32 Länder - 32 Geschichten: Griechenland

Griechisches Schleudertrauma

Von Fatih Demireli
Freitag, 14.05.2010 | 09:38 Uhr
Zico war nur gut vier Monate als Trainer bei Olympiakos Piräus tätig
© Getty
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32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: Griechenland.

Arthur Antunes Coimbra, weltbekannt und geliebt als Zico, hat in seiner 57 Jahre alten Lebensgeschichte viel erlebt.

Der Brasilianer war ein überragender Fußballer, ein torgefährlicher Spielmacher, einer der besten Freistoßschützen der Geschichte. Zico nahm an drei Weltmeisterschaften teil und ist heute Bestandteil des Dream Teams - die beste brasilianische Selecao aller Zeiten.

Seine Trainerkarriere ist ähnlich bewegt. Mit Japan wurde er 2004 Asienmeister. Fenerbahce Istanbul führte er erstmals in der Vereinsgeschichte in das Viertelfinale der Champions League, im usbekischen Bunjodkor löste er eine Rieseneuphorie aus, mit ZSKA Moskau wurde er Pokalsieger.

Justizbeamter entlässt Zico

Auch bei seiner letzten Station wurde Zico gefeiert. Mit Olympiakos Piräus schaffte der "weiße Pele" die Qualifikation für das Achtelfinale der Champions League und das Los Girondins Bordeaux machte Hoffnung, dass die Reise mindestens bis in die Runde der letzten Acht weitergehen könnte.

Einem Mann war das egal: Socrates Kokkalis. Der mächtige Olympiakos-Boss setzte Zico auf die Straße, weil er nicht nur gegen Bordeaux gewinnen wollte, sondern auch im Ligaspiel gegen die graue Maus Kavala. Weil das Spiel aber 0:0 endete und die Fans auf die Barrikaden gingen, folgte die frühzeitige Entlassung.

Und das auf eine Weise, die den sonst besonnenen Zico in Rage brachte. Der Bote Hiob war die Webseite des Klubs. Wenig später klingelte es an Zicos der Haustür. "So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich wurde von einem Justizbeamten entlassen, als hätte ich etwas Rechtswidriges gemacht", so Zico.

Ketsbaias kurzes Vergnügen

Das Aus bei Olympiakos ließ den 57-Jährigen kurzzeitig sogar über den Fortlauf seiner Karriere zweifeln. "Ich bin traurig und enttäuscht. Es ist nicht mehr sicher, im Fußball zu arbeiten", sagte er damals. Dabei ist Zico einer von vielen - das Trainerentlassen hat sich Klub-Eigentümer Kokkalis zum Hobby gemacht, obwohl seine Übungsleiter oft sehr erfolgreich sind.

Auch Zico-Vorgänger Temur Ketsbaia wurde mit Pauken und Trompeten eingestellt, hatte er doch mit seinem Ex-Klub Anorthosis Famagusta in der Saison zuvor in der Qualifikation zur Champions League ausgerechnet Olympiakos ausgeschaltet und sich einen Namen in Griechenland und vor allem beim alten Kokkalis gemacht.

Kokkalis als Barca-Trainer

Aber Ketsbaia durfte sich kein halbes Jahr beweisen und musste gehen. Ketsbaias Vorgänger Ernesto Valverde holte mit Olympiakos 2008 sogar das Double, bekam aber keinen neuen Vertrag.

"Wann wird Herr Valverde jemals wieder mit einem Verein das Double holen? Selbst wenn ich als Trainer bei Barcelona einsteigen würde, komme ich unter die ersten drei", so Kokkalis über die Entlassung des Spaniers, der heute beim FC Villarreal arbeitet.

Für Ewald Lienen sind die zum Teil kuriosen Entlassungen keine Überraschung. "Ich war zweieinhalb Jahre in Griechenland. In dieser Zeit gab es nur ein, zwei Trainer, die ebenfalls die komplette Zeit über beim gleichen Klub waren", so Lienen im Gespräch mit SPOX.

Auch Lienen musste gehen

Der Trainer des TSV 1860 München war zwischen 2006 und 2008 bei Panionios Athen tätig. Zwei Mal führte er den Hauptstadtklub in den UEFA-Pokal und wurde deswegen sogar 2007 zu Griechenlands Trainer des Jahres gewählt.

Aber auch Lienen wurde Opfer des griechischen Traumas auf dem Schleudersitz, als sich die Wege 2008 trennten. "Die Fluktuation war damals schon groß, das war immer so", so der 57-Jährige.

Charisteas: "Sie denken nicht an die Zukunft"

Angeführt von den Vorzeigeklubs Olympiakos und Panathinaikos, das in der aktuellen Meistersaison Henk ten Cate vor die Tür setzte, herrscht im griechischen Profifußball ein Trainerchaos. Geduld gibt es keine. Wer nicht funktioniert, muss gehen. Zwölf der 16 Erstliga-Klubs wechselten in der gerade abgelaufenen Saison ihre Trainer - teilweise sogar mehrmals.

"Die Klubverantwortlichen denken nicht an die Zukunft, sondern wie sie am besten durch den Tag kommen", sagt Angelos Charisteas.

Während der Stürmer des 1. FC Nürnberg ein trübes Bild über die Situation in seiner Heimat malt ("Die Tendenzen sind eindeutig negativ"), blickt Lienen aber durchaus positiv in die Zukunft: "Der griechische Fußball hat sich sehr positiv entwickelt. Es gibt sehr viele große Talente in Griechenland."

Der Finanzkollaps als Chance?

Allerdings wird noch zu wenig auf die eigene Jugend gesetzt. Dies gilt sowohl für die Spieler als auch für die Trainer. Besonders die Großklubs engagieren lieber Ausländer, die mit hoch dotierten Verträgen ausgestattet werden und bei ihrer Entlassung die horrenden Abfindungen dankend mitnehmen. Die Klubs verlieren Geld, Konstanz und Erfolg, der vor allem international ausbleibt.

Vielleicht ist sogar die aktuell sehr angespannte Situation auf dem griechischen Finanzmarkt eine Chance für den griechischen Fußball. Der Engpass wird auch vor dem Fußball keinen Halt machen, zumal viele Klubs von privaten Gönnern, wie Kokkalis bei Olympiakos, unterstützt werden.

Die Gürtel müssen nun enger geschnallt werden. Schon vor dem Kollaps in Griechenland gab es immer wieder Gerüchte über Geldsorgen der großen Klubs. Eine Chance für die Jugend?

Rehhagel als Vorbild

Ob jetzt ein Umdenken stattfindet, ist noch unklar. Die junge griechische Trainerzunft wartet auf ihre Chance und Ex-Panionios-Coach Lienen sieht die Voraussetzungen für Griechenlands Trainer geschaffen: "Bis vor kurzem gab es noch keine so intensive Trainer-Ausbildung. Das wurde in den letzten Jahren deutlich verbessert. De Ausbildung dort erreicht mittlerweile UEFA-Niveau."

Wie es geht, langfristig am Trainer festzuhalten, beweist der griechische Fußballverband.

Otto Rehhagel, dessen Griechen in Südafrika wieder mit dabei sind, heuerte 2001 an, holte 2004 die Europameisterschaft, verpasste aber 2006 die Qualifikation zur WM und schied 2008 in der EM-Vorrunde sang- und klanglos aus.

An eine Trennung dachte der Verband aber nie. "König Otto" ist damit aber die einsame Ausnahme in Griechenland.

Der komplette WM-Spielplan im Überblick

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