Drei Titel, drei Zeitgeschichten

Von Stefan Rommel
Freitag, 11.06.2010 | 11:46 Uhr
Andreas Brehme (2.v.l.) erzielte im 1990 im Finale das entscheidende Tor per Elfmeter
© Getty
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32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: Deutschland.

Alle drei deutschen WM-Titel gingen einher mit wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder politischen Umwälzungen im Land. Ein Rückblick.

Und plötzlich wurde es Fritz Walter wieder schlecht. Der alte Fritz hatte vor seinen Spielen immer mal wieder mit Magenkrämpfen und Übelkeit zu kämpfen, oft genug musste er sich übergeben.

So war es auch dieses eine Mal. Aber diesmal war es kein gewöhnliches Spiel der Südwestliga gegen Homburg oder Pirmasens. Diesmal stand Walter in den Katakomben und blickte den Spielern der ungarischen Nationalmannschaft in die Gesichter.

Jenen Ungarn, die seine Mannschaft knapp zwei Wochen zuvor mit 8:3 vom Platz gefegt hatte wie eine starker Wind ein paar welke Blätter von einem Baum.

Als Niemand zur WM

Deutschland war zum ersten Mal nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wieder bei einer WM dabei. Als ein Niemand, sportlich, politisch und wirtschaftlich.

Deutschland hatte in den Nachkriegsjahren im Ausland einen schweren Stand, die Erinnerungen an den Krieg waren noch viel zu frisch. Wir waren nicht anerkannt. Wer bitteschön war Deutschland?", beschreibt Horst Eckel im Gespräch mit SPOX das unsichere Gefühl, mit dem sich er und seine Kameraden im Juni 1954 in die Schweiz aufmachten.

Zu Hause lagen einige Landstriche noch in Trümmern, die Nation erholte sich von den Gräueln des Krieges. Überall gab es viele Zweifel und wenig Hoffnung. Obwohl die neue Regierung um Bundeskanzler Konrad Adenauer im Ausland erste zaghafte Bande knüpfen konnte.

In Deutschland konnte nicht jeder verstehen, warum ausgerechnet für etwas Unwichtiges wie Fußball Gelder ausgegeben wurden, wo jede Mark besser gerbraucht werden konnte.

Aufschwung dank Anti-Helden

Das 3:2 im Finale von Bern und vor allen Dingen dessen Zustandekommen versetzten dann nicht nur Fußball-Fans in einen Rausch. Auch der Rest der Nation erwachte aus dem Koma.

Und mindestens genauso wichtig: Deutschland widersprach dem Klischee. Hier hatte keine herrische Kampfmaschine den Pokal gewonnen. Sondern eine Ansammlung demütiger Anti-Helden.

Genau diese Bescheidenheit stand im krassen Gegensatz zu den Weltmachtsphantasien, denen der Großteil der deutschen Bevölkerung nur zehn Jahre zuvor noch blind ins Verderben gefolgt war. Und das machte die Deutschen wieder ein Stück weit sympathisch.

Ludwig Erhard mag bis heute als Synonym für das danach folgende Wirtschaftswunder in Deutschland gelten. Die Mannschaft um Fritz Walter aber war dessen heimlicher Initiator.

Fußball rückt in den Hintergrund

Zwanzig Jahre später war Deutschland längst eine Weltwirtschaftsmacht und vor der WM im eigenen Land der Topfavorit auf den Titel. Zwei Jahre zuvor hatte Deutschland zum ersten Mal den EM-Titel errungen, mit einem Fußball, so schön und leichtfüßig, wie er den Deutschen gar nicht zugetraut wurde.

Und trotzdem lagen einige Schatten auf der Weltmeisterschaft 1974. Im Land tobte ein Kampf der 68er Bewegung gegen die alten Kader, die Studenten revoltierten gegen die bürgerlichen Lebensformen. Die RAF bombte sich durch die Republik.

Zwei Jahre zuvor, bei den Olympischen Spielen von München, stürmte der "Schwarze September" das olympische Dorf und das Appartement der israelischen Mannschaft. 19 Menschen starben, alle 13 Geiseln, die fünf palästinensischen Entführer und ein deutscher Polizist.

Klassenkampf elektrisiert die Massen

Mit den noch frischen Erinnerungen und dem tobenden Klassenkampf im Hintergrund bestritt Deutschland die WM - die im Vorfeld im Prinzip nur ein Thema hatte: Das Vorrundenspiel gegen die DDR.

1500 handverlesene Fans durften die Grenze nach Westen passieren und sahen mit 60.000 anderen im Hamburger Volkspark, wie der kleine Bruder im einzigen Vergleich der Geschichte mit 1:0 die Oberhand behielt. Ein Sieg des Systems für die DDR.

Für die BRD dagegen in der Stunde der schlimmsten Niederlage die Geburt der zweiten Weltmeistermannschaft. Der kleine Ort Malente in Schleswig-Holstein sollte sich in der Nacht nach dem Spiel jenen Ruf erwerben, den Spiez zwanzig Jahre zuvor hatte.

Rotwein hilft zu vergessen

Auf einer von Kapitän Franz Beckenbauer einberufenen Krisensitzung wurden aufgestauter Ärger und Streit innerhalb der Mannschaft förmlich in ein großes Glas geschüttet und mit literweise Rotwein runtergespült.

Plötzlich wurde aus einem Haufen begabter, aber zaudernder Einzelkönner eine verschworene Gemeinschaft. Deutschland war längst nicht mehr der große Favorit. Aber plötzlich war Deutschland auf den Punkt da.

In der Zwischenrunde gelangen drei Siege in drei Spielen, mit dem unvergessenen 1:0 bei der Regenschlacht von Frankfurt gegen die Polen als Abschluss. Das 2:1 im Finale gegen die Niederlande war der logische Schlusspunkt einer verrückten WM, deren Gewinn Deutschland zu einem großen Teil ausgerechnet dem Klassenfeind zu verdanken hatte.

Deutschland zittert sich nach Italien

Als 1989 in Ungarn die Schlagbäume fielen und Hans-Dietrich Genscher im September auf den Balkon der Deutschen Botschaft in Prag trat, zitterte der DFB wie selten zuvor um sein Ticket zu einer Weltmeisterschaft.

Im Trubel um die sich anbahnende Wiedervereinigung ging beinahe unter, dass Deutschland im letzten Spiel gegen Wales einen Sieg brauchte, um bei der WM in Italien dabei zu sein. Das erzitterte 2:1 ist bis heute eine der größten Nervenschlachten der DFB-Geschichte.

Im darauffolgenden Sommer wurde dann das wahr, was sich Deutsche in Ost und West fast vier Jahrzehnte lang nicht mehr vorstellen konnten: Deutschland feuerte wieder eine Mannschaft an. Vom Trabi bis zum Mercedes überschwemmten die Teutonen den Brenner.

DFB-Team einigt Fußball-Deutschland

In Mailand, Rom oder auf Sardinien waren Kennzeichen der noch existierenden Länder zu sehen. De facto aber waren sie längst eins. Wenn auch mit Berührungsängsten auf beiden Seiten. Da traf es sich sehr gut, dass die deutsche Mannschaft schnell zur nötigen Völkerverständigung beitrug.

Deutschland marschierte glanzvoll durch die Vorrunde, im Achtelfinale wurde der Erzfeind Niederlande aus dem Weg geräumt. Nach Siegen über die Tschechoslowakei und England wurde das Finale von Rom gegen Argentinien quasi zu einem Heimspiel.

Knapp 40.000 deutsche Fans feierten den dritten Triumph, unten auf dem Rasen ging Franz Beckenbauer seine wohl berühmtesten Schritte. Drei Monate später war Deutschland nicht mehr "nur" Weltmeister - sondern endlich wieder Deutschland, einig Vaterland.

Teamporträt Deutschland: Ohne den Häuptling

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