Kapitän ohne Mannschaft

Von Andreas Lehner
Freitag, 25.06.2010 | 18:40 Uhr
Versucht John Terry (r.) hier Steven Gerrard die Binde zu klauen?
© Getty
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John Terry verlor wegen eines Sex-Skandals die Kapitänsbinde, sieht sich aber weiterhin als Chef. Seine versuchte Revolution scheiterte. Es war der Gipfel einer Reihe von skurrilen Skandalen, die auch seinem Image als Mr. Chelsea schaden.

John Terrys Krönung hätte in Moskau stattfinden sollen. Im Elfmeterschießen. Er war der fünfte Schütze des FC Chelsea im Champions-League-Finale gegen Manchester United.

Auf dem langen Weg vom Mittelkreis zum Strafraum wirkte er entschlossen. Er spuckte nach links, er spuckte nach rechts und zog sich mit der rechten Hand die Kapitänsbinde am linken Arm zurecht.

Es mag eine unbedachte Bewegung gewesen sein, aber es war wohl eher ein Zeichen. John Terry ist kein Mann, der die Binde mit dem großen C nur spazieren trägt. Nein, er wollte der ganzen Welt, die in diesem Moment zweifelsohne gebannt auf ihn schaute, zeigen, dass er der Skipper dieser Mannschaft ist und dass dieser Skipper jetzt gleich den entscheidenden Elfmeter verwandeln wird.

Doch es kam, wie es kommen musste für einen Engländer. Er scheiterte.

Übergroßes Ego

Nun wird Terry dieses Schicksal am Sonntag im ewig jungen Duell mit Deutschland (So., 15.45 Uhr im LIVE-TICKER und auf SKY) vermutlich erspart bleiben.

Erstens hat sich Trainer Fabio Capello auf fünf andere Schützen (Lampard, Gerrard, Rooney, Milner, Barry) festgelegt und zweitens hat er ihm vor gut vier Monaten die Kapitänsbinde weggenommen, nachdem Terrys Affäre mit der Frau seines Kollegen Wayne Bridge öffentlich wurde und der Chelsea-Spieler in den Medien ein klägliches Bild abgab.

Aber auch diese Episode machte mal wieder klar, dass sein Ego mindestens so groß ist wie der hünenhafte John Terry selbst.

"Ich bin zwar als Kapitän abgesetzt worden, aber ich habe Fabio Capello gesagt, dass sich nichts ändern wird. Ob in der Kabine oder auf dem Platz - ich werde Präsenz zeigen und meinen Mund aufmachen", kündigte er vor dem ersten Auftritt in Südafrika an. Und er sollte Wort halten.

Abgeblasene Revolution

Schon nach den ersten beiden nicht gewonnen Spielen setzte sich Terry vor die Presse und zettelte das an, was später als abgeblasene Revolution bezeichnet wurde.

Er kündigte eine schonungslose Aussprache mit dem Trainer an, wollte ihm Joe Cole in die Aufstellung quatschen und gab vor, im Namen der Mannschaft zu sprechen. Denn: "Ich bin für diese Aufgabe geboren", wie Terry meinte.

Nur blöd, dass der Großteil seiner Kollegen von seinem Vorpreschen ähnlich irritiert war wie der Rest der Welt - und sich vom ehemaligen Kapitän abwendete.

Der eigentliche Kapitän der Mannschaft, Steven Gerrard, war nicht begeistert von Terrys Auftritt, ersparte sich aber einen öffentlichen Gegenschlag. Mehr als ein "er hat gesagt, was er gesagt hat, jetzt müssen wir nach vorne schauen", war ihm nicht zu entlocken.

Skurille Skandale

John Terry hat in den letzten Monaten viel von dem eingebüßt, was ihn in den Jahren zuvor zu einer Galionsfigur des englischen Fußballs gemacht hat. Der ehemalige englische Nationaltrainer und jetzige Wolfsburg-Coach Steve McClaren pries einst "Mut, Autorität, Talent, Zuverlässigkeit, hohes Ansehen und taktisches Geschick" des Verteidigers.

Außerhalb des Platzes lässt er diese Eigenschaften aber oft vermissen und benimmt sich sichtlich ungeschickt. 2008 geriet er in die Kritik, weil er mit seinem Bentley zwei Stunden lang einen Behindertenparkplatz blockiert hatte.

Für Schlagzeilen sorgten auch feuchtfröhliche Abende in Striplokalen, Affären mit Teenie-Fans und private Gästetouren über Chelseas Trainingsgelände, für die er 10.000 Pfund kassierte. Vor der WM verschickte eine von ihm beauftragte Marketingagentur eine E-Mail an tausende Firmen, in der Terry als "eine der einflussreichsten Personen der Welt" bezeichnet wurde, um ihn als Werbeträger zu platzieren.

Dazu kommen immer wieder die Verfehlungen seiner Eltern. Terrys Vater wurde schon mehrmals mit Kokain erwischt, seine Mutter beim Ladendiebstahl in der englischen Supermarktkette Tesco, dem britischen Pendant zu Aldi.

"Das Herz unserer Mannschaft"

Das Image des glorifizierten Mr. Chelsea hat Risse bekommen. Und auch auf dem Platz ist Terry nicht mehr die Instanz früherer Tage. Zwar ist er in der Luft nach wie vor ein fast unbezwingbarer Gegner und wirft sich in jeden Schuss, der auf das englische Tor abgefeuert wird. Aber in Laufduellen wirkt er nicht mehr so spritzig und offenbart deutliche Schwächen im Passspiel und Spielaufbau.

Zudem fehlt ihm im englischen Nationalteam nach dem Ausfall von Rio Ferdinand ein Stabilisator an seiner Seite. In den letzten vier Spielen musste er jeweils mit einem anderen Partner (Ferdinand, King, Carragher, Upson) in der Innenverteidigung auskommen. Trotzdem haben die Engländer eigentlich noch kein richtiges Gegentor bekommen. Beim einzigen warf sich Robert Green den Ball selbst ins Tor.

Für Chelsea-Kumpel Cole ist Terry ohnehin "der beste Innenverteidiger der Welt. Er ist ein außergewöhnlicher Spieler und das Herz unserer Mannschaft." Man braucht kein Hellseher sein, um zu wissen, dass auch John Terry dieser Meinung ist.

Die Teams vor dem Klassiker: Formkurve spricht für England

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