32 Länder - 32 Geschichten: Brasilien

Dungas Jagd nach dem Hexa

Von Florian Bogner
Mittwoch, 09.06.2010 | 21:00 Uhr
Alles hört auf sein Kommando: Carlos Dunga (grüne Trainingsjacke) gibt bei Brasilien den Ton an
© Getty
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32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: Brasilien.

Carlos Dunga hatte die Chance. 1990, im WM-Achtelfinale in Turin, zehn Minuten vor Schluss: da wischte Diego Maradona an Dunga vorbei, unaufhaltsam rannte er Richtung brasilianisches Tor und Dunga hatte die Möglichkeit, Maradona mit einem taktischen Foul zur Strecke zu bringen.

Dunga fuhr auch das Bein aus, doch Maradona hüpfte einfach drüber, umspielte zwei weitere Brasilianer und gab den Ball schließlich tödlich an Claudio Caniggia ab. 1:0 Argentinien, Brasilien war ausgeschieden. Dunga wurde von der heimischen Presse als Sündenbock erklärt. "Die Ära Dunga ist zu Ende", schrieb man in der Heimat - und das war noch harmlos. Dunga war damals erst 26.

Dunga ist kein Held

Heute ist Carlos Dunga 46 Jahre alt und Coach der brasilianischen Nationalmannschaft. Müßig zu erwähnen, dass er als 30-Jähriger, vier Jahre nach dem proklamierten Ende seiner Nationalmannschaftskarriere, den WM-Pokal als Kapitän der Selecao in Los Angeles doch noch in Empfang genommen hatte.

Auf Heldenstatus wartete Dunga in der Heimat dennoch vergebens - nur ein weiterer WM-Titel, einer als Trainer, könnte nun dafür sorgen, dass man ihn am Zuckerhut vielleicht doch noch ein Denkmal errichtet, wobei er niemals die Popularität eines Mario Zagallo oder gar eines Pele erreichen wird.

Das liegt vor allem daran, dass Dungas Verhältnis mit der heimischen Presse seit den Tagen von Turin - gelinde gesagt - zerrüttet ist. Der Trainer wittert hinter jeder kritischen Zeile eine Verschwörung, die Medien begegnen ihm wiederum mit überbordender Skepsis.

Der einbeinige Pele

Seinen Höhepunkt fand dieses bizarre Verhältnis neulich, als Dunga seinen WM-Kader bekannt gab. Kein Ronaldinho, kein Adriano, kein Pato, kein Diego - selbst in Europa war der Aufschrei groß. In Brasilien hätte man hingegen vor allem die Santos-Jungstars Ganso (20) und Neymar (18) gerne im Aufgebot gesehen - Dunga hörte bewusst nicht hin.

"Dunga, Gott sei Dank warst Du nicht 1958 Nationaltrainer, denn unter diesen Voraussetzungen hättest Du Pele nicht zur WM mitgenommen", stöhnte der anerkannte Journalist Cicero Mello auf.

Dungas Antwort kam prompt: "Wenn ihr einen neuen Pele findet, dann bringt ihn mir und ich stelle ihn auf - auch, wenn er nur ein Bein hat." Und mit Blick auf Ganso und Neymar meinte er lapidar: "Ich bin geholt worden, um die WM 2010 zu gewinnen - nicht um junge Spieler für 2014 vorzubereiten."

Wer sich Dungas 23 Mann für Südafrika ansieht, kommt nicht umhin zu sagen: Die Zeiten des "Joga Bonito", des schönen Spiels, sind vorbei. Zusammen mit seinem Co-Trainer Jorginho hat sich Dunga in den vier Jahren seit dem enttäuschenden Viertelfinal-Aus bei der WM in Deutschland nur Spieler herausgepickt, die bedingungslos hinter ihm und seinen taktischen Vorgaben stehen. Mit über 28 Jahren im Schnitt ist vor allem viel Erfahrung dabei.

80 Spieler, 40 Siege

Über 80 Spieler testeten die beiden in vier Jahren. 2007 gewann man die Copa America, 2009 den Confed Cup. Die Spieler, die schon im Vorjahr in Südafrika dabei waren, bilden nun auch das Gros der Mannschaft. Vom verstärkten U-23-Team, das 2008 bei Olympia nur Bronze holte, ist indes kaum einer übrig.

"Was sie sehen, ist die Arbeit von dreieinhalb Jahren", sagte Dunga zu seinen Nominierten und schoss in Richtung Medien: "Ich kann doch nicht einfach vergessen, was war, und nur etwas ändern, weil ihr es so haben wollt."

Seit dem die "Mission Hexa" - der sechste WM-Titel soll her - offiziell am Rollen ist, herrscht zwischen Dunga und der Presse eine Art Burgfrieden. Nach 40 Siegen in 55 Spielen seit 2006 hat Dunga die Argumente auf seiner Seite. Und weil der Coach bereits verkündet hat, nach der Weltmeisterschaft Platz zu machen, lässt ihn die Schreiberzunft weitestgehend in Ruhe.

Zu viel Zirkus 2006

Was ihm zudem Pluspunkte einbrachte: Dunga betonte während seiner Amtszeit stets, nicht dieselben Fehler wie sein Vorgänger Carlos Alberto Parreira machen zu wollen, der die Vorbereitung zur WM 2006 zu einer einzigen Zirkus-Veranstaltung verkommen ließ.

Das Trainingslager in der Schweiz war damals eine Farce - jedes Training war öffentlich, meist ergötzten sich 10.000 Zuschauer an den Mäzchen, die Ronaldinho und Co. auf den Trainingsplatz zauberten. Zudem hatte der Fernsehsender "GloboTV" derart laxe Zugangsrechte zum Team, dass es ein Wunder war, das die Spieler auf dem Gang zur Toilette nicht auch noch von Kameras verfolgt wurden.

Viel gröber war jedoch das Versäumnis von Parreira, sein Team nicht zu einer verschworenen Gemeinschaft geformt zu haben. Ronaldinho, Ronaldo und Adriano - hinter vorgehaltener Hand auch Party-Fraktion genannt - lieferten außer ein paar Kunststückchen nicht viel ab.

Und die zweite starke Fraktion im Team um Lucio, Ze Roberto und Kaka, die vor allem der starke christlichen Glauben einte, riss sich für die verspielten Offensiv-Artisten nicht den Hintern auf. "Selbst wenn du das beste Team des Turniers bist, heißt das nicht, dass du automatisch gewinnst - das haben wir gelernt", sagte Kaka dem "Kicker".

Ein verändertes Brasilien

Dunga nahm dies alles als warnendes Beispiel und führt Parreiras Fehler immer an, wenn er von seinem Plan, dem großen Ganzen spricht. Nicht ohne Grund schwebte die Selecao schon am 27. Mai in Südafrika ein - weg vom Rummel in Brasilien. Öffentliche Trainingseinheiten gibt es nicht mehr und die Fernseh-Reporter haben nun meist Absperrungen zwischen sich und den Spielern stehen.

Dungas mitunter konservativ anmutender Stil findet auch auf dem Platz Ausdruck: Der 46-Jährige lässt entgegen dem brasilianischen Gusto aus einer sicheren Defensive agieren und stellt nicht selten ein 4-3-1-2 auf - mit sieben defensiv denkenden Spielern auf dem Feld.

Natürlich wird Brasilien in Spielen gegen Nordkorea auch weiter auf 60, 70 Prozent Ballbesitz kommen. Doch Dunga bevorzugt die Hab-Acht-Stellung auf dem Platz: Den Gegner kommen lassen und dann gnadenlos auskontern, am besten über die schnellen Außen.

Sein Plan erinnert ein wenig an die Spielweise von 1994, als Brasilien auch schnörkellos spielte und ohne große Stars auskam - von Romario und Bebeto mal abgesehen. "Talent alleine reicht nicht mehr", sagt Dunga.

Maicon: Ruhig auch mal dreckig

Glaubt man den Aussagen der Spieler in den letzten Wochen, steht das Team bedingungslos hinter Dungas Spielstil. "Ich will Weltmeister werden - ob mit schönem Spiel oder nicht, ist mir egal", sagt Rechtsverteidiger Maicon trotzig. "Wenn wir für den Triumph dreckig spielen müssen, werden wir das tun. Bei einer WM zählen nur Siege."

Doch ob das Team das Potenzial für den großen Wurf hat? Kritiker werfen Dunga vor, zu wenige Alternativen parat zu haben, sollte es mal nicht laufen.

Die Stammelf baut in der Offensive ausschließlich auf die Qualitäten von Kaka, Robinho und Luis Fabiano - die Ersatzstürmer Nilmar und Grafite können da nicht mithalten.

So müssen schon Ramires und vor allem Dani Alves als Plan B herhalten - beide sind pfeilschnell und können so im Mittelfeld Akzente setzen, sollte sich das Spiel festgefahren haben. Dunga hat dazu auch eine Antwort parat. "Die Leute fragen immer nach Überraschungsmomenten", sagte er neulich. "Aber Überraschungen gibt es nur, wenn man nicht richtig vorbereitet ist."

Teamporträt Brasilien: Dungas neue Handschrift

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