwei Spielen auf Platz eins ihrer Gruppen und sind nach zehn Spielen ungeschlagen - WM-Rekord! Bei Brasilien und Argentinien war das irgendwie zu erwarten - Uruguay, Paraguay und Chile hingegen überraschten vor allem durch taktische Disziplin, überragende Fitness und spielerische Überlegenheit. Außerhalb Europas strich übrigens immer Südamerika den WM-Titel ein - könnte wieder so laufen.

Europa bangt: Die Europäer laufen indes fast alle ihrer Top-Form hinterher. "Sie haben alle Probleme. Die Spanier, die Engländer, die Franzosen, die Deutschen oder auch die Italiener", grantelte bereits Kaiser Franz und kam zum Resümee: "Die Kleinen werden besser, die Großen werden schlechter." Pikant: Den vier europäischen Titelträgern der WM-Geschichte Italien, England, Deutschland und Frankreich droht das Vorrunden-Aus.

Fazit Spieltag 1: Tore, wir wollen Tore!

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